Tischtennis

Penholderspieler aus Sao Paulo steigt mit Eintracht Felsberg zweimal auf

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Am Tisch in seinem Element: Diego Nery Menezes, seit 2017 in Deutschland und mit Eintracht Felsberg erfolgreich. 

Der Liebe wegen hat Diego Nery Menezes Brasilien verlassen und ist in Gensungen mittlerweile heimische geworden. Als willkommene Integrationshilfe entpuppten sich seine Qualitäten als Tischtennis-Spieler. 

16 Jahre hatte Diego Nery Menezes keinen Tischtennisschläger mehr in der Hand gehabt, als er sich beim Training des TSV Eintracht Felsberg vorstellte. „Das war schon ein komisches Gefühl, zumal ich auch etwas zugenommen hatte“, sagt der 37-Jährige, für den 2017 das Spiel mit dem 2,7 Gramm leichten Kunststoffball weniger eine sportliche Herausforderung denn „eine gute Möglichkeit, Leute kennen zu lernen und sich mit der deutschen Sprache auseinander zu setzen, war.“

Ein Brasilianer, der (statt Fußball) Tischtennis spielt? Ein Brasilianer, der Tischtennis spielt! Und zwar richtig gut. In Sao Paulo geboren, spielte er wie viele „paulistanos“ Ping Pong auf irgendwelchen öffentlich ausgestellten Tischen. Zunächst „aus Spaß und ohne Technik“, dann aber mit dem Wunsch, „es richtig zu lernen“. Also suchte sich der damals 13-jährige Junge einen Tischtennisverein („Itim Keiko“), lernte die Grundlagen dieses explosiven Rückschlagspiels und stieg mit 15 Jahren in eine Leistungsgruppe auf. Die erlaubte dem Penholderspieler sechs Mal in der Woche unter fachkundiger Anleitung zu trainieren und sich mit den besten der Zwölf-Millionen-Stadt im Südosten des größten lateinamerikanischen Landes zu messen. Seine beste Ranglistenplatzierung: Nummer zehn der Industriemetropole.

Sein Talent und seine außergewöhnlichen Fähigkeiten am Tisch ließ der Linkshänder auch in den sportlichen Wettkämpfen seiner Schulmannschaft aufblitzen. Mit dem äußerst nützlichen Nebeneffekt, dass ihm bzw. seinen Eltern 50 Prozent der Kosten für die Privatschule erlassen wurden. „Sonst hätten wir uns die gar nicht leisten können“, blickt Diego Nery Menezes zurück.

So aber schaffte er mit 18 sein Abitur – und hörte wegen seines Studiums des Wirtschaftsingenieurwesens mit dem Tischtennis auf. Dabei fuhr er von Beginn an zweigleisig. Machte parallel zur Universität bei einem Hersteller von Druckern und Computerzubehör – eine Firma, die zu dieser Zeit zu Samsung gehörte – ein Praktikum und wurde schon 2003 dort fest angestellt. 2010 stieg der Ingenieur gar zum Vertriebsleiter in Belo Horizonte, etwas 600 Kilometer nördlich von Sao Paulo, auf.

Dann lernte er Sabine Koch, zu dieser Zeit auf einer Weltreise in Patagonien (einer Region, die zu Chile und Argentinien gehört) kennen. Und lieben. Die Betriebswirtin aus Felsberg kehrte wenig später nach Brasilien zurück – und blieb in Belo Horizonte, wo sie 2013 Diego Nery Menezes heiratete.

Neue Heimat Gensungen

Allerdings: Spätestens seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 (und der 1:7-Schmach im Halbfinale gegen Deutschland) führten steigende Lebenshaltungskosten und die sinkende Wirtschaftsleistung Brasiliens im Zuge fallender Rohstoffpreise neben einer Reihe von Korruptionsskandalen zu landesweiten Großdemonstrationen.

Eine Krise, die durch einen parlamentarischen Putsch gegen die 2014 wieder gewählte Präsidentin Dilma Roussef verschärft wurde und auf der Straße in Vandalismus und einer Steigerung der sowieso schon hohen Kriminalitätsrate mündete. „Es gab Überfälle im Freundeskreis und ich fühlte mich einfach nicht mehr sicher“, begründete Sabine Koch ihre immer konkreter werdende Idee nach Deutschland zurück zu kehren.

Nun, ihr Mann musste noch überzeugt werden, schließlich hatte der in seiner Heimat einen guten Job und damit ein gutes Auskommen. „Es war eine schwere Entscheidung“, gesteht Diego Nery Menezes, „also musste ich zwei Schritte zurück machen.“ Er machte sie, überzeugt davon, „dass ich auch in Deutschland meinen Weg gehen würde.“ Der war zunächst durchaus beschwerlich, lernte er doch schmerzlich die Vorbehalte der Einheimischen gegen Immigranten kennen. Wurde schon mal beim Bäcker übergangen, in der Bank nicht bedient, weil er (noch) kein Deutsch sprach. „Unangenehme Fragen“ zielten darauf ab, ihn zum Sozialschmarotzer abzustempeln. Dabei lebten seine Frau und er im Haus seiner Schwiegereltern und von eigenen Ersparnissen. 

Während Sabine Koch schon im Mai 2017 eine Anstellung als Account-Managerin (bei einem Hersteller von digitalen Bürokommunikationssystemen) fand, studierte ihr Ehemann fleißig Deutsch – und ging dann auch beruflich seinen Weg. Der führte ihn zu einer international operierenden Firma, die Maschinen zur Lebensmittelherstellung produzierte. Und häufig zurück nach Lateinamerika, denn er ist für den Vertrieb dorthin zuständig. 

Vom Tischtennis will Diego Nery Menezes indes nicht mehr lassen. Hat mittlerweile richtig Gefallen am „Teamsport“ gefunden, „auch wenn man allein an der Platte steht“. Und ist mit Eintracht Felsberg II schon zweimal – über die Bezirksoberliga in die Verbandsliga – aufgestiegen. Wo sich die Hessenliga-Reserve auch dank ihres Brasilianers aus Sao Paulo souverän halten konnte.

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