Charis Wernhardt ist erfolgreich im Tischtennis – und von Geburt an ohne Gehör

Leise Töne, harte Schläge

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Für Harleshausen und den Nationalkader: Charis Wernhardt (16) hört nur sehr wenig. Das schränkt sie beim Tischtennisspielen aber nicht ein. Mittlerweile ist sie im deutschen Nationalkader für Gehörlose.

Kassel. Wenn Charis Wernhardt an der Tischtennisplatte steht, fällt nicht auf, dass sie kaum etwas hört. Seit ihrer Geburt ist die 16-Jährige ohne Gehör, dank eines Cochlea Implantats nimmt sie heute Geräusche ab 25 Dezibel wahr. An der Platte schmettert die junge Frau aber einen Ball nach dem anderen auf die gegenüberliegende Seite.

Wernhardt spielt Tischtennis, seitdem sie acht ist, bis zum vergangenen Jahr in Niestetal, jetzt beim SV Harleshausen. Dort ist sie in der Damenmannschaft in der Kreisliga aktiv – zum ersten Mal seit 1980 stellen die Harleshäuser in dieser Saison wieder Teams für Frauen. Vater Carsten Wernhardt erinnert sich an die Anfänge seiner Tochter: „Ihr erster Trainer hat damals gefragt, ob sie überhaupt den Ball höre. Ich habe dann geantwortet, dass sie mehr hört, als ihm lieb sei.“

Im Mai nahm Charis Wernhardt erstmals an der Deutschen Meisterschaft für Gehörlose in Essen teil – und das ziemlich erfolgreich. In der Jugend-Konkurrenz holte sie dreimal Silber: im Einzel, Doppel und Mixed. Bei den Damen reichte es im Doppel zusammen mit Anna-Lena Moll sogar zu Gold und im Mixed mit Mark Mechau zu Bronze.

Für den Erfolg tut die 16-Jährige viel: Viermal in der Woche steht abends Training auf dem Programm. Dienstags und freitags in Harleshausen, mittwochs Einzeltraining mit Andreas Staschull in Lohfelden und am Donnerstag freies Training in Waldau. Montags geht sie außerdem zum Schwimmen. Vater Carsten Wernhardt muss immer als Fahrer herhalten. „Das ist aber kein Problem. Wir sind alle rundum tischtennisbegeistert“, sagt der 44-Jährige. Denn er selbst und Sohn Finn sind ebenfalls an der Platte unterwegs. Nur Mutter Daniela Wernhardt spielt nicht.

Für Dortmund aktiv

Seit kurzer Zeit ist Charis Wernhardt, die die achte Klasse einer Schule für Gehörlose in Homberg besucht, zudem für den Gehörlosentischtennisverein in Dortmund aktiv. Der Unterschied: In Harleshausen darf sie mit dem Cochlea Implantat an der Platte stehen, in Dortmund wird ohne Hörgeräte gespielt, weil auch komplett taube Sportler dabei sind.

Als Nachteil für das Spiel seiner Tochter sieht Carsten Wernhardt das nicht: „Ich glaube, so kann sie sich noch mehr auf den Ball fixieren.“ Aber Charis Wernhardt reicht auch dieses straffe Programm noch nicht aus. Mittlerweile steht sie auch im Nationalkader für Gehörlose. Dadurch kommen noch einmal bis zu vier Lehrgänge pro Jahr dazu, an denen die junge Sportlerin teilnimmt. „Auf die Spritkosten gucken wir schon gar nicht mehr. Wir tanken nur noch“, sagt Carsten Wernhardt lachend.

2017 stehen die Deaflympics an, die Olympischen Spiele für Gehörlose. Charis Wernhardt wird dabei sein. Vorher geht es in den Sommerferien aber nach Tschechien. Natürlich zu einem Tischtennis-Trainingscamp.

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