Im Interview

Schicksalsschlag, Skispringen und Olympia - Gespräch mit dem besten Skisprung-Trainer der Geschichte

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Er hat als Trainer die goldene Ära der österreichischen Skispringer geprägt: Alexander Pointner.

Er ist der erfolgreichste Skisprung-Trainer der Geschichte: Alexander Pointner hat als Coach der Österreicher um Gregor Schlierenzauer und Thomas Morgenstern eine Ära geprägt. Kurz nachdem seine Tätigkeit beim Österreichischen Skiverband 2014 endete, traf seine Familie ein Schicksalschlag.

Tochter Nina erkrankte an Depression, verübte im November 2014 einen Suizidversuch. Nach einem Jahr im Wachkoma starb die 17-Jährige am 17. Dezember 2015. Über die Zeit des Weitermachens hat Pointner mit seiner Frau Angi ein vielbeachtetes Buch geschrieben. Ein Gespräch über Mut und die Liebe zum Skispringen.

Herr Pointner, sind Sie ein mutiger Mensch?

Alexander Pointner: Wenn ich etwas anpacke und davon überzeugt bin, dann bin ich mutig. Wenn man was bewegen will, braucht es Mut: Mut, Dinge anzusprechen, Mut, in Bewegung zu kommen. Das habe ich als Trainer sehr oft versucht und der Erfolg hat mich bestätigt. Beim Buch „Mut zur Klarheit“ und nach den drei letzten schmerzvollen Jahren haben wir gemerkt, wie wichtig es ist, Tabu-Themen wie Depression und Suizid anzusprechen. Aber es braucht Mut, wenn es andere nicht machen.

Warum haben Sie den Mut gefunden?

Pointner: Es ist wichtig, dass sich etwas verändert. Damit in das Leid von vielen Betroffenen, deren Dunkelziffer im Bereich Depression hoch ist, Erleichterung kommt, damit Erfahrungen weitergegeben werden. Damit Menschen, denen es schlecht geht, wissen, dass die Ursache vielleicht in einer Depression liegt, und es Möglichkeiten gibt, diese psychischen Verletzungen wie körperliche zu heilen. Wir wollen Mut machen. Wir hatten professionelle Hilfe, um wieder Boden unter die Füße zu bekommen.

Was war Ihre mutigste Entscheidung?

Pointner: Es hat viel Mut gebraucht, von unserer Familie, über unsere Erfahrungen zu sprechen. Weil es sonst fast niemand macht. Aber die unzähligen positiven Rückmeldungen bestätigen uns darin, dass es richtig war.

Lässt sich der Mut, von einer Schanze zu springen, mit dem vergleichen, sein persönliches Schicksal öffentlich zu machen?

Pointner: Nein. Sportler wie Skispringer machen ihren Sport meist von Kindesbeinen an. Die Grenze, wo Angst da ist und wo es gefährlich wird, ist dann sehr gut abzuschätzen. In den Spitzensport wächst man hinein. Die wahren Aufgaben stellt uns das Leben aber außerhalb des Spitzensports.

Wann hätten Sie gern mal mehr Mut gehabt?

Pointner: Als aktiver Springer. Wenn man als Spitzensportler erfolgreich sein will, muss man die eigene Komfortzone verlassen, damit es zu einer Veränderung kommen kann. Das hat mir als aktiver Sportler gefehlt. Das habe ich erkannt und als Trainer meine Athleten und mein Team so unterstützt, dass sie den Mut aufbringen, das sichere Terrain zu verlassen und Veränderungen zuzulassen. Das hat mich zu dem Trainer gemacht, der ich geworden bin.

Momentan läuft’s nicht rund bei den österreichischen Skispringern. Wie blicken Sie als Vater der Superadler darauf?

Pointner: Man hat nach mir Dinge bewusst anders gemacht. Man hat mir beispielsweise vorgeworfen, dass ich zu sehr an der Front gestanden habe. Ich aber wollte die Verantwortung zu 100 Prozent übernehmen. Denn es ist wichtig, dass sich jemand vor eine Mannschaft und die Betreuer stellt, auch, um die Athleten zu entlasten. Heute aber ist es schwer, jemanden zu greifen, der sagt, ich übernehme die Verantwortung. Es war ein schleichender Prozess, die mannschaftliche Leistung hat kontinuierlich abgenommen. Erst als bei der Vierschanzentournee keiner unter die besten zehn gekommen ist, und es bei der Skiflug-WM keine Medaille gab, ist nicht mehr zu verdecken gewesen, dass im Nachwuchsbereich und in der Spitze momentan keiner da ist.

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Da dürften Sie eher mutlos nach Pyeongchang blicken.

Pointner: Die Situation ist denkbar schwierig. Die Mannschaft ist noch gut in die Saison gestartet. Aber man ist immer in diesem Prozess geblieben, man muss noch etwas besser machen. Das suggeriert den Athleten, es genügt nicht, was sie können. Mittlerweile ist durch viele schlechte Ergebnisse das Selbstvertrauen so geschwunden, dass selbst Stefan Kraft nicht mehr das Potenzial abrufen kann, was er sich erarbeitet hat. Man braucht jetzt viel Glück, um eine olympische Medaille zu gewinnen und muss hoffen, dass andere Fehler machen. Das ist die denkbar ungünstigste Situation für eine Mannschaft wie Österreich, die so viele Möglichkeiten und so ein großes Budget hat.

Vermissen Sie den Skispringsport?

Pointner: Momentan fehlt er mir nicht, weil die familiäre Situation sehr schwierig ist. Wir haben mit Paula und Lilith zwei jüngere Kinder, die zu Hause wohnen und unsere Unterstützung brauchen. Wir brauchen uns gegenseitig. Jeder Tag ist schon noch eine Aufgabe. Es gibt immer jemanden in unserer Familie, dem es mal schlechter geht. Das sind Wellenbewegungen. Natürlich schaue ich gern in den Skisprungsport hinein, er hat mich mein Leben lang begleitet. Aber ich kann nicht sagen, ich muss sofort wieder in den Sport hinein.

Was lässt Sie mutig in die Zukunft blicken?

Pointner: Dass wir im Alltag wieder Boden unter die Füße bekommen, uns über Kleinigkeiten freuen können, dass es eines Tages wieder Momente gibt, in denen wir lachen und befreiter sein können. Aber es ist ein langer und kein einfacher Weg. Die letzten drei schweren Jahre haben uns gezeigt: Wenn wir mutig sind, Dinge beim Namen zu nennen, lässt uns das Hoffnung schöpfen. Dies wiederum gibt uns die Kraft, dass wir es gemeinsam schaffen können.

Das Buch: Alexander Pointner: Mut zur Klarheit. Woher die Kraft zum Weitermachen kommt. Seifert Verlag, 272 Seiten. 24,95 Euro.

Zur Person: Alexander Pointner

Alexander Pointner (47) lebt mit Frau Angi und den Kindern Max (21), Paula (14) und Lilith (9) in Innsbruck. Tochter Nina (17) starb 2015. Zehn Jahre lang war er Cheftrainer der österreichischen Skispringer und prägte eine ganze Ära. Unter seiner Regie gewannen die Superadler zwischen 2005 und 2014 32 Medaillen (17-mal Gold) bei internationalen Großveranstaltungen, feierten 118 Weltcupsiege. Damit ist er der erfolgreichste Skisprung-Coach der Geschichte. Heute arbeitet Pointner als Autor und hält Vorträge.

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