Kasseler Alexander Wessel im Interview

Oberschiedsrichter-Pflicht im Tennis: Ex-Regelreferent bezieht Stellung

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Strittige Entscheidung: Ein lizenzierter Oberschiedsrichter kann bei Turnieren für Klarheit sorgen. 

Viele Tennisvereine in der Region sind beunruhigt. Durch eine Ankündigung des Hessischen Verbandes (HTV) müssen Ranglisten- und Leistungsklassen-Turniere ab dem 1. Januar 2020 mit entsprechenden Oberschiedsrichtern ausgetragen werden – so sieht es die Turnierordnung des Deutschen Tennis-Bundes (DTB) vor.

Die Klubs befürchten steigende Kosten. Alexander Wessel, der einzige lizenzierte A-Oberschiedsrichter in Nordhessen, begrüßt diese Pläne. Wir haben mit dem 43-Jährigen darüber gesprochen.

Wie fair gehen Tennisspieler miteinander um?

Grundsätzlich sehr fair. Allerdings gibt es auch Leistungs- und Altersklassen, in denen die Spieler unter Druck stehen. Da kann die Stimmung dann auch schon einmal umschlagen.

Weshalb finden Sie es richtig, dass geprüfte Oberschiedsrichter auch bei Ranglisten- und LK-Turnieren eingesetzt werden sollen?

Ich finde es gut, dass mit dieser Regelung ein Qualitätsstandard geschaffen wird. Wo Spieler bei Turnieren Geld für eine Teilnahme zahlen, haben sie auch einen Anspruch darauf, dass Turnier professionell und regelkonform abgewickelt wird. Dies wird durch die Vorgabe sichergestellt.

Einige Tennisfreunde meinen, sie könnten aufgrund eigener Turniererfahrungen einen reibungslosen Ablauf garantieren.

Das können Sie nicht. Niemand kann einen reibungslosen Ablauf im Vorfeld garantieren. Ich habe schon einen erfahrenen Verbandsfunktionär gesehen, der bei einer Meisterschaft als Oberschiedsrichter einen Abdruck auf einem Granulathallenboden entschieden hat. So etwas gibt es aber nur auf Sandplätzen. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Die Realität sieht aber auch so aus, dass häufig Beschwerden an den hessischen Verband herangetragen werden, weil irgendwo etwas nicht optimal gelaufen ist. Ein ausgebildeter Oberschiedsrichter kann Fehlerquellen minimieren beziehungsweise eliminieren und trifft seine Entscheidungen auf Basis seiner erlernten Regelkenntnis.

Können Sie die Sorgen der Klubs verstehen?

Eigentlich nicht. Meiner Meinung nach wird hier ein falscher Ansatz zugrunde gelegt. Wenn Vereine ein Turnier ausrichten wollen, dann müssen sie sich erst einmal die Frage beantworten: Was möchte ich ausrichten und welche Voraussetzungen muss ich hierfür erfüllen? Wenn sie den Oberschiedsrichter als Kostenfaktor betrachten, dann müssen sie eben etwas dafür tun, dass diese Kosten sinken – mein Rat: eigene Mitglieder zur Oberschiedsrichterausbildung anmelden. So entstehen in aller Regel keine großen Kosten. Wenn ich in meinem Verein als Oberschiedsrichter gebraucht werde, dann verlange ich persönlich kein Geld für meine Hilfe.

Wieso finden sich in dieser Region so wenig Tennisfreunde, die sich zu Oberschiedsrichtern ausbilden lassen wollen?

Alexander Wessel

Das würde ich auch gern wissen. Ein Grund könnte sein, dass es in Nordhessen nicht viele Einsatzmöglichkeiten gibt. Ich biete aber gern meine Unterstützung an. Als Ex-Regelreferent und lizenzierter A-Oberschiedsrichter dürfte ich, die Zustimmung des Verbands vorausgesetzt, B-Oberschiedsrichter ausbilden. In Absprache mit dem Verband ließe sich bestimmt etwas entwickeln. Bei C-Oberschiedsrichtern gibt es für mich gar keine Gegen-Argumente. An nur einem Tag bekommen die Teilnehmer genug Regelkunde vermittelt, um sicher durch ein Turnier zu kommen. Und eine Prüfung wie bei B-Oberschiedsrichtern gehört nicht dazu.

Ein Problem ist die Altersbegrenzung. B-Schiedsrichter dürfen nicht älter als 60, die nicht geprüften C-Oberschiedsrichter nicht älter als 70 Jahre sein.

Diese Regelung finde ich auch falsch. Wer noch fit ist, sollte diese Aufgabe übernehmen können. Gerade Menschen in diesen Altersklassen haben Zeit für diese Tätigkeit.

Inwieweit könnte der Tennisbezirk dazu beitragen, dass die Zahl der Oberschiedsrichter wächst?

Der Bezirk sieht sich offenbar nicht in der Pflicht, in diesem Bereich etwas zu tun. Dabei wäre es gerade wichtig, wenn aus dem Bezirk noch ein Impuls käme. In anderen Sportarten ist die Ausbildung von Schiedsrichtern ja selbstverständlich. Und ganz besonders ist die Situation in Bayern. Da findet kein Turnier, kein Punktspiel ohne einen Oberschiedsrichter statt.

Hintergrund

Die Ausbildung zum C-Oberschiedsrichter findet an einem Tag statt. Die Kosten dafür liegen bei etwa 20 bis 30 Euro. Eine Prüfung gehört nicht dazu. Alle zwei Jahre ist eine Auffrischung erforderlich. Wer sich zum B-Oberschiedsrichter ausbilden lässt, wird über zwei Tage in Theorie geschult. Die Kosten dafür belaufen sich auf 100 bis 150 Euro. Bevor er dann seinen ersten offiziellen Einsatz hat, muss er bei einem erfahrenen Oberschiedsrichter hospitieren. Nachdem der Anwärter drei-, viermal assistiert hat, tauscht er mit dem lizenzierten Oberschiedsrichter die Rollen. Er unterzieht sich einer praktischen Prüfung. B-Oberschiedsrichter dürfen beispielsweise in den Regional- und Hessenligen Spiele leiten. Vor allem sind sie berechtigt, den Verhaltenskodex des Deutschen Tennis-Bundes (DTB) anzuwenden. Das heißt: Er darf im Gegensatz zum C-Oberschiedsrichter Bestrafungen aussprechen. A-Oberschiedsrichter wie der Kasseler Alexander Wessel werden in der Bundesliga eingesetzt. C-Oberschiedsrichter dürfen Leistungsklassenturniere leiten. Auch bei Kreismeisterschaften kommen sie zum Einsatz – sofern die Titelkämpfe nicht als Ranglistenturnier veranstaltet werden.

Regelecke

Spieler A erklärt, der Ball von Spieler B sei im Aus gelandet. Spieler B hegt Zweifel und möchte den Abdruck sehen. Spieler A sagt, er könne den Abdruck nicht mehr finden, ist sich aber sicher, dass der Ball „Aus“ war. Es bleibt bei der Entscheidung „Aus“. Der Oberschiedsrichter wird Spieler A aber ins Gewissen reden: Sollte dies noch einmal passieren, könnte er das Verhalten von Spieler A als Unsportlichkeit und absichtliche Behinderung ahnden, was wiederum zum Punktverlust führt. Die weit verbreitete Annahme, dass ein Spieler den Punkt verliert, wenn er einen Abdruck nicht zeigen kann, ist ein Irrglaube. 

Zur Person

Alexander Wessel (43 Jahre) ist zurzeit der einzige A-Oberschiedsrichter in Nordhessen. Damit darf er Begegnungen in der Tennis-Bundesliga leiten. Bis 2017 war der Kasseler auch noch Regelreferent beim Hessischen Tennisverband (HTV). Wessel spielt selbst für den TC 31 Kassel, bei diesem Klub fungiert er auch als stellvertretender Vorsitzender. Der Polizeibeamte ist verheiratet und hat eine Tochter. 

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