Sportvereine verunsichert: Offene Fragen zu Mindestlohn

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Auch die Regionalligisten sind vom Mindestlohngesetz betroffen: Im Bild einn Zweikampf zwischen Baunatals Nico Schrader (links) und dem Hoffenheimer Kevin Akpoguma.

Kassel. Folgende Situation: Ein Fußball-Klub setzt sich den Aufstieg in die Verbandsliga zum Ziel. Damit er die Chancen verbessern kann, benötigt er noch einen Torjäger.

Für monatlich 250 Euro verpflichtet er einen Spieler mit eben diesen Qualitäten. Nur: Seit Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro zum 1. Januar 2015 ist die Sache aber längst nicht mehr so klar und einfach. Die Sportvereine in Deutschland sind in großer Sorge. Zurecht?

Wer ist von diesem Gesetz betroffen? 

Alle Vereine, egal, ob aus dem Bereich des Fuß-, Hand- oder Basketballs, müssen sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Denn es gilt zu klären: Wird jemand beschäftigt, dem eine entsprechende Entlohnung zusteht? Es müssen nicht unbedingt Spieler sein, auch Trainer, Betreuer, Abteilungsleiter, Platzwarte oder Geschäftsstellen-Mitarbeiter kommen theoretisch in Betracht.

Wieso kocht das Thema jetzt so hoch? 

Das hängt mit einem Interview zusammen, das Rainer Koch, Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der Welt am Sonntag gab. Darin erklärte er: „Einige Vereine, deren Verträge mit Spielern und Trainern betroffen sind, werden es schwer haben, die nötigen Budgets für die Bezahlung des Mindestlohns zu finanzieren.“

Warum herrscht so viel Verunsicherung?

In Paragraph 22 heißt es zwar, dass ehrenamtliche Mitarbeiter nicht unter das Mindestlohngesetz fallen, so richtig sicher sein können sich die Verantwortlichen der Klubs aber trotzdem nicht. Schließlich dürfte nicht immer einwandfrei zu erkennen sein, ob bei Amateuren oder Vertragsspielern die ehrenamtliche sportliche Betätigung und nicht die finanzielle Gegenleistung für ihre Tätigkeit im Vordergrund steht.

Weswegen tun sich alle Beteiligten mit diesem Thema noch schwer?

Momentan weiß in den Sportvereinen niemand so genau, was alles zur Arbeitszeit gerechnet werden muss. Was ist, wenn ein Handballer vormittags noch Krafttraining absolviert? Oder was ist mit Sponsoren-Terminen am Abend? Das muss erst noch geklärt werden. Rolf Hocke (Wabern), der Präsident des hessischen Fußball-Verbandes (HFV), hat angekündigt, dass jedem Klub seines Zuständigkeitsbereichs in Kürze ein Leitfaden zugeschickt wird. Zudem wünscht er sich, dass der Deutsche Olympische Sportbund (DSOB) sowie der DFB „mit dem Gesetzgeber in einigen Punkten nachverhandeln“ - wenn es erforderlich sein sollte. Ähnlich verfährt der niedersächsische Verband (NFV). Wie NFV-Justiziar Walter Burkhard mitteilt, werden den 2600 Mitgliedsvereinen am heutigen Freitag wichtige Informationen übermittelt: „Auch beim Staffeltag der Oberliga Niedersachsen Ende Januar werden wir informieren.“

Wer steht besonders im Blickpunkt? 

Die Sportler, die mit Verträgen ausgestattet sind. Allein in Hessen gibt es zurzeit 700 Vertragsfußballer – von der Hessenliga bis zur B-Klasse.

Was sagt die Vereinigung der Vertragsfußballer (VdV)? 

Der zuständige Geschäftsspieler Ulf Baranowsky betont: „Für die Spieler ist das neue Gesetz grundsätzlich gut. Viele von ihnen verdienen in den unteren Ligen derzeit vier Euro und weniger pro Stunde – und das teilweise unter Vollprofi-Anforderungen.“ Er bezieht sich auf die Kicker, die in Mannschaft ab der vierten Liga abwärts tätig sind.

Wie reagieren die Klubs in dieser Region? 

Die Gesetzesänderung hat etwa die Verantwortlichen des Fußball-Regionalligisten KSV Baunatal auf den Plan gerufen. So wurde Kontakt mit dem Steuerberater aufgenommen. „Wir haben einige Spieler, die im Monat 200 bis 600 Euro bekommen“, sagt KSV-Vorsitzender Timo Gerhold, „deswegen lassen wir dies jetzt prüfen.“ Zumal der Unfallversicherungsschutz durch die Berufsgenossenschaft erlischen würde, wenn sich der Verein nicht an die Regeln zum Mindestlohn halten sollte. „Die Probleme darf man nicht den kleinen Vereinen überlassen“, sagt Thomas Kneuer, der Manager des Hessenligisten OSC Vellmar.

Was können die Vereine im Moment tun? 

Es sind noch viele offene Fragen. Eines ist definitiv zu tun: den Kontakt zum Steuerberater suchen – sofern sich dieser nicht schon gemeldet hat. „Es gibt Gesprächsbedarf“, betont Manager Michael Stahl von den Oberliga-Handballern der ESG Gensungen/Felsberg.

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