Hessischer Fußballverband überlegt

Zeitstrafen auch im Kreisfußball? - Eine Diskussion

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Beim Handball gehören Zeitstrafen zum Alltag: Auf unserem Bild schickt Schiedsrichter Arthur Brunner den deutschen Nationalspieler Patrick Wiencek beim EM-Spiel gegen Kroatien für zwei Minuten vom Feld.

Im heimischen Fußball bahnt sich eine kleine Revolution an. Der Hessische Verband (HFV) denkt über die Wiedereinführung einer Zehn-Minuten-Zeitstrafe nach.

Die soll für untere Ligen auf Kreisebene gelten – maximal bis zur Kreisoberliga. Ein entsprechender Antrag wird bereits von der Rechtsabteilung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) geprüft. Gibt es grünes Licht für das Pilotprojekt, wird Anfang Juni auf dem Verbandstag darüber abgestimmt. Die neue Regel könnte schon in der kommenden Saison greifen. Von der Zeitstrafe erhoffen sich die Verantwortlichen vor allem eine Deeskalation – in den vergangenen Monaten wurden Schiedsrichter vermehrt angegriffen. Wie die Regel umgesetzt werden soll, wird derzeit beraten. Eine Idee sieht so aus: Für ein Vergehen bekommt ein Spieler zunächst Gelb, beim nächsten Mal erhält er eine Zeitstrafe, und nach dem dritten Vergehen muss der Spieler – wie beim Handball – für die Spieldauer vom Platz. Für grobe Regelverstöße gibt es weiterhin die Rote Karte mit Sperre. Die Gelb-Rote fällt weg. Lesen Sie dazu Pro und Kontra und Reaktionen: 

Pro von Robin Lipke: 

Zeitstrafen beim Fußball – die Idee hat was. Wenn die Verantwortlichen des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) genau vorgeben, wie die mögliche neue Regel zu handhaben ist, spricht nichts gegen sie. Zumal sie einfach umzusetzen wäre. Insofern würde die Regel den Charakter des Spiels nicht verändern. In Zeiten von Videobeweisen ist das ein nicht zu unterschätzender Aspekt. Außerdem hätten die Schiedsrichter weiterhin die Möglichkeit, grobes Verhalten mit einer Roten Karte zu ahnden. Vor allem aber, und das ist die Absicht, tragen Zeitstrafen dazu bei, dass sich die Gemüter beruhigen. Nach dem Motto: In einer aufgeladenen Situation kann eine kurze Denk- und Verschnaufpause nicht schaden. Zumal zehn Minuten in Unterzahl zwar ein Nachteil, aber durchaus verkraftbar sind. Wohingegen Gelb-Rote-Karten mitunter erst dafür sorgen, dass Sicherungen durchbrennen. Den Unparteiischen bieten sich dank dieser Regel mehrere Möglichkeiten, deeskalierend einzuwirken. Damit machen sie sich weniger angreifbar. Und darum geht es ja schließlich. 

Contra von Manuel Kopp: 

Der Fußball kommt nicht zur Ruhe. Nach dem Videobeweis in der Bundesliga soll es jetzt auf Kreisebene Zeitstrafen geben. Keine gute Lösung, denn das führt zu noch mehr Verwirrung. Der Fußball lebt eigentlich davon, dass überall dieselben Regeln gelten. Egal, ob in der Champions League oder Kreisliga A. Schon die Einführung des Videobeweises hat für eine Kluft zwischen Profis und Amateuren gesorgt. Der Charakter des Spiels hat sich verändert. Wenn die Zeitstrafen auf Kreisebene kommen, wird das auch dort passieren. Schließlich treten dann kurzzeitige Überzahlsituationen auf. Noch schlimmer: Es gibt erst einmal drei Ebenen. Zwischen 2. Bundesliga und Kreisoberliga wird ja weiter der klassische Fußball gespielt. Wer soll da noch durchblicken? Ein wichtiges Ziel wird zudem verfehlt – die Deeskalation. Eine kurze Denkpause an der Seitenlinie löst nicht den Kern des Problems: den Hang zur Gewalt eines Spielers. Zumal die Erfahrung zeigt, dass Schiedsrichter meist nach Platzverweisen attackiert werden. Und die gibt es ja auch weiterhin.


Reaktionen auf den Vorschlag

Karsten Vollmar, stellvertretender Verbandsschiedsrichter-Obmann vom TSV Kalkobes, will erst einmal abwarten, wie die Vorschläge aussehen, die der Verbandsspielausschuss unterbreiten wird: „Ich glaube, dass die ganze Sache erst einmal durchgespielt werden muss. Ich denke mal, dass die meisten Schiedsrichter an sich mit dem Aufwand der Zeitstrafen klarkommen. Das dürfte nicht das Hauptproblem sein.“ Seine Meinungsfindung ist in der Sache noch nicht abgeschlossen: „Ich bin für alle Seiten offen.“ Sven Wiegel ist nicht nur Handballer beim Landesligisten TV Hersfeld sondern spielt auch Fußball beim Kreisoberligisten SG Mecklar/Meckbach/Reilos. Er hält die Einführung einer Zeitstrafe auch im Fußball grundsätzlich für eine Überlegung wert. „Einigen würde schon eine zehnminütige Pause gut zu Gesicht stehen.“ Allerdings bezweifelt er, dass sie einen Sinneswandel bei den betroffenen Akteuren herbeiführen würde. Auch die Auswirkungen einer Zeitstrafe seien im Fußball eher zu verkraften als im Handball, wo schon bei Unterzahl einige Gegentore fallen können. „Überdies sind mir Übergriffe auf Schiedsrichter im Handball nicht bekannt. Dort sind sie heilig, egal wie gut oder schlecht ihre Leistung ist“, sagt er.

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