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Tournee: Stephan Leyhe ist bereit, sein Flugstil auch?

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Von: Gerhard Menkel

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Nahaufnahme des Skispringers von vorn rechts  beim Sprung
Stephan Leyhe ganz nah: Das zeigt den Willinger beim ersten Springen vor Weihnachten in Engelberg, wo er ein wenig früh landete. © imago

An diesem Dienstag geht Stephan Leyhe mit der Qualifikation in Oberstdorf wieder auf Vierschanzentournee. Es ist seine siebte.

Hinterzarten - „Dafür brenne ich“, sagt der Skispringer vom SC Willingen in einem Werbespot der ARD. „Ich mache mir keinen Druck, ich gehe da ganz entspannt im Arbeitsmodus ran“, sagt er dieser Zeitung..

Feuer oder Eis – Leyhes wahre Gefühlslage liegt irgendwo dazwischen. „Ich weiß, dass mir die Tournee liegt. Fast jeden Tag ein Wettkampf oder eine Qualifikation, darauf freue ich mich“, sagt er. Einerseits.

Andrerseits reklamiert Leyhe, der auf der letzten Station in Bischofshofen seinen 30. Geburtstag feiert, eindreiviertel Jahre nach seinem Kreuzbandriss und den Monaten im Heilungs- und Reha-Modus, keine hervorgehobene Rolle im deutsch-östereischichen Seriendrama für sich. „Ich will vorankommen mit meinen Sprüngen“, sagt er und dass er, wie all die Jahre, „im Schatten agieren“ werde..

Das ist bescheiden formuliert, denkt man an den Winter 2018/19. Da stand Leyhe als Dritter der Gesamtwertung am Ende auf dem Podest. Seine bisher beste Tourneeplatzierung.

Der Wind? Keine Ausrede wert

Die Erwartungshaltung des Wahl-Schwarzwälders speist sich aus seiner Verletzungshistorie und seinem bisherigen Abschneiden im Weltcup. Was kaum zu trennen ist. Zwei Top-Zehn-Plätze stehen ebenso in der Bilanz wie das verpasste Finale in Wisla oder die mäßigen Platzierungen zuletzt in Engelberg (27. und 25.). „Die Ergebnisse spiegeln im Moment ganz gut wider, wie es bei mir ist: Der Grat zwischen guten und etwas schlechteren Sprüngen ist bei mir relativ schmal.“

Es spricht für ihn, dass er für seine kürzeren Flüge nicht auf schlechten Wind als Ursache verweist. „Der Wind war bei mir relativ irrelevant“, sagt er. Nicht mal den Seitenwind im zweiten Durchgang von Engelberg will er recht gelten lassen: „Bei normalen Bedingungen wäre ich halt nicht 25., sondern 20. geworden.“

Leyhe in Zahlen

6 Mal hat Stephan Leyhe bisher an der Vierschanzentournee teilgenommen. In der Gesamtwertung belegte er die Plätze 3, 8, 10, 13, 14 und 20.

111 Weltcup-Punkte hat der Springer vom Ski-Club Willingen derzeit auf seinem Konto: Platz 21 in der Gesamtwertung.

152 Weltcup-Springen hat der Schwalefelder inzwischen bestritten und dabei einen Sieg und fünf Podiumsplätze vorzuweisen.

16 650 Schweizer Franken hat der Hessen-Adler in dieser Saison auf seinem Preisgeld-Konto verbucht, was Platz 17 bedeutet.

2112,5 Meter hat Leyhe in der aktuellen Saison im Distance Award zurückgelegt. Damit belegt in der aktuellen Wertung Platz zwölf. ( be)

Stephan Leyhe sucht die Ursache für die fehlende Flugkonstanz ganz bei sich. Seinen Sprüngen fehle „die Symmetrie“, fand ZDF-Experte Toni Innauer. „Er hat recht“, sagt Leyhe. Der Mann aus Schwalefeld hat Probleme in der Flugphase, die für große Weiten mittlerweile dominanter ist als etwa der genau getroffene Absprung.

Ziel: Zurück zum breiten H

„Ich habe die plane, schmale Skiführung, die früher meine Stärke war, in den letzten Wettkämpfen ein bisschen verloren.“ Die Ski liegen nicht so in der Luft wie sie sollen. Ein schleichender Prozess, sagt Leyhe. Er sei in seinem Flugstil von Mal zu Mal ein Stückchen breiter geworden. Jetzt müsse er wieder schmaler werden.

Um es in Buchstaben zu sagen: „Es hinbekommen, dass es anstatt eines großen V ein breites H wird.“ Der H-Stil, bei dem die hinteren Enden der Ski während des Flugs einen deutlich größeren Abstand voneinander haben als beim ursprünglichen V, gilt seit einigen Jahren als vorteilhaft. Verallgemeinern lässt sich diese Einschätzung nicht. Während Leyhe eher der H-Typ ist, springt etwa Weltcup-Spitzenreiter Karl Geiger eher im V-Stil.

Klar konzentriere er sich auch auf Absprung und Landung, betont Leyhe. „Aber es ist natürlich am sinnigsten, den Fehler zu beheben, der im Moment am meisten Meter kostet. Und das ist nun mal die Skiführung.“

Seit Wisla Anfang Dezember ist Leyhe, sieht man vom Teamspringen ab, nicht über Platz 19 hinausgekommen. Seine Platzierungen sind nicht allein fehlender Weite geschuldet, sondern auch der hohen Leistungsdichte im Weltcup-Feld. Zwischen Platz 7 und 30 spiele sich alles innerhalb von drei, vier Metern ab, sagt er. „Da spült es einen, wie bei mir in Engelberg, schon mal von Platz 12 nach dem ersten Durchgang bis Platz 25 zurück.“

Hinter Geiger „alle ungefähr auf einem Niveau“

Eng beieinander sind, Ausnahme Vorflieger Karl Geiger, derzeit auch die deutschen Springer. Das Weltcup-Ranking als Maßstab genommen, ist Stephan Leyhe DSV-intern gerade die Nummer fünf (21. der Gesamtwertung) knapp vor Andreas Wellinger (22.), aber hinter Pius Paschke (14.) und Constantin Schmid (15.), hinter Markus Eisenbichler (7.) ohnehin, der freilich zuletzt mit den Plätzen 40, 27 und 35 eine formidable Formkrise offenbarte. „Wir sind alle ungefähr auf einem Niveau“, sagt Leyhe zum Konkurrenzkampf hinter Primus Geiger: „Da schenkt sich keiner was.“

Man kann sich gut vorstellen, dass Bundestrainer Stefan Horngacher und sein Team die Tournee-Ergebnisse als wegweisend für die Olympischen Spiele in Peking betrachten. Er mache sich deshalb „keinen Kopf“, sagt Leyhe, es gebe auch danach noch Wettkämpfe.

Jubelnder Skispringer Stephan Leyhe mit Skiern
Helle Freude: Stephan Leyhe am 6. Januar 2019 in Bischofshofen, wo er als Tournee-Dritter geehrt wurde. © Imago

Er wird um seine Nominierung kämpfen – es ist vielleicht seine letzte Olympia-Chance – und ist nicht darauf erpicht, als fünfter Mann mitzufliegen. „Dann bist du zwar bei Olympia dabei, aber es kann sein, dass du trotzdem keinen Einsatz hast“, sagt er. Deswegen wolle er seine Sprünge „so gut hinkriegen, dass es keine Diskussion gibt, ob ich mitfahre oder nicht“.

Die Schattenbergschanze ist Leyhes Favorit nicht

Über die vier Schanzen der Tournee sagt Stephan Leyhe: „Sie liegen mir eigentlich ganz gut.“ Vor allem die Paul-Außerleitner-Schanze in Bischofshofen (6. Januar) „mit dem ewig langen, flachen Anlauf“ möge er sehr. Auch auf der Bergiselschanze Innsbruck (4. Januar) – „steil, kurzer Anlauf, oftmals eine Windlotterie“ – fühlt sich Leyhe wohl. Dort haben die deutschen Springer in der Sommervorbereitung häufig trainiert. „Dort mussten wir in den vergangenen Jahren immer wieder Rückschläge im Kampf um den Tourneesieg hinnehmen“, sagt Bundestrainer Horngacher.

Die Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen (1. Januar) mag Leyhe ebenfalls. Der Schattenbergschanze in Oberstdorf, morgen erste Station der Serie, begegnet er dagegen mit gemischten Gefühlen: „Ich hasse sie nicht, aber ich mag sie auch nicht.“ Warum sich der Springer mit der einen Anlage anfreundet, mit der anderen eher nicht, erklärt Leyhe so: „Wenn man sie springt, merkt man gewisse Unterschiede. Es ist vielleicht mit Tennis zu vergleichen, wo der eine lieber auf Asche spielt, der andere lieber auf Sand.“ Letztlich muss er aber überall klarkommen.

Keine Fans auf beiden Seiten der Grenze

Wenig begeistert ist Leyhe von der Tatsache einer weiteren Tournee mit lauter „Geisterspringen“. Ohne Zuschauer fehle einfach was, sagt er. Die Aussicht, wenigstens in Österreich vor ein paar Tausend Fans zu fliegen, hatte Leyhe „cool“ gefunden. Doch nun hat der Österreichische Skiverband mitgeteilt, dass auch in Innsbruck und Bischofshofen keine Zuschauer zugelassen sind.

Wegen der Ansteckungsgefahr durch die aggressive Omikron-Variante macht sich Stephan Leyhe keine großen Sorgen. „Wir versuchen uns in unserer Bubble so gut wie möglich abzuschirmen“, sagt er. Einzelzimmer sind Standard, vor jedem Wettkampf-Wochenende sind PCR-Tests vorgeschrieben. Leyhe: „Es ist ein gutes Konzept, das wir da haben.“

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