Stimmung in Moskau

Olympia-Aus für Russland: „Nicht alle haben damit gerechnet“

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Die russische Flagge wird bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea nicht zu sehen sein: Das Olympische Komitee hat das Land von den Wettbewerben ausgeschlossen.

Es war ein Paukenschlag: Das Olympische Komitee (IOC) schloss Russland von den kommenden Winterspielen in Südkorea aus. Die russischen Athleten müssen nun unter neutraler Flagge antreten.

Doch wie ist die Stimmung in der russischen Bevölkerung? Hält sie die Entscheidung des Komitees für richtig oder ist eine Welle des Protests gegen das Urteil spürbar? Der Journalist Andreas Rossbach lebt in Moskau und erlebt das aktuelle Stimmungsbild hautnah mit.

Herr Rossbach, wie ordnen Sie grundsätzlich das Urteil des IOC ein? 

Andreas Rossbach: Die Entscheidung des IOC hat den Kreml in Moskau kalt erwischt. Nicht alle haben mit so einem harten Urteil gerechnet. Dazu muss man noch sagen: Wenn es um Sport geht, dann hat es eine sehr politische Dimension in Russland. Der Kreml nutzt sportliche Großveranstaltungen gern mal für Propaganda-Zwecke. Der Nationalstolz in der Bevölkerung soll gestärkt werden - und das geht dieses Mal nicht. Das Außenministerium hat darauf auch sehr emotional reagiert, die Pressesprecherin des Außenministeriums, Maria Sacharowa, hat die Entscheidung in einem Facebook-Kommentar mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Zerfall der Sowjetunion gleichgesetzt.

Überträgt sich diese Emotionalität auch auf die Bevölkerung? 

Rossbach: Ja, das kann man so sagen. Ein Großteil der Bevölkerung unterstützt laut einer aktuellen Umfrage des unabhängigen russischen Meinungsforschungsinstitutes Levada-Zentrum Putin - und dementsprechend wie der Kreml-Chef auch die Teilnahme der russischen Athleten bei den Winterspielen. Deswegen haben viele Russen ebenfalls überrascht und enttäuscht reagiert. Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, spiegelt sich beim Großteil der Bevölkerung wider.

Gibt es auch kritische Stimmen in der Bevölkerung? 

Rossbach: Ja natürlich gibt es auch eine kritische Minderheit. Gerade in Großstädten wie in Moskau oder Sankt Petersburg ist das zu spüren, wo viele junge und liberale Menschen leben. Diese Gruppe spricht sich ganz deutlich gegen Doping und für einen sauberen Sport aus. Unter anderem weil der Staat in die Sache involviert gewesen war, unterstützen sie die Entscheidung, Russland von den Winterspielen auszuschließen.

Wie war dann die Stimmung im Land, nachdem Putin keinen Boykott der Olympischen Spiele angekündigt hatte? 

Rossbach: Viele sind der Meinung, dass das nicht das Gleiche ist, wenn die Athleten nicht unter ihrer Flagge antreten können und neutral bleiben müssen. Aber die Mehrheit folgt auch hier den Aussagen Putins, dass es so immer noch besser sei, als komplett ausgeschlossen zu werden. Die Spiele komplett zu boykottieren, ist in Russland keine wirkliche Option.

Also ist das Interesse, die Wettkämpfe in Südkorea zu verfolgen, durchaus noch vorhanden? 

Rossbach: Es ist zwar abgeschwächt, aber es ist noch da. Was jedoch zu einem Problem wird, ist die Übertragung. Ursprünglich wollten die russischen Staatsmedien die kommenden Winterspiele übertragen. Nach dem Urteil des IOC werden die Spiele höchstwahrscheinlich doch nicht gesendet. Darunter leiden dann natürlich diejenigen, bei denen das Interesse noch vorhanden ist.

Zur Person

Andreas Rossbach (27) ist in Sankt Petersburg geboren und in Deutschland aufgewachsen. Rossbach ist freier Journalist und arbeitet hauptsächlich für deutsche Medien im und Online- und Printbereich. Zurzeit wohnt er in Moskau und schreibt dort über das aktuelle Geschehen in Russland sowie über die Themen Politik, Kultur und Menschenrechte. Rossbach ist ledig.

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