Antreiber im Erholungsort

Syrischer Flüchtling ist neuer Volleyball-Trainer in Nieste

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Herr der Bälle: Mousa Alkhalaf hat früher in der höchsten syrischen Klasse Volleyball gespielt.  

Seit Ostern haben die Niester Bezirksliga-Volleyballer einen neuen Trainer: Mousa Alkhalaf. Der 29-jährige Syrer stammt aus der Nähe von Damaskus und kam 2015 mit seiner Frau nach Deutschland.

Dies ist die Geschichte einer langen Flucht, die aus sportlicher Sicht vorerst in einem kleinen, staatlich anerkannten Erholungsort endete.

Training in Nieste

Manchmal lässt die Heizung in der Niester Sporthalle zu wünschen übrig. Für Mousa Alkhalaf spielt das keine so große Rolle. Bewegung ist angesagt, und die hält warm. Nicht nur ihn, den syrischen Trainer, sondern auch die Niester Bezirksliga-Volleyballer. „Weiter, weiter! Ihr müsst schneller sein“, ruft der 29-Jährige den Volleyballern zu. Die bekommen nacheinander Angaben von Alkhalaf serviert. Annahmen und das Einstudieren des Läufersystems stehen auf dem Programm. „Mousa ist für uns ein Glücksfall“, sagt Florian Schier. Im Frühjahr haben der 36-jährige Schier und seine Mitspieler einen neuen Trainer gesucht. Schier hatte zuvor Mousas Bruder Mohammad kennengelernt. Beide Brüder nehmen an den Integrationskursen teil, für die Schier im Kasseler Kulturzentrum Schlachthof verantwortlich ist.

Schnell kam man auf Volleyball zu sprechen – die Brüder waren in Syrien in der höchsten Spielklasse aktiv. „Weil ich zu Hause eine fünfjährige Trainerausbildung gemacht habe, konnte ich helfen“, erzählt Alkhalaf, der jetzt für den arabischen Stil im Niester Volleyball verantwortlich ist. „Wir sind froh, dass Mousa bei uns ist. Mousa gestaltet das Training bestens. Er kennt sich aus mit dem Spiel und ist sehr euphorisch, was einen antreibt“, sagt Stevan Kostic.

Ein guter Fang: Die Niester Volleyballer Nicolas Helmke, Elin Traychev, Florian Schier, Stevan Kostic, Björn Müller und der zweite Vorsitzende Helwig Schier (von links) wollen ihren syrischen Trainer Mousa Alkhalaf nicht mehr hergeben.

Vergangenheit und Flucht

Dabei musste Mousa Alkhalaf seine Euphorie erst wiederfinden. „Als die Lage in Syrien immer schwieriger wurde, sollte ich zum Militär eingezoben werden. Weil ich das nicht wollte, blieb mir nur die Flucht“, erinnert er sich an die schwere Zeit im Jahr 2015. Ungefähr 4000 Euro kostete ihn, der in Damaskus Jura studiert hat und seine Frau Rwaida Ismail – eine angehende Grundschullehrerin – die Flucht in den Libanon und von dort aus weiter über das Mittelmeer nach Griechenland, Serbien, Mazedonien, Ungarn und Österreich. Über Passau und München kam das Paar schließlich nach Kassel.

Familie und Beruf

Inzwischen sind Mousa und Rwaida nicht mehr allein. Der dreijährige Zed und die zwei Monate alte Elin sind in Deutschland zur Welt gekommen. „Wir sind jetzt hier eine Familie“, sagt Alkhalaf, der keine Möglichkeit einer Rückkehr nach Syrien sieht. Er und seine Frau versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen. „Dabei ist die Sprache das Wichtigste“, sagt der Syrer, der in Deutschland wohl nicht als Jurist arbeiten kann. Eine Arbeitsgenehmigung hat er allerdings, weil seinem Asylantrag stattgegeben wurde. Wie es beruflich weitergeht, ist noch unsicher. 

Weihnachten und Zukunft

Sicher ist allerdings, dass Mousa Alkhalafs Zukunft und die seiner Familie in Deutschland liegt: „Hier gibt es Liebe und vor allem Freiheit für uns, aber meine Frau und ich leiden darunter, dass wir unsere Familien nicht wiedersehen können“, sagt Alkhalaf, der weiter an sich arbeitet.

„Wir sind zwar Muslime, aber wir feiern jetzt neben unserem Zuckerfest im Juni einfach mit den Deutschen Weihnachten. Geschenke sind bei uns nicht so wichtig, aber es ist ein schönes Fest“, sagt der Syrer. Und wer weiß: Vielleicht beschert er ja in der Zukunft den Niester Volleyballern noch ein Geschenk. Beispielsweise einen Aufstieg.

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