Reportage von der Schanze

Skisprung-Weltcup in Willingen: Dank Corona - 2021 eher traurig als spaßig

Ziemlich trostlos: das leere Stadion an der Mühlenkopfschanze während der Qualifikation am Freitag.
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Ziemlich trostlos: das leere Stadion an der Mühlenkopfschanze während der Qualifikation am Freitag.

An diesem Wochenende findet in Willingen der Skisprung-Weltcup statt. Mit der Qualifikation am Freitag (29.01.2021) ging es los. Wir waren vor Ort.

Willingen - In diesem Jahr ist alles anders. Ein Satz, der einem schon ohne die Corona-Pandemie zu den Ohren herauskommt. Ja ja, alles ist dieses mal besser, neuer, toller, schöner, moderner. So heißt es immer. Aber diese Pandemie macht eben nicht alles besser, neuer, toller, schöner, moderner. Sie macht alles gewöhnungsbedürftig. Im alltäglichen Leben natürlich. Und auch im Sport.

Auf dem Weg zum Skisprung-Weltcup in Willingen beginnt das Gewöhnungsbedürftige schon bei der Anreise. Auf der bekannten Strecke ist ein Lkw umgekippt. Das Navi leitet um. Über Sudeck, Ottlar und Rattlar. Nichts gegen Sudeck, Ottlar und Rattlar. Die Strecke ist nur gewöhnungsbedürftig. Kaum ein Auto ist unterwegs. Links und rechts liegt Schnee – aber von oben regnet es in Strömen. Aquaplaning in der Schneelandschaft. Der Gedanke reift: Je näher das Auto Willingen kommt, desto mehr müsste sich dieser Regen doch in Schnee verwandeln. Oder nicht?

Skispringen in Willingen: Weltcup startet ohne Fans - Ohne FFP2-Maske geht gar nichts

Dieser Gedanke ist falsch. Es regnet. In Strömen. Das Pressezentrum ist nicht ausgestorben, aber deutlich leerer als sonst. Ein Kollege bekommt oben an der Schanze den Platz eines FAZ-Redakteurs. Der hat kurzfristig abgesagt. Wahrscheinlich wegen der Auflagen. Ein PCR-Test ist mitzubringen, der nicht älter als 48 Stunden ist. Alle Journalisten werden in einem Hotel untergebracht. Überall gilt: Ohne FFP2-Maske kommst du nicht rein.

Einer der schönsten Momente einer Sportveranstaltung ist ja die Ankunft. Der erste Eindruck. Die Atmosphäre wirken zu lassen. Wenn sich das Stadion oder die Halle langsam füllt, erste Lieder erklingen. Da rutscht einem häufig ein begeisterter Laut heraus. Da kippt die Anspannung in Freude.

Corona-Pandemie und Skisprung-Weltcup in Willingen - 2021 ist alles anders

Während sich der Shuttle-Bus huckelnd und hopsend den Weg zur Mühlenkopfschanze bahnt, ist diese Vorfreude da. Noch um diese Kurve, da noch entlang, gleich sind wir da. Gleich sind sie da. Die Zuschauer. Die Menge. Gleich ist da dieser Moment. Dieses erste Aufsaugen der Stimmung. Und obwohl klar ist, dass da gleich eben kaum jemand sein wird, lässt sich dieses Gefühl nicht abstellen. Der Kopf kann das nicht unterdrücken. Es ist eben Gewohnheit.

Und dann ...

Und dann ist da eben nichts. Wobei das nicht ganz richtig ist. Da ist schon etwas. Da ist natürlich die Schanze. Da ist das neue Sprecherhäuschen, das erst vor wenigen Wochen fertiggestellt wurde. Und da sind die Ordner und Helfer. Für die sei das Weltcup-Wochenende eigentlich immer wie ein großes, viertägiges Familientreffen, erzählt einer von ihnen. „Es ist egal, was für ein Wetter wir haben und was sonst so passiert. Das macht einfach immer Spaß.“ Doch in diesem Jahr sei alles eher traurig als spaßig. Seit zehn Jahren ist er dabei. „Normalerweise bekommst du keinen Parkplatz, parkst dann irgendwo im Ort, wartest auf den Shuttle – aber wenn du oben an der Schanze bist, dann ist es doch wieder irgendwie gut“, sagt er. Doch klar, 2021 ist eben alles anders. Dass niemand warten muss, ist da nur ein schwacher Trost. Beim Skispringen wird wieder einmal deutlich, dass Live-Sport der Kopf ist, die Fans sind das Herz. Auf Dauer ist Überleben nur möglich, wenn beides funktioniert.

Skispringen: Qualifikationen für den Weltcup in Willingen

Doch an diesem ersten Wettkampftag gibt es dann doch noch einen Trost. Es ist die Qualifikation des Skisprung-Weltcups in Willingen. Zwischen den vielen grauen Wolken ist dabei sogar mal der blaue Himmel zu erkennen. Er kämpft sich ganz kurz durch die Regenfront. Und die Springer – begleitet von der gewohnten Musik und den Kommentatoren aus dem nagelneuen Sprecherhäuschen – sie lassen die wenigen Menschen rund um die Schanze dann wenigstens nicht im Regen stehen.

Sie springen. Sie fliegen. Der Pole Klemens Muranka stellt einen Schanzenrekord auf. Sein Landsmann Andrzej Stekala stellt den alten ein. Es sind Höhepunkte, die viele Zuschauer verdient gehabt hätten. Doch die Springer ziehen früher oder später einsam mit geschulterten Skiern davon. Keine Fotos. Kein Abklatschen. Keine Bewunderung.

Am Ende des Tages bleibt es das nackte Springen. Der Sport reduziert nur auf das absolut Notwendige. (Maximilian Bülau)

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