Kein eigener Spielausschuss für die Frauen in Hessen

Altmodisch, fatal, ganz schlechtes Bild - Viel Kritik nach Fußball-Verbandstag

Die Allendorferin Victoria Schmidt kämpft mit Tatjana Ilzenhäuser um den Ball.
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Frauen in Aktion: Die Allendorferin Victoria Schmidt kämpft mit Tatjana Ilzenhäuser um den Ball. Beim hessischen Verbandstag haben die Frauen einen wichtigen Kampf verloren, einen eigenen Spielausschuss wird es nicht geben.

„Die Entscheidung ist aus der Zeit gefallen.“ Ellen Berghöfer aus Haubern ist immer noch geschockt über das, was beim Verbandstag des Hessischen Fußball-Verbandes passierte. Dort sollte am Samstag ein eigenständiger Spielausschuss für den Frauenbereich installiert werden - eigentlich eine Formalie. Am Ende scheiterte der Antrag aber, vier Stimmen fehlten zur erforderlichen 2/3-Mehrheit.

Frankenberg/Korbach – Bislang ist es im hessischen Fußball so, dass sich der Frauenbereich selber organisiert, jede Entscheidung muss aber vom Spielausschuss der Männer abgesegnet werden. Dies wollte der Verbandsvorstand ändern und die Frauen gleichstellen, wie es in den anderen Landesverbänden mittlerweile längst gehandhabt wird.

Am Ende folgte eine krachende Niederlage, die vor allem die Fußballerinnen, aber auch Funktionäre ratlos, sauer und kopfschüttelnd zurückließ. „Der Hessische Verband war einmal Vorreiter in den 80er und 90er Jahren in Sachen Frauenfußball. Mit dieser Entscheidung hat man nun die Uhr 50 Jahre zurückgedreht“, sagt die Haubernerin Berghöfer, die Kassenwartin und Frauenreferentin des Kreises Marburg ist und als Delegierte in Frankfurt vor Ort war.

Nach der Entscheidung ergriff Berghöfer das Mikrofon, um ihren Unmut kund zu tun. „Hätte ich das mal vorher gesagt, vielleicht hätte ich noch ein paar Delegierte umgestimmt“, bedauert die ehemalige Fußballerin, die unter anderem für den TSV Battenberg gespielt hat und die nach eigenem Bekunden gerade in ihrer aktiven Laufbahn viele skurrile Situationen erlebt hat, bei denen Frauen alles andere als gleichberechtigt behandelt wurden.

Doch warum stellten sich vor allem viele südhessische Kreise, aber auch der Kreis Gießen gegen das Vorhaben des Verbandsvorstandes? Offen positioniert hatten sich die Gegner beim Verbandstag nicht. Hinter der Hand hört man, dass persönliche Differenzen eine Rollen gespielt haben könnten, aber auch die Angst, dass ein eigenständiger Frauenbereich Dinge entscheiden könnte, mit denen die Männer Schwierigkeiten gehabt hätten. Dass die nun getroffene Entscheidung völlig gegen den Zeitgeist geht, scheint bei den Gegnern kein Problem gewesen zu sein. Auch Berghöfer sagt: „Das muss man sich im Jahr 2021 mal vorstellen: Bei uns regiert seit 16 Jahren eine Frau als Bundeskanzelerin und der hessische Fußball ist nicht in der Lage, den Frauen Eigenständigkeit zu geben.“

Ellen Berghöfer verwies auf einen weiteren Aspekt: „Richtig schlimm fand ich, dass auch Frauen gegen den Antrag gestimmt haben. Das geht doch gar nicht, dass man sich gegen die eigene Selbstständigkeit stellt.“ Auch sie hofft, dass das Thema nicht vom Tisch ist, sondern in Zukunft wieder behandelt wird. „Vielleicht merken bis dahin ja einige, dass diese Entscheidung kein gutes Licht auf den Verband wirft“, sagt Berghöfer. Denn eines ist für sie klar: „Wir Frauen können das. Und wir können auch nach solchen Aktionen wieder aufstehen.“

Bei den Kreisfußballwarten aus Waldeck und Frankenberg kam das Verhalten der Gegner eines eigenen Verbandsspielausschusses für die Frauen nicht gut an. „Es ist schade und traurig, dass das nicht geklappt hat“, sagt Jürgen Schicke, Fußballwart des Kreises Frankenberg. Er und die anderen Frankenberger Delegierten hätten das Vorhaben unterstützt, wie auch die Kollegen der benachbarten Kreise Marburg und Biedenkopf. Die demokratische Entscheidung sei nun zu akzeptieren, allerdings wies Schicke auch darauf hin, dass nicht ausgeschlossen ist, dass das Thema beim nächsten Verbandstag wieder auf die Tagesordnung kommt.

Geradezu bestürzt über das Abstimmungsergebnis zeigte sich noch immer Gottfried Henkelmann. Der Waldecker Kreisfußballwart hatte im Namen der Region Kassel mit einem weithin beachteten Appell an die Delegierten leidenschaftlich für den Antrag des Präsidiums geworben. „Wir lassen uns für 50 Jahre Frauenfußball in Hessen feiern, dann brauchen wir auch die Gleichstellung“, sagte er auf Anfrage dieser Zeitung.

Die Ablehnung des Antrags werfe ein „fatales, ganz schlechtes Bild“ auf den Verband, sagte Henkelmann. Sie sei „altmodisch“, passe überhaupt nicht in die Zeit. Getroffen hat ihn das Verhalten einzelner Kollegen. In einer ersten Abstimmung im Februar 2020 (für den damals noch im selben Jahr geplanten Verbandstag) hätten alle 32 Kreisfußballwarte für die Autonomie des Spielausschusses der Frauen votiert. Dieses Votum hätten sie noch im Juli dieses Jahres bestätigt.

Nun legten einzelne Fußballchefs eine Kehrtwende hin, teils unter Verweis auf abweichendes Stimmverhalten ihrer Delegierten. Sachliche Begründungen? Bekam Henkelmann nicht zu hören. „Rational erschließt sich mir das nicht“, betonte er.

Die angebliche Sorge, Entscheidungen der Frauen könnten auf den Männerbereich ausstrahlen und dessen Autonomie begrenzen, teilt Henkelmann nicht. „Ich sehe die Gefahr nicht.“ Es gebe Satzungen und Ordnungen, an die sich die Frauen halten müssten, sowie Vorstand und Präsidium, die Änderungen genehmigen müssten.

An Spekulationen, dass einzelnen Delegierte gezielt eine Verbandsfußballwartin Silke Sinning verhindern wollten, wollte sich Henkelmann nicht beteiligem. Wäre es so gewesen, dann wären das in seinen Augen „niedrige Beweggründe“. Henkelmann betonte: „Es sollte nicht um Personen gehen, sondern um die Sache.“

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