Schnuppertag für Sportbegeisterte auf vier Rädern

Mit Rolli dem Filzball hinterher: Rollstuhltennis in Vellmar

Ball im Blick: Friedhelm Meyer aus Baunatal spielt in Vellmar zum ersten Mal Rollstuhltennis. Foto: Hedler

Vellmar. Hochkonzentriert und mit entschlossenem Blick schlägt Friedhelm Meyer aus Baunatal den gelben Filzball über das Netz. Mit der freien Hand blockiert er ein Rad und nutzt den Schwung des Schlages um seinen Rollstuhl zu drehen.

Dann beschleunigt er seinen Rolli um schnell die andere Ecke des Feldes zu erreichen, den Schläger immer zwischen Hand und Rad fest im Griff.

Meyer bewegt sich sicher. Dabei ist es seine Premiere. Er nimmt an einem Rollstuhltennis-Schnuppertag eines Vereins aus Rheinland-Pfalz in der Vellmarer Tennishalle Dockhorn teil.

Dass Rollstuhltennis gar nicht so weit vom Tennisspiel auf zwei Beinen entfernt ist, wird schnell klar. Die Vellmarer Tennishalle hat weder einen speziellen Belag, noch irgendwelche anderen Besonderheiten. Gespielt wird nach den üblichen Tennisregeln, Rollstuhlfahrer dürfen den Ball lediglich einmal mehr auftippen lassen. Die Leidenschaft und die Freude mit der die Rollstuhlfahrer zu Werke gehen, steht der von Menschen ohne Beeinträchtigung in nichts nach - im Gegenteil.

Meyer sitzt seit zehn Jahren im Rollstuhl, der Sport habe ihm die Lebensfreude zurückgebracht, sagt er. „Erst als ich 2013 zur Behinderten-Sportgemeinschaft in Kassel gekommen bin, habe ich aus meinem Loch gefunden. Bewegung und soziale Kontakte haben einfach gefehlt“, erinnert sich der 60-Jährige während einer kurzen Verschnaufpause. Seitdem hat Meyer einiges ausprobiert: Volleyball, Boccia, Basketball - alles aus seinem Sportrollstuhl heraus.

Noch nicht lange dabei, aber schon deutlich geübter ist Theo Garthe. Der Zwölfjährige gehört zum Rollitennis-Klub. Bei Schnuppertagen in ganz Deutschland zeigt er Neulingen wie es geht - so wie an diesem Tag in Vellmar.

Er macht es vor: Theo Garthe aus Rheinland-Pfalz spielt seit sechs Monaten Rollstuhltennis beim Rollitennis-Verein.

Theo wurde ohne Beine geboren, seit einem halben Jahr spielt er Rollitennis. Ohne Bewegung kann er nicht: Skateboarding im Sitzen, Tischtennis im Rollstuhl. Für Andere ist dies schwer vorstellbar, für Theo nicht. „Beim Tennis ist die Beschleunigung das Schwierigste. Das Ballgefühl habe ich durchs Tischtennis gelernt“, sagt der Rotschopf zu seinen Anfängen. Dass er Andere fürs Rollitennis begeistern kann, bedeutet ihm viel.

Aziz Shams aus Kassel ist heute zum ersten Mal hier. Der gebürtige Afghane sitzt nach einer Kriegsverletzung seit 1984 im Rollstuhl. „Man muss auf vieles achten: den Ball, den Gegner, den Rollstuhl. Das ist gar nicht so einfach“, sagt er mit breitem Grinsen. „Aber im Rollstuhl ist sowieso nichts einfacher als ohne“, schiebt er hinterher.

Von der Querschnittslähmung bis zum Knieschaden -auch für Menschen mit weniger schweren Handicaps als Theo Garthe, Friedhelm Meyer und Aziz Shams ist Rollitennis eine Alternative. Für den Anfang muss es kein spezieller Sportrollstuhl mit abgewinkelten Rädern und besonders engen Sitzen sein. „Der Spaß ist das Wichtigste.“ Sagt Theo.

Rollitennis-Verein ist Vorreiter

Der Rollitennis-Verein aus dem rheinland-pfälzischen Windhagen ist nach eigener Aussage der einzige reine Rollstuhltennis-Verein in Deutschland. Der Vorsitzende Jürgen Kugler sagt: „Als Verein, der sich ausschließlich Sportlern mit Handicaps widmet, können wir viel besser auf die individuellen Bedürfnisse eingehen.“ Kugler hat neben seinem B-Trainer -Schein Zusatzqualifikationen im Reha- und Behindertensport. „Rollitennis-Trainer müssen ein hohes Maß an Lernbereitschaft und Verständnis mitbringen“, so Kugler. Der Kontakt zu Tennishallen-Besitzer Manfred Dockhorn kam bei einem ATP- Tennisturnier zu Stande, in dessen Rahmen Rollitennis vorgeführt wurde. (pgd)

Von Gregory Dauber

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