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Tortur mit Ehrgeiz bewältigt: „Matze“ Kullik erfüllt sich einen Herzenswunsch

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Von: Harald Triller

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Für ihn die sportliche Leistung des Lebens: 116 Kilometer mit über 1000 Höhenmetern hat Matthias Kullik in 4:05:59 Stunden in Stuttgart abgerissen.
Für ihn die sportliche Leistung des Lebens: 116 Kilometer mit über 1000 Höhenmetern hat Matthias Kullik in 4:05:59 Stunden in Stuttgart abgerissen. © Privat

Jeder Sportler hat Wettkämpfe bestritten, die ihm in Erinnerung bleiben. Wir erzählen diese Geschichten in unserer Serie „Die sportliche Leistung meines Lebens.“ Heute: Matthias Kullik.

Eschwege – Wenn es um Sport geht, egal welcher Art, dann sind bei „Matze“ Augen und Ohren geöffnet, weil er sich für alles interessiert, egal ob Einzel- oder Teamsport, er kann überall fachlich kompetent mitreden.

Er ist ein Typ, der sich niemals zu weit aus dem Fenster lehnt, sondern hält, was er verspricht, oder löst ein, was er sich selbst vorgenommen hat. Die schwere Jedermann-Radtour in Stuttgart hat er mit großem Ehrgeiz bewältigt und sich damit einen Herzenswunsch erfüllt. Wir haben seinen inspirierenden und ehrgeizigen Weg nachgezeichnet:

28. April: Am 28. April wurde er auf die Jedermann-Tour 2022 aufmerksam. Er, der seit 2018 mit seinem neuen Rennrad in Euphorie verfallen ist, sagte sich: „Ich bin ja eigentlich bestens vorbereitet, habe 2018 schon 2027 Kilometer abgerissen, 2019 zwar bloß 975, doch die Steigerung auf 3700 in 2020 und 5163 in 2021 sowie bis zum Renntag Ende August 2022 noch einmal 3520. Beim Blick auf diese gebündelte Leistung ist mein Entschluss zur Teilnahme ohne weitere Nebengeräusche schnell gefallen.“

1000 Höhenmeter: Auch die Wahl, welche der beiden Streckenangebote für ihn in Frage kommen, löste keine zusätzlichen Gedankengänge in ihm aus: „So schön, wie die Weinbergrunde von Stuttgart aus durch die Reben hin zum Rotenberg und hinab zum Neckar auch ist, aber für 57 Kilometer bewege ich mich doch nicht in die Landeshauptstadt von Baden-Württemberg. Nein, es sollten schon die 116 abwechslungsreichen Kilometer mit über 1000 Höhenmetern und der geforderten Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h sein.“

Training umgestellt: Kullik gibt ehrlich zu, dass ihm bei der Betrachtung des Streckenprofils schon ein wenig mulmig wurde, gerade im Hinblick auf seine Körpergröße von 1,94 Metern bei 102 Kilo Lebendgewicht. „Das sind keine guten Voraussetzungen, die einen Bergspezialisten auszeichnen. Aus diesem Grunde habe ich meine Vorbereitung drastisch geändert“, erklärt er, dass er seine bisherige Devise „Meter machen“ in heftiges „Klettern“ umänderte. Hier ein Beispiel einer Trainingseinheit bei 31 Grad: 54,56 Kilometer. 678 Höhenmeter, Durchschnitt 23,6 km/h.

Jetzt kommen ihm doch Zweifel: „Wie soll ich das bloß schaffen?“ In der Folge keine 100-Kilometer-Tour mehr, aber immer wieder klettert er. Und dann der Rückschlag, zwei Balken beim Corona-Schnelltest. Wieder ging eine Woche verloren, aber danach großes Erstaunen, der Puls bewegte sich beim Training im Normalbereich. Die Erleichterung und die Hoffnung kehrte zurück.

16. August: „Mit Rücksicht auf das Rennen wollte ich das Open Flair langsamer angehen, hat aber nicht funktioniert.“ Auch die E-Mail vom Veranstalter, ‘Änderung der Strecke bis zum 16. August online noch möglich’, hat Matthias Kullik ignoriert.

20. August: Am 20. August erreichte ihn die nächste Mail mit der zugewiesenen Startnummer 2958 in Gruppe 7. „Ich bin gerade bei einem Scooter-Konzert in Berlin, mein schlechtes Gewissen holt mich ein. Ich lese zum wiederholten Mal die Teilnahmebedingungen, die Strafen bei Verstößen gegen die Rennordnung, von Verwarnungen über Zeitstrafen bis hin zur Disqualifikation – alles möglich.“

23. August: Bei der Wettkampfbesprechung per Video ist der letzte Hinweis, wer den geforderten 25km/h-Durchschnitt nicht einhalten kann, der wird vom Schlussfahrzeug, dem Besenwagen „eingefangen“, was gleichzeitig das Rennende bedeutet.

Kullik: „Mit dem Besenwagen über die Ziellinie fahren, das wäre die Höchststrafe, lieber ein technischer Defekt oder irgendwas anderes, aber bitte nicht sitzend im Besenwagen das Ende erleben.“ Übrigens: Am gleichen Tag bescheinigte ihm sein Doktor nach der sportmedizinischen Untersuchung seine „Renntauglichkeit“. Und er bekommt viele Tipps vom deutschen Radsportprofi Andreas Greipel, der die Strecke mit Genehmigung abfahren darf.

25. August: Eine schlechte Nachricht, ein benötigtes Ersatzteil für sein Rennrad ist falsch geliefert worden. Aber der Monteur seines Vertrauens beruhigte ihn mit den Worten: „Dein Rad wird durchhalten.“

26. August: Zusammen mit seiner Verlobten Corinna reist der 58-jährige Matador aus Albungen nach Stuttgart. Das Paar besucht nach der Fahrt durch Hagel und Gewitter nach dem Einchecken im Hotel noch einem Bekannten.

27. August: Bloß nichts Anstrengendes mehr Unternehmen, Körner schon jetzt fürs Rennen einsparen. Wettervorhersage anschauen, ausreichend Schlaf wäre gut, Matthias Kullik schläft erstaunlich schnell ein und, was wichtig ist, ohne wilde Träume durch.

Der Renntag: Um 6.30 Uhr rappelt der Wecker. Der Wettebericht sagt, es bleibt trocken bei angenehmen 19 Grad. Frühstück wie geplant, Unterlagen eingesteckt, Transponder an der Satteltsütze, Rückennummer am Trikot, Lenker und Helm befestigt. Proteinriegel und Getränkeflaschen verstaut und mit Corinna Treffpunkt nach dem Rennen ausgemacht.

Das Rennen: „Ich habe die Startgruppe 7 erreicht, neben mir Zwei-Meter-Mann Christian aus Stuttgart, wir quatschen und er rät mir die Versorgungsstation bei Kilometer 52 auszulassen, weil direkt danach der schwerste Anstieg folgt und du nach der Einnahme von Obst und Getränken kalt bist“, staunt Kullik, als er Didi Senft am Start sieht. Er ist der Teufel bei jeder Tour de France und feuerte ohne nachzulassen das Feld der sage und schreibe 3400 Fahrer an.

Didi Senft, der berühmte „Teufel der Tour de France“.
Didi Senft, der berühmte „Teufel der Tour de France“. © Privat

Zeit einfahren: Von Stuttgart geht es nach Esslingen, „ich fahre 40km/h, muss Zeit für die Anstiege hereinfahren, der erste gleich hinter Esslingen wartet. Ich sehe die ersten technischen Defekte und merke, dass hinter mir ein Fahrer ins Schlingern geraten ist und kurz danach stürzt. Wir müssen Hilfe leisten, aber ich sehe, er wird bereits behandelt. Und da ich mir keine Renntaktik auferlegt hatte, schaue ich erst gar nicht auf meinen Tacho. Einfach treten, was die Beine hergeben.“

Der erste Anstieg: Nach der halben Strecke kommt die besagte Verpflegungsstation, wo ein munteres An- und Abfahren herrscht. Matthias fährt wie geplant vorbei und bewältigt den zwei Kilometer langen Anstieg; der Tacho zeigt nur noch 9km/h an. Die Zuschauer schreien: „Los, los, gleich habt ihr es geschafft.“

Beim Hinweisschild „noch 25 Kilometer bis ins Ziel“ wird der 58-Jährige um einen Proteinriegel gebeten, ehe der letzte Anstieg zum Killesberg noch einmal für Schmerzen in der Beinmuskulatur sorgt. Mit 50 km/h führt die steile Abfahrt in Richtung Ziel, als plötzlich das Rennen wegen eines Sturzes in der letzten scharfen Kurve kurzzeitig gestoppt wird.

In seiner Altersklasse wurde er 285ter.
In seiner Altersklasse wurde er 285ter. © Privat

Die Finishermedaille: Kullik: „Und dann rolle ich mit geballter Faust die letzten zwei Kilometer und dem großen Glücksgefühl es geschafft zu haben über die Ziellinie und bekomme von charmanten jungen Damen die begehrte Finishermedaille überreicht. Was für ein Erlebnis, ich lasse den Tag mit meiner Corinna und der Tatsache, etwas Großes geleistet zu haben, ausklingen. (Harald Triller)

Zur Person

Matthias Kullik wurde am 8. Januar 1964 in Kassel geboren, ist aber in Waldkappel aufgewachsen, wo er praktisch alle möglichen Sportarten, darunter natürlich auch Fußball, ausprobierte. Im Tennis und Tischtennis war er allerdings ein Spätzünder, begann diese beiden Hobbys, die er noch heute mit großem Engagement ausübt, erst mit 16 Jahren. Der Sozialversicherungsangestellte bei der BKK in Eschwege fährt sehr gerne Rennrad und spielt auch noch in der zweiten Handballmannschaft des ETSV. Apropos ETSV: Da erfüllt er quasi seine Berufung, ist seit 2008 als Hallensprecher bei den Heimspielen die Stimme des Vereins und macht seinem Spitznamen „The Voice“ alle Ehre. Dieser Aufgabe wurde er zuvor bereits bei den Huskies in Kassel gerecht. Matthias Kullik ist liiert oder, wie er selbst mit einem Schmunzeln gerne sagt, „verpartnert“.

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