Schiedsrichter als Zielscheibe: Psychologe über zunehmende Aggressionen

Frankfurt. „Sie wünschen sich mehr gesellschaftliche Anerkennung." Das sagt Psychologe Adrian Sigel über die Rolle von Schiedsrichtern im Fußball-Amateurbereich.

In seiner Masterarbeit hat sich der 28-Jährige mit den Erfahrungen der Hobby-Unparteiischen beschäftigt. Die Studie belegt, was zu erwarten war: Schiedsrichter im Fußball-Amateurbereich sind regelmäßig Aggressionen ausgesetzt. Im ersten Schritt hat Sigel Schiedsrichter ausführlich per Interview befragt, um aus den Erkenntnissen einen Fragebogen zu erstellen. 915 Unparteiische beantworteten diesen online.

Herr Sigel, wie kamen Sie auf das Thema für ihre Arbeit?

Adrian Sigel: Ich bin großer Fußballfan und habe auch lange selbst gespielt. Die Medien berichten oft über Vorfälle, bei denen Unparteiische Aggressionen erleben müssen. Ich habe mich gefragt, ob das medial hochstilisierte Einzelfälle sind oder regelmäßig geschieht. Da meine Recherche keine hilfreiche Antwort ergeben hat, habe ich das Thema in meiner Masterarbeit selbst anhand einer psychologischen Studie untersucht.

Um welche Art von Aggressionen geht es?

Sigel: Es gibt drei Stufen: Beleidigungen, Gewaltandrohungen und tätliche Angriffe. 95 Prozent der Befragten wurden mindestens einmal beleidigt, etwa zwei Drittel wurde bereits Gewalt angedroht und ein Viertel wurde tatsächlich tätlich angegriffen. Das zeigt: Aggressionen werden häufig gegenüber Schiedsrichtern geäußert.

Von wem gehen diese Aggressionen aus - von Spielern, Zuschauern, Trainern?

Sigel: Die Unparteiischen beschreiben, das sie meist von Spielern, aber auch oft von Zuschauern beleidigt werden. Sie sagen zum Beispiel „Beleidigungen durch Zuschauer sind an der Tagesordnung“ und „unser täglich Brot“. Manchmal werden aber auch Trainer und sogar Ordner ausfallend.

Welche Ursachen stecken den Schiedsrichtern zufolge hinter den Aggressionen?

Sigel: Fußball ist eine Kontaktsportart, zu der spezifische Emotionen gehören. Es gibt einen Ermessensspielraum, der zu Diskussionen führt - ob der Körpereinsatz bei einem Foul zu hart war oder nicht. Die Aggressionen entstehen den Unparteiischen zufolge außerhalb des Sports bei gesellschaftlichen Interaktionen und werden auf den Fußball übertragen, der als Ventil dient.

Wie gehen die Unparteiischen damit um?

Sigel: Einige gewöhnen sich daran und überhören gewisse Beleidigungen irgendwann. Andere Schiedsrichter setzen sich eine Grenze. Wenn diese überschritten wird, treten sie zurück. Man kann sagen, dass die Hälfte aller neuen Unparteiischen nach einem Jahr wieder aufhört.

Welche Konsequenzen hat das aggressive Verhalten für die Schiedsrichter?

Sigel: Das war die spannendste Erkenntnis, weil mich die Unparteiischen erst während der Interviews auf diesen Aspekt aufmerksam gemacht haben. Über 80 Prozent der Befragten beschreiben, dass die Erfahrungen einen persönlichen Wachstums- und Reifeprozess ausgelöst und ihre Identität gestärkt haben. Im Sport erlangte Qualitäten wie Durchsetzungs- und Kommunikationsfähigkeit, objektives Denken, eine bessere Konzentration, Ruhe bewahren und Fairness zeigen, helfen ihnen auch im Privatleben. Dennoch sind Aggressionen natürlich fehl am Platz.

Welche Schlüsse können aus der Studie gezogen werden?

Sigel: Aggressionen gegenüber Unparteiischen treten häufig auf und sollten zurückgeschraubt werden. Erfahrene Schiedsrichter könnten neue Kollegen unterstützend begleiten. Das ist allerdings eine Geld- und Personalfrage. Da der Fragebogen auf den Interviews mit Betroffenen basiert, wurden in der Studie relevante Informationen abgefragt. Damit gibt sie als eine der ersten einen Einblick in die Psyche der Unparteiischen und zeigt, was es bedeutet, Spiele zu pfeifen. Vielleicht bekommen die Schiedsrichter nun mehr von der angemessenen gesellschaftlichen Anerkennung.

Zur Person:

Adrian Sigel ist 28 Jahre alt, ledig und ausgebildeter Psychologe. Der gebürtige Münchner machte in seiner Heimatstadt den Bachelor im Fach Psychologie und absolvierte seinen Master an der Goethe-Universität in Frankfurt. In seiner Masterarbeit befasst er sich mit den Aggressionserfahrungen von Schiedsrichtern im Fußball-Amateurbereich. Noch bis Sommer 2016 absolviert Sigel in Köln eine zusätzliche Weiterbildung zum Sportpsychologen.

Fakten zu Schiedrichtern

Fakten im Überblick:

• ein Viertel der Befragten wurde tätlich angegriffen

• 95 Prozent der Schiedsrichter wünschen sich härtere Strafen für Spieler, die durch Aggressionen ausfallen

• 79 Prozent empfinden eine Zunahme der Aggressionen auf dem Spielfeld in den vergangenen Jahren

Erfahrungswert von Schiedsrichter-Ausbildern:

• fast 50 Prozent aller neuen Schiedsrichter hört nach einem Jahr wieder auf

Die Stichprobe:

• insgesamt wurden 915 Schiedsrichter befragt

• die fünfte Spielklasse ist die höchste einbezogene Liga

• 93 Prozent der Befragten sind männlich

• 94 Prozent der Befragten sind deutscher Nationalität

• 97 Prozent der Befragten sind aktive Schiedsrichter, die anderen sind ehemalige

• die Befragten sind im Durchschnitt 32,6 Jahre alt

• der jüngste Schiedsrichter war zum Zeitpunkt der Befragung 13, der älteste 79 Jahre alt

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