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Hersfelder Tobias Fisahn beschreibt Stimmung in Argentinien vor der WM

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Messi, Messi, Messi ... Das Argentinische Stürmer-Idol bestimmt vor der WM die Schlagzeilen.
Messi, Messi, Messi ... Das Argentinische Stürmer-Idol bestimmt vor der WM die Schlagzeilen. © Tobias Fisahn

Es gibt nur wenige Länder, in denen der Fußball so einen hohen Stellenwert genießt wie in Argentinien.

Buenos Aires/Bad Hersfeld – Tobias Fisahn ist Lehrer an einem argentinischen Sprachgymnasium in der Hauptstadt Buenos Aires. Im Interview mit unserer Zeitung beschreibt der 33-jährige, der im Bad Hersfelder Stadtteil Beiershausen aufgewachsen ist, die Stimmung im Land des zweifachen Weltmeisters vor der WM in Katar – und warum Mario Götze immer noch bezichtigt wird, den Titel 2014 den Argentiniern „geklaut“ zu haben.

Wie ist die Stimmung im Land vor der Weltmeisterschaft?

Diese WM ist sehr wichtig für das Land. Sie gibt den Argentiniern die Möglichkeit, sich neu zu positionieren. Und sie gibt Hoffnung, über den Fußball etwas zu bewegen in einem Land, das von Wirtschaftskrisen gebeutelt und am Tropf des Internationalen Währungsfonds hängt. Die Stimmung in der Bevölkerung ist hier sehr gespannt. Die Menschen sind heiß auf einen Titel. Im letzten Jahr hat Argentinien die Copa America nach einem 1:0 gegen Brasilien gewonnen, es war der erste Titel seit 28 Jahren.

Welche Bedeutung hat der Fußball in Argentinien für die Schüler an Ihrer Schule?

Es gibt seit Wochen nur noch ein Thema – die WM. Die Schüler sammeln vor allem die Panini-Bilder ihrer Idole, die hier ‘Figuritas’ genannt werden. Jedes Mal in der Pause wechseln hunderte Fotos auf dem Schulhof den Besitzer. Natürlich: Wer Messi hat, ist der König. Wenn Argentinien spielt, haben die Jugendlichen schulfrei. Selbst wenn Unterrichtspflicht herrschen würde, es würde keiner kommen. Am Dienstag geht es gegen Saudi-Arabien bereits um sieben Uhr los – die Schule fängt also erst gegen 10 Uhr an, eine halbe Stunde Schulweg wird mit eingerechnet. Wie es mit den anderen Begegnungen abläuft, weiß ich noch nicht. Aber es wird lockerer abgehen. Die Prüfungsphase ist durch. Bald sind Ferien. In Argentinien herrscht Frühjahr.

Gibt es Debatten über die Menschenrechtsverletzungen in Katar?

So gut wie keine. Das interessiert hier kaum jemanden. Es gibt genügend Probleme im eigenen Land. Viele wissen gar nicht, wo Katar überhaupt liegt. Hauptsache, sie bieten die Bühne für den Fußball.

Was sind die Schlagzeilen in den Zeitungen und Sportnachrichten so kurz vor dem Start?

In den Zeitungen sind die Aufmacher zumeist auf das eigene Land bezogen, maximal sind noch Nachrichten aus Südamerika ein Thema. Der Rest der Welt, zum Beispiel Putin und der Krieg in der Ukraine, findet hier nur wenig Beachtung. Im Vorfeld der WM standen komischerweise zwei Geschichten im Mittelpunkt: Zum einen die Story eines Fans, der es tatsächlich geschafft hatte, das Geld für Flug und Eintrittskarten aufzubringen, aber in Katar auf der Straße lebt und sich dort während der WM als Bettler durchschlägt. Und zum anderen hat es einen Riesenskandal gegeben, dass die argentinische Nationalmannschaft Tee aus Uruguay mit nach Katar genommen hat anstatt Tee aus Argentinien. Und natürlich: der letzte Test gegen die Vereinigten Emirate. Eine Überschrift vor der WM lautet frei übersetzt: Scaloni (der Trainer, d. Red) hat die Formel – man muss Intelligenz und Vorsicht zeigen, um eine Weltmeisterschaft zu gewinnen.

Messi, Messi ... und kein Ende. Wie ist es um den Heldenstatus des Stürmer-Stars bestellt?

Ich habe mal ein paar Fotos von den Headlines in einem Zeitungskiosk bei mir in der Straße geschossen (siehe oben). Wer in Argentinien so erfolgreich Fußball spielt, wie Messi, ist ein Nationalheld. Bei ihm fehlt eben nur noch der WM-Titel. Er ist noch wichtiger als politische Personen wie General Belgrano, Juan Domingo Péron und Cristina Kirchner weil er nicht polemisiert und von jedem, aber auch absolut jedem Argentinier geliebt wird. Allerdings wird für meine Begriffe zuviel Personenkult in diesem Land betrieben. Ich weiß nicht, ob das so gut für die Gesellschaft ist.

Wie wird auf den letzten Weltmeistertitel 1986 mit Diego Maradona zurückgeblickt?

Maradona ist hier in Argentinien immer noch allgegenwärtig. Er ist die Fußball-Legende schlechthin. Ständig laufen im Fernsehen noch Interviews mit ihm, wenn Rückblicke gesendet werden. Die werden auch mit seinen Toren garniert, natürlich sein berühmtestes gegen England mit der Hand Gottes. Vor kurzem wurde der WM-Ball aus dem Spiel gegen England 1986 versteigert. Maradona ist irgendwie interessanter als Messi, er bietet mehr Reibungspunkte. Messi ist viel ruhiger und beschaulicher als Maradona. Er ist eher ein Normalo und damit für die Medien nicht so interessant.

Wird darüber diskutiert, dass nur zwei Spieler in Argentinien selbst spielen und der Rest in Europa?

Das wird eher positiv gesehen, wenn ein Spieler die Möglichkeit hat, nach Europa zu wechseln. Im Übrigen spielt die Champions League hier genauso eine große Rolle wie die Primera Divison, der ersten argentinischen Liga.

Haben Sie schon einmal ein Spiel der ersten Liga besucht?

Ja, erst vor kurzem – es war Racing gegen River Plate. Es ist sehr schwer, an Karten zu kommen. Im Prinzip nur, wenn man jemanden kennt, der Dauerkarteninhaber ist und dich zu einem Spiel einlädt. Manchmal ist es recht gefährlich, weil die argentinischen Fans Feuerwerk und Bengalos abbrennen. Ständig gibt es Schlägereien.

Wie ist die Sichtweise Argentiniens auf den deutschen Fußball?

Sie nehmen es Deutschland übel, dass ihnen der Titel 2014 geklaut worden ist, wie sie es bezeichnen. Mario Götzes Tor ist immer noch ein Alptraum für sie. Dieses Thema darf man in Argentinien nicht ansprechen, Verlieren ist eben eine Schande. Verärgert sind sie auch über das Elfmeterschießen in 2006, wo Deutschland dank Lehmann noch gewann und es hinterher noch eine Schlägerei gab.

Wie werden ihrer Meinung nach die nächsten Tage verlaufen?

Während der Spiele steht das Land still, Public Viewing gibt es in jedem Kaffee, jeder Sports Bar an der Straßenecke. Wenn Argentinien tatsächlich Weltmeister wird, gibt es hier kein Halten mehr. Da wird durchgefeiert.

Von Hartmut Wenzel

Ligaathmosphäre: Die Fankurve von Racing Club Buenos Aires vor einem Lokalderby gegen River Plate.
Ligaathmosphäre: Die Fankurve von Racing Club Buenos Aires vor einem Lokalderby gegen River Plate. © Tobias Fisahn
Mit Kind und Kegel: Fans von River Plate auf dem Weg zum Stadion. Alle
Mit Kind und Kegel: Fans von River Plate auf dem Weg zum Stadion. Alle © Tobias Fisahn
Aggressive Anhänger: Polizeieinsatz bei einem Spiel von River Plate.
Aggressive Anhänger: Polizeieinsatz bei einem Spiel von River Plate. © Tobias Fisahn
Tobias Fisahn mit einem lebensgroßen Maradona-Pappkameraden.
Tobias Fisahn mit einem lebensgroßen Maradona-Pappkameraden. © privat
Heldenverehrung: Maradona als Bar-Türschild.
Heldenverehrung: Maradona als Bar-Türschild. © Tobias Fisahn

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