1. Startseite
  2. Sport
  3. Regionalsport

„Wenn es sein muss, krieche ich ins Ziel“

Erstellt:

Von: Marvin Heinz

Kommentare

Ein Rennradfahrer trainiert vor einer kargen Kulisse auf Hawaii
Radfahren auf Hawaii ist hart: Die sogenannten Mumuku Winde, böige Seitenwinde, wehen dort mit Geschwindigkeiten von bis zu 80 Stundenkilometern. © privat

Wenn heute der Startschuss für den Ironman Hawaii fällt, stürzt sich auch Sören Nell in den Pazifik. Obwohl der Wettbewerb für Athleten eine Tortur ist, erfüllt sich der Waldkappeler einen Lebenstraum.

Waldkappel/Kona - Frankfurt, London, San Francisco lauteten die Stationen von Sören Nell am vergangenen Mittwoch, bevor der Triathlet aus Waldkappel in Kona auf Hawaii gelandet ist. Am heutigen Samstag startet Nell als Altersklassenathleten beim Hawaii Ironman, dem berühmtesten Ausdauer-Wettbewerb der Welt. Der Wettbewerb wird ab 18:15 Uhr im Livestream in der ZDF-Mediathek übertragen.

„Es wird der sportliche Höhepunkt meines Lebens“, sagte Nell. Wie viele andere Teilnehmer ist er wegen der Akklimatisierung bereits eine Woche vor dem Wettkampf auf Hawaii. „Aber ich bin auch früher geflogen, um Geld zu sparen. Je später man fliegt, desto höher werden die Flugpreise“, sagte der Vermögensverwalter.

Sören Nell geht es nicht um eine Platzierung

Der 38-jährige gerät ins Schwärmen, wenn er über die ersten Eindrücke spricht. „Es ist gleichzeitig auch meine erste Fernreise. Ich sauge hier alles auf und werde vor dem Wettkampf an der Parade der Nationen teilnehmen. Es ist ein riesiges Fest“, sagte Nell. Für ihn steht der olympische Gedanke im Vordergrund: „Ich will dabei sein und ins Ziel kommen. Hier geht es nicht um eine Platzierung oder eine neue Bestzeit.“

In Absprache mit seinem Trainer Martin Busch (Fritzlar) hat er ganz bewusst vorab die Umfänge reduziert. Nur noch acht bis neun Trainingsstunden pro Woche kamen zusammen. Primäres Ziel war in der Vorbereitung, dass sich Nell nicht verletzt. Der Fußballspieler des TSV Waldkappel sagte auch mehrfach seinem Trainer Uwe Stückrath ab: „Die Gefahr war zu groß. Ein zweites Mal bekomme ich diese Chance wohl kaum.“

Interessante Fakten über den Ironman Hawaii

Im Schnitt verbrennen die Athleten beim Ironman Hawaii rund 11.500 Kalorien. Zum Vergleich: Ein Bundesligaspieler pro Partie etwa 1000 Kalorien.

Die Ziellinie darf laufend, gehend oder kriechend überquert werden.

2014 absolvierte der 42-jährige Kölner Elmar Sprink als erster Mensch nach einer Herztransplantation erfolgreich den Ironman Hawaii. Er brauchte 12,5 Stunden.

Donnerstags findet seit dem Jahr 1998 immer der Underpants-Run in Kona statt. Der Charitiylauf nimmt den Umstand aufs Korn, dass die Amerikaner sich über Europäer echauffieren, die immer und überall in Badebekleidung auftauchen.

Im Schnitt kostet der Ironman Hawaii einen Amateursportler (plus Begleitperson) rund 14.000 Euro. Die Startgebühr beträgt rund 1060 Euro. In diesem Jahr berichteten Medien über weitere Kostenexplosionen von Unterkünften, Flügen, etc.

Das Wegwerfen von Abfällen (Littering) wird ebenso geahndet, wie das Rechtsfahrgebot oder das Windschattenfahren. Die Athleten bekommen bei Verstoß eine Karte und müssen in eine Penalty-Box. Tun sie das nicht, dürfen sie das Rennen nicht fortsetzen.

Der erste Ironman wurde 1978 ausgetragen. Der damalige Veranstalter John Collins sagte: „Wer auch immer zuerst ins Ziel kommt, wir werden ihn den Menschen aus Eisen (engl: iron) nennen.“

Im Jahr 2015 absolvierte der 85-jährige Lew Hollander die komplette Distanz in 15:59:41 Stunden.

Schon die 3,86 km Schwimmen sind für Nell eine Premiere. Zum ersten Mal im offenen Meer schwimmen bei einem Wettkampf. Die Temperatur des Pazifischen Ozeans vor Kailua-Kona beträgt in der Regel 28 Grad. Ab 24,5 Grad ist der Neoprenanzug verboten. „Darauf habe ich mich eingestellt“, sagt Nell, der mit der Startnummer 1832 ins Rennen geht. Auf dem Oberarm wird die Nummer markiert sein, ehe die Athleten mit einem Startschuss aus einer alten Kanone losgeschickt werden.

Vorab thematisierte Nell schon die Radstrecke entlang des Queen K Highway durch die Lavafelder und die sogenannten Ho’o-Mumuku-Winde: „Das sind plötzlich aufkommende böige Seitenwinde mit Geschwindigkeiten von bis zu 80 Stundenkilometern. Das kann ich auch nicht trainieren. “

Temperaturen könnten ein Problem werden

Nach 180,2 Kilometern auf dem Rad wird sich Nell dann hoffentlich seine Laufschuhe anziehen. „Ich habe ein bisschen Respekt vor den Temperaturen“, sagte Nell, der hitzeempfindlich ist und mit Blick auf den Wetterbericht einmal tief durchatmen kann. Es ist am Wettkampftag vereinzelt Regen gemeldet mit Temperaturen um die 33 Grad Celsius.

Während die deutsche Elite bestehend aus Patrick Lange, Sebastian Kienle und Anne Haug, ihren Hawaii-Sieg in Abwesenheit des verletzten Jan Frodeno am liebsten wiederholen wollen, stellt sich Nell auf eine Tortur ein: „Wenn es sein muss, dann gehe oder krieche ich auch ins Ziel.“

Bis Mitternacht hat Sören Nell die Chance auf dem Ali’i Drive die Ziellinie zu über queren, um den begehrten Finisher-Kranz in Empfang zu nehmen.

„Wenn ich Letzter werde, erhalte die den Kranz aus den Händen des Champions. Ich will es packen, darum geht es.“ Favorit auf den Sieg bei den Herren ist der norwegische Olympiasieger Kristian Blummenfelt.

Auch interessant

Kommentare