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Werra-Meißner-Kreis ist ein Geheimtipp unter Kletterern

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Von: Juliane Preiß

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Erst ordentlich anstrengen, dann den Ausblick auf die Werra genießen: Cyrille Girard klettert die Route „Knack & Back“ am Andreasstein bei Kleinvach.
Erst ordentlich anstrengen, dann den Ausblick auf die Werra genießen: Cyrille Girard klettert die Route „Knack & Back“ am Andreasstein bei Kleinvach. © Frank Wiederschein

Der Werra-Meißner-Kreis hat etwas, worauf viele Kletterer scharf sind: Kalkstein. Geformt vor Millionen von Jahren aus Muscheln und Korallen bieten die Felsformationen heute Halt für Hände und Füße.

Eschwege - An drei Orten dürfen sich Sportkletterer in der Region austoben: am Andreasstein oberhalb des Werraradweges zwischen Kleinvach und Albungen, am Behälterskopf versteckt im Wald bei Rückerode und nicht weit davon am Große Habichtsstein mit Aussichtsplattform. An zwei weiteren Felsen, dem Otterbachstein bei Orferode und den Ellersteinen bei Rückerode, ist das Klettern zurzeit verboten, dazu später mehr.

Der Werra-Meißner-Kreis ist kein Sportkletter-Eldorado. Mit rund 60 Routen, so heißen die Kletterwege an den Wänden mit installierten Bohrhaken für die Seilsicherung, ist die Auswahl übersichtlich. Trotzdem gilt die Region, die es sogar in einen Kletterführer geschafft hat, als kleiner Geheimtipp für Kletterer aus Kassel oder Göttingen.

Fast wie in Südfrankreich

Als „Kalk-Sidekick“ mit „leichteren Routen“ und „tollen Ausdauertouren, wie sie im Norden eher selten zu finden sind“, beschreiben Peter Brunnert und seine zwei Mitautoren, Arne und Stephen Grage, die hiesigen Felsformationen. Brunnert, passionierter Kletterer und Autor aus Hildesheim, kannte die Felsen zwischen Werra und Meißner nicht. Dann bekam er einen Tipp: „Weißt du, dass es südlich von Göttingen tolle Kalkfelsen gibt?“ Ihn packte die Neugier.

Mittlerweile hat er die meisten Routen selber ausprobiert und schwärmt: „Ich mag besonders den Andreasstein wegen seiner Lage hoch über der Werra. Da hat man im Sommer fast das Gefühl, man ist in Südfrankreich.“ Seine Lieblingsroute ist die „Gerade Westwand“ mit dem Schwierigkeitsgrad 6 (siehe Kasten). „Sie ist sehr steil und anstrengend, aber gut machbar wegen der großen Griffe.“

Wissenswertes über das Klettern

Freiklettern ist das Klettern an Felsen oder Kunstwänden. Dazu gehören auch das Sportklettern, bei dem es gesicherte Routen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden gibt, und das Bouldern, das Klettern ohne Seil bis zur Absprunghöhe.

Kletterrouten werden nach einer Schwierigkeitsskala bewertet. Es gibt viele unterschiedliche Skalen, die gebräuchlichsten sind die UIAA-Skala und die französische von eins aufsteigend. Der oder die Erstbegeher(in) einer Route bewertet diese. Als schwerste Route der Welt gilt momentan die „DNA“ in der Verdon-Schlucht in Frankreich bewertet im April 2022 durch Sébastien Bouin mit dem Schwierigkeitsgrad 9c.

Zur Grundausrüstung beim Klettern gehören spezielle Kletterschuhe, ein Klettergurt, fürs Felsklettern unbedingt ein Helm. Außerdem ein Seil, Karabiner und ein Sicherungsgerät, mit dem der Partner den Kletternden sichert.

Kleines Kletter-ABC: Der Achter ist der wichtigste Knoten zum Anseilen; die Affenfaust ist dicker Knoten, der zur Sicherung häufig in der Sächsischen Schweiz verwendet wird; die Exe sind zwei mit einer Bandschlinge verbundene Karabiner; als Free Solo bezeichnet man Klettern ohne jegliche Sicherung; ein Halbautomat ist ein Sicherungsgerät, mit dem beim Sturz das Seil im Gerät blockiert; die Skizze einer Kletterroute nennt sich Topo; der Umlenker ist ein sicherer Fixpunkt am Ende einer Kletterroute über den der Kletterer abgelassen wird.

Über Kletterkurse am Fels oder in der Halle kann man sich bei den örtlichen Sektionen des Deutschen Alpenvereins (Göttingen, Kassel, Bad Hersfeld) informieren.

Die Kletterrouten haben seltsame Namen wie „Knack & Back“, „Supernova“ oder „Drachenfurz“. Benennen darf sie die Erstbegeherin oder der Erstbegeher. Die ließen sich aber am Behälterskopf nicht mehr ermitteln, deshalb sind die Routen dort einfach durchnummeriert. Die leichten, bis zu 15 Meter hohen Routen sind auch für Anfänger geeignet. Hat man es bis oben geschafft, genießt man statt Weitsicht, das Grün der benachbarten Baumkronen und die Ruhe. Denn Ruhe ist das, was den Werra-Meißner-Kreis im Gegensatz zu anderen Klettergebieten ausmacht. Brunnert beschreibt es in seinem Buch so: „Stünde der Behälterskopf im (niedersächsischen) Ith, wäre er belagert, wie ein Bierstand in der Wüste.“

Klettern erlebt einen regelrechten Hype

Klettern hat einen regelrechten Hype erlebt. Dazu beigetragen hat sicher auch, dass der Sport 2021 erstmals bei den Olympischen Spielen in Tokio ausgetragen wurde. Die Kletterhallen wurden regelrecht geflutet. Als diese wegen der Coronapandemie schließen mussten, sind viele nach draußen ausgewichen. Doch Peter Brunnert warnt vor Leichtsinnigkeit: „Der Schritt von der Halle an den Fels ist nicht ohne. Draußen ist das Klettern quasi eine ganz andere Sportart.“

Wer in der Halle das Kletter-ABC gelernt hat, kennt die wichtigsten Knoten, weiß, wie man seinen Kletterpartner sichert und das Seil einhängt. Draußen aber gibt es lose Felsen, gegen die nur ein Helm hilft. Die sogenannten Exen, die Zwischensicherungen, muss man selber einhängen, teils mit abenteuerlichen Verrenkungen. Der Sturz zwischen den Sicherungen fällt meist höher aus als in der Halle. Am besten man absolviert einen Felskletter-Kurs, die immer wieder vom Deutschen Alpenverein angeboten werden.

Jetzt wenn es kalt und feucht ist, bleiben Kletterer lieber in der Halle. Aber an sonnigen Wochenenden kann es schon mal voll werden. Wie stark die kleinen Felsen im Werra-Meißner-Kreis frequentiert sind, war bisher unklar. Doch dies wird jetzt durch den Deutschen Alpenverein (DAV) der Sektion Kassel erfasst. Das ist Teil der sogenannten „Kletterkonzeption für den Werra-Meißner-Kreis“, die das Land Hessen, Hessen Forst, der DAV und der Landkreis Ende 2018 ausgearbeitet haben. Das Ziel ist, „die Bedingungen für eine naturverträgliche Ausübung der Sportform Klettern festzulegen und damit den Bestand der Sportart regional vor Ort zu sichern.“ Denn vier der fünf hiesigen Felsen, Habichtsstein, Behälterskopf, Ellersteine und Otterbachstein, liegen im FFH-Gebiet „Werra- und Wehretal“. Dort kommen Tier- und Pflanzenarten vor, die besonders schützenswert sind wie Waldfledermäuse oder Kalktrockenrasen.

Gegebenenfalls müssen noch weitere Felsen gesperrt werden

Über einen Zeitraum von fünf Jahren (2019 bis 2023) soll mittels eines Monitorings festgestellt werden, wie sich der Klettersport auf die Felsvegetation auswirkt. Anhand der Ergebnisse soll dann entschieden werden, ob die jetzt gesperrten Felsen wieder freigegeben werden können oder ob noch weitere Felsen gesperrt werden müssen.

Von Einsteigern gerne genommen: Am Behälterskopf bei Rückerode gibt es einfache Routen.
Von Einsteigern gerne genommen: Am Behälterskopf bei Rückerode gibt es einfache Routen. © Peter Brunnert

Peter Brunnert und seine Autorenkollegen haben den Otterbachstein und die Ellersteine auch in der aktuellen zweiten Auflage des Kletterführers wieder mit aufgenommen mit dem Hinweis zur Sperrung. Die Haken dort sind mittlerweile verplombt, also unbrauchbar gemacht durch den DAV, die Zuwege gesperrt. Brunnert ist ehrlich: „Beim Otterbachstein und den Ellersteinen wäre es verschmerzbar, wenn die gesperrt blieben.“

Naturschutz und Klettercommunity arbeiten gut zusammen

Früher, erinnert sich der 65-jähriger Peter Brunnert, habe es Konfrontationen zwischen Kletterern und Naturschützern gegeben. Mittlerweile sei im Norden, die Zusammenarbeit sehr gut. So seien im Ith Felsen monatsweise gesperrt, wenn Greifvögel brüten. Brunnert geht am liebsten im sächsischen Elbsandsteingebirge klettern, wo strenge Regeln zwecks Naturschutz herrschen. Dort dürfen keine metallischen Klemmkeile oder Magnesium verwendet werden.

Brunnert sagt, er sei ein Freund der „archaischen Kletterei“. Er erklimmt Felstürme auch mal ohne Sicherung, im sogenannten Free-Solo. „Das Erlebnis, wenn man in eine Felswand einsteigt und nicht genau weiß, was passiert, ist viel intensiver, als wenn man alle zwei Meter einen Bohrhaken hat.“ Man müsse sich genau überlegen, wie die nächste Bewegung auszusehen hat. „So lernt man Demut.“ Denn Klettern sei eben auch eine Sportart, die potenziell lebensgefährlich sei.

Sicherheitszweifel kommen auf jeden Fall bei den abenteuerlichen Schlingen aus grünem Gartendraht, von denen es am Großen Habichtsstein noch ein paar gibt. Wenn man aber die rund 20 Meter hohe Wand erklommen hat, kann man den Ausblick in das Meißnervorland über schier endlose grüne Hügel genießen. Und wem der vertikale Aufstieg zu heikel ist, läuft einfach über den Wanderweg auf die Aussichtsplattform.

Informationen über Kletterrouten im Werra-Meißner-Kreis und Raum Göttingen gibt es im Kletterführer „Göttinger Wald“, Panico Verlag, ISBN 978-3-95611-160-0, 29,80 Euro.

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