Melsunger Zwillinge sind seit 20 Jahren erfolgreich und vermitteln als Trainerinnen klassische Werte

Sie turnen doppelt einfach besser

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Strahlende Turnerinnen: Naomi und Ruby van Dijk in der Melsunger Stadtsporthalle beim Wettkampf für die KTV Fulda. 

Melsungen. Pokale, Medaillen und Urkunden an der Wand. Tägliche Selfies im Internet. Immer erreichbar sein, um im Mittelpunkt zu stehen. Das ist längst Standard bei vielen Sportlern. Nicht so bei Naomi und Ruby von Dijk. 

Ohne die Hilfe ihrer Mutter hätten die seit 20 Jahren erfolgreichen Zwillinge der MT Melsungen schon Probleme, zumindest die größten Siege und Platzierungen auf Bundes- und Landesebene im Turnen zusammen zu bekommen. Demut und Bescheidenheit sind zwei Tugenden, die beide auch als Trainerinnen in Melsungen weitergeben.

Wie alles begann:

Freude an Bewegung bekamen sie in die Wiege gelegt. Vater Marco schwamm einst für das niederländische Nationalteam. Mutter Carla war 1982 niederländische Meisterin im Turnen. Schwimmen hatte sich für die Zwillinge allerdings bereits nach dem Seepferdchen erledigt. „Uns war im Wasser immer so kalt“, sagen beide lachend.

Anders sah das bei der Leidenschaft von Carla van Dijk aus. Denn als es die Eltern nach Melsungen zog, baute sie dort eine Mutter-Kind-Gruppe im Turnen auf. Liebste Übung der Zwillinge: In der Sportbildungsstätte Sensenstein (Landkreis Kassel) hopsten beide vom Sprungtisch in die Grube. Die war mit Matten ausgelegt. Zweieinhalb Meter ging’s in die Tiefe. Mit immer spektakuläreren Sprüngen. Das Ziel: irgendwie besser sein als die Zwillingsschwester. Aus Spaß wurde wenig später ernst. Bereits mit fünf durften sie sich bei den Nordhessischen Meisterschaften mit Siebenjährigen messen. Und waren besonders motiviert. Zur Belohnung hatte die Mutter Diddl-Mäuse, Plüschtiere nach einer Cartoonfigur, ausgelobt für eine Platzierung unter den besten fünf. „Danach hat sie uns nichts mehr angeboten“, sagt Naomi mit einem breiten Grinsen. Sie wurde damals Dritte, Ruby Zweite.

Die Zeit im Internat:

Das Grundlagentraining mit Fokus auf Körperspannung, -beherrschung und Dehnung zahlte sich aus. In den folgenden Jahren wurden die Titel bei den Hessischen Meisterschaften schwesterlich geteilt. Als Zehnjährige weckte ihr Talent das Interesse von Bundestrainerin Ursula Koch. Konsequenz: Training am Bundesstützpunkt und der schulische Wechsel ins Internat nach Bergisch Gladbach.

Fast fünf Jahre lang wurden die Einheiten dort gesteigert. Erst fünfmal Training pro Woche, dann achtmal und am Ende zehnmal. Jeweils zweieinhalb bis dreineinhalb Stunden. Erwärmen, Krafttraining, Drehungen, Ballett – mit mehreren Trainern wurde nichts dem Zufall überlassen. Von ursprünglich 30 Kindern blieben am Ende noch drei übrig. „Unsere Eltern haben uns immer unterstützt, nie Druck gemacht, zudem waren wir zu zweit stärker“, betonen beide. Andere scheiterten, weil die Schulnoten zu schlecht wurden, das Heimweh zu stark war oder sie ohne Süßigkeiten nicht konnten.

Die zweite Station hieß 2009 Chemnitz. Das Vollzeit-Internat, wo Ex-Nationalspieler Michael Ballack und Fußball-Profi Ralf Fährmann reiften. Für die Zwillinge war es eine gute Schule. 20 Stunden Unterricht, 30 Stunden Sport. Sechs Tage pro Woche. Dazu Hausaufgaben. Die wurden geschwisterlich geteilt. Zwei Jahre lang. Dann fiel Naomi vom Barren und verletzte sich am ersten Halswirbel. Ohne Sport musste sie Chemnitz verlassen und ging wieder nach Melsungen zur Schule. „Für mich war das leichter, weil ich im System geblieben bin und in der Woche nicht viel Zeit zum Nachdenken blieb“, sagt Ruby.

Die Perspektive als Trainer:

Nach dem Abitur trennten sich ein zweites Mal ihre Wege. Naomi ließ sich zur Physiotherapeutin ausbilden und arbeitet nun bei Vater Marco in der Praxis. Ruby studiert Biologie in Kassel. Nach zwei Jahren Pause hat sich Naomi wieder auf den Barren gewagt. Mit dem Lohn, dass beide die KTV Fulda 2016 und 2017 zur Hessenmeisterschaft führten. Ruby krönte das Sportjahr mit dem Titel bei der deutschen Hochschulmeisterschaft im Einzel.

Seit zwei Jahren trainieren sie den Nachwuchs in Melsungen. Wie es der Zufall will, sind mit Charlotte und Amelie auch Zwillinge dabei. Die bekommen neben den anderen Kindern vor allem Grundlagen vermittelt. Erwärmen, Krafttraining, Drehungen. Also die rumänische Schule, die weniger Verletzungen verursacht. Im Hochleistungssport zählt mittlerweile mehr Kraft, weniger Technik. Dafür gibt es von Naomi und Ruby van Dijk keine Medaille. 

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