Teil 3 der Themenwoche

Sexuelle Orientierung im Fußball: „Homosexualität wird unterdrückt“

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Ein Zeichen gegen Homophobie: Regenbogenfarben stehen für Vielfalt – auch im Sport.

Teil 3 der Wochenserie: Der Leiter des Frankfurter Fanprojekts spricht im Interview über das Tabuthema Homosexualität im Fußball.

Peter Heering hat selbst nie gespielt. Dann kam er nach Frankfurt. In Bornheim fand er mit dem FSV zum Fußball und leitet mittlerweile das Fanprojekt des Regionalligisten. Der 50-Jährige ist homosexuell und macht daraus kein Geheimnis. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, warum die sexuelle Orientierung beim Fußball immer noch ein großes Thema ist – und was dem Outing aktiver Spielern im Weg steht.

Herr Heering, Sie gehen offen mit Ihrer sexuellen Orientierung um. Haben Sie – insbesondere in Ihrer Funktion beim FSV – mal negative Erfahrungen gemacht?

Nein. Ich habe mich vor 30 Jahren geoutet. Ich bin damit immer sehr selbstsicher umgegangen und habe mich nie geschämt oder ein Problem damit gehabt. Aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis weiß ich aber, dass es gerade im ländlichen Raum und in konservativeren Kreisen ganz anders sein kann. Die Suizidquote bei jungen, homosexuellen Männern ist vergleichsweise hoch. Ich sehe es als meine Verantwortung, da einen Weg zu bereiten, dass sich etwas ändert. Auch im Fußball.

Warum ist Homosexualität im Männer-Fußball noch immer ein Tabu-Thema?

Peter Heering, Fanprojektleiter FSV Frankfurt

Der Fußball ist sehr von Männlichkeit geprägt: wir gegen die anderen. Elf Mann stehen zusammen auf dem Platz, der zwölfte Mann steht in der Kurve. Man will den Gegner provozieren. Da wird dann auch beleidigt – und leider werden häufig homophobe Ausdrücke benutzt. Viele denken wahrscheinlich gar nicht über ihre Worte nach. Aber so bleibt das Thema immer im Stadion.

Ist das eine Frage von Intelligenz in der Kurve?

Das glaube ich nicht. So etwas entwickelt eine Eigendynamik. In der Kurve stehen 40 bis 50 Jahre alte Menschen mit Hochschulabschluss genauso wie Anfang 20-Jährige ohne Abitur.

Und dann kommt Alkohol dazu.

Klar, Alkohol wirkt enthemmend. Da geht ein Spruch schneller über die Lippen.

Ist das für Sie der schwerwiegendste Grund, warum sich aktive Spieler immer noch nicht trauen, sich zu outen?

Für mich gibt es mehrere Seiten: Die Reaktionen aus dem Fanbereich – wobei man da noch mal zwischen Profi-Ligen und den 20 000 Amateuren quer durch die Republik unterscheiden muss. Dann die Ausbildung durch den DFB. Und die Selbstfindung von jugendlichen Fußballern – gerade in dem leistungsorientierten System heute.

Fangen wir vorn an: Ist es für Amateure schwieriger, sich zu outen?

Nach meinem persönlichen Empfinden ist das so. Amateuren fehlt der öffentliche Schutz durch Medien und Verbände. In der Kreisliga B in einem kleinen Kaff gibt’s das nicht. Ich weiß von Schiedsrichtern, dass es in diesen Klassen in den vergangenen Jahren deutlich heftiger geworden ist, was homophobe Äußerungen angeht.

Macht der DFB in dieser Hinsicht denn genug?

Der DFB gibt sich große Mühe und investiert viel Geld. Das wird aber eher in schöne, toll produzierte Hochglanzmagazine gesteckt. Darin werden die Hintergründe erklärt. Das kommt aber bei den kleineren Vereinen nicht an. Aktiv passiert zu wenig. Der DFB ist engagiert, aber zu wenig effizient.

Haben Sie Ideen, wie man es besser machen kann?

Die Trainerausbildung ist gut strukturiert. Ich würde Pädagogikseminare anbieten, in denen das Thema aufgegriffen wird, damit die Trainer das in ihre Arbeit aufnehmen können.

Und es direkt bei den jungen Spielern anwenden?

Ja. Die Ausbildung von Fußballern in Deutschland ist sehr gut, beginnt aber sehr früh. Sportinternate lösen das Elternhaus ab. Da bleibt kaum Platz zur Selbstfindung, zur Findung der eigenen Sexualität. Auf der einen Seite stehen Leistungsdruck und hohe Anforderungen – auf der anderen ist das Privatleben eingeschränkt, persönliche Befindlichkeiten zählen nicht. Was zählt, ist nur der nächste Spieltag. Der Konkurrenzdruck ist hoch, es fehlt eine Vertrauensperson. Da wird die Homosexualität bei manchen schon früh unterdrückt. Wenn Trainer extra dafür ausgebildet sind, kann das helfen.

Könnte es auch helfen, wenn sich mehr bekannte Spieler outen würden?

Ich bin froh, dass Thomas Hitzlsperger wieder aktiv am Fußballgeschäft teilnimmt. Es braucht Leuchttürme. Kein Spieler bringt konstant gute Leistung. Fehler dürfen nicht auf die sexuelle Orientierung geschoben werden.

Peter Heering (50) wurde in Mainz geboren und lebt seit 20 Jahren in Frankfurt. Er leitet das Fanprojekt des Fußball-Regionalligisten FSV Frankfurt und ist ledig.

Teil 1 der Serie: Homosexualität und Homophobie im Sport: Noch immer ein Tabu

Teil 2 der Serie: Verein Fußballfans gegen Homophobie: Ein Banner wandert durch Europa

Teil 4 der Serie: Homosexualität im Fußball: „Die Kurven sind weitgehend bereit“

Teil 5 der Serie: Homophobie ist auf heimischen Plätzen verbreitet – zwei Spieler berichten

Letzter Teil der Serie: Ex-Handballer und Trainer Harald Meißner erzählt von seinem Outing

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