Sport und Party an der Mühlenkopfschanze

Willingen im Olympia-Fieber: Alles rund um den Skisprung-Weltcup

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Auf der Mühlenkopfschanze kann man ganz groß rauskommen: So wie dieser Nachwuchsathlet des SC Willingen bei einem Übungsspringen.

Der Weg nach Olympia führt über Willingen: Eine Woche vor den Winterspielen wollen die DSV-Adler am Wochenende beim Skisprung-Weltcup im Upland abheben. Alles, was man über das Spektakel wissen muss.

Es gibt Wintersportorte, die höher liegen als Willingen mit seinen 843 Metern über dem Meeresspiegel. Es gibt auch traditionsreichere Veranstaltungsstätten als die Mühlenkopfschanze im Upland. Trotzdem ist die Veranstaltung in Nordhessen längst nicht mehr wegzudenken aus dem internationalen Veranstaltungskalender. Olympiasieger Jens Weißflog, einer der erfolgreichsten Skispringer aller Zeiten, schwärmte: "Andere Weltcup-Orte können sich an Willingen ein Beispiel nehmen." Wie wurde aus Willingen solch eine Attraktion? Und was ist das Besondere am Weltcup, bei dem die Springer dieses Jahr eine Woche vor den Spielen in Pyeongchang bereits in Olympia-Form sein wollen?

Anreise, Termine Tickets

Anreise: Die Mühlenkopfschanze ist ganz einfach zu finden. Sie hat die Adresse Zur Mühlenkopfschanze 1. Alle ausgewiesenen Parkplätze sind kostenlos. Für den Schienenverkehr gibt es jedes Jahr einen Sonderfahrplan. Wer aus Richtung Korbach anreist, steigt am besten am Haltepunkt Stryck („Weltcup-Bahnhof“) aus. Ab dort sind es wenige Gehminuten bis zum Skisprung-Stadion. Besucher, die mit den Zügen aus Richtung Hagen/Dortmund über Brilon-Wald anreisen, fahren bis Bahnhof Willingen. Von Marburg und Frankenberg kommt man alle zwei Stunden mit der Linie R42 nach Willingen und auch von Kassel fährt die R4 alle ein bis zwei Stunden nach Korbach. Dort muss man nur noch nach Willingen umsteigen.

Tickets: Kann man im Ticketshop des SC Willingen bestellen.

Fernsehen: Das ZDF überträgt 2017 an beiden Wettkampftagen live aus Willingen (Samstag und Sonntag jeweils in seiner Sondersendung "Sport extra Wintersport" ab 10.15 Uhr)

Die Anfänge des Weltcups in Willingen

Als 1995 erstmals ein Weltcup in Willingen ausgetragen wurde, stellte Sepp Weiler fest: "Willingen hat eine der schönsten Schanzen überhaupt." Der Skispringer aus dem Allgäu, der 1997 starb, muss es wissen. In den 40er- und 50er-Jahren war Weiler einer der Weltbesten in seiner Disziplin. Und 1951 gewann er das erste internationale Springen in Willingen, wo schon Anfang des 20. Jahrhunderts weit gesprungen wurde. Beim Skifest im Winter 1912/13 trauten sich einige wagemutige Männer auf einen aus Schnee gebauten Sprunghügel. Es gewann der spätere Bürgermeister Heinrich Figge mit der damals atemberaubenden Weite von 15 Metern. 2005 flog der Finne Janne Ahonen auf der großen Mühlenkopfschanze 152 Meter weit.

Die Geschichte des Weltcup-Standorts Willingen beginnt 1994 mit einem Missgeschick eines Konkurrenten. Ursprünglich sollten sich zwei Orte den neuen Termin im internationalen Wettkampfkalender teilen. Doch weil Oberhof kein gültiges Zertifikat des internationalen Ski-Verbands FIS besaß und die Umbauten nicht rechtzeitig fertig wurden, mussten die Thüringer passen. Die Premiere auf einem Anlaufturm aus Holz gewann 1995 der Österreicher Andreas Goldberger, der Deutsche Dieter Thoma wurde Dritter. Seit der Saison 1998/99 zählte Willingen jedes Jahr zum Weltcup-Zirkus.

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Die Sieger des Weltcups in Willingen

Erfolgreichster Skispringer in Willingen ist Noriaki Kasai. Der Japaner gewann gleich dreimal im Upland, zudem feierte er mit seinen Kollegen einen Sieg im Mannschaftswettbewerb. Der 45-Jährige hat miterlebt, wie aus einem ganz normalen Wintersport ein Riesenspektakel wurde. Durch die Erfolge der Deutschen Sven Hannawald und Martin Schmitt um die Jahrtausendwende platzte Willingen bald aus allen Nähten.

Höhepunkt war 2002, als nicht nur das Sauerland für die Boulevard-Presse zu "Hanni-Land" wurde. Hannawald hatte gerade als erster Mensch überhaupt in einer Saison alle Wettbewerbe der Vierschanzentournee gewonnen. Am 12. Januar sorgte er auch vor 35.000 Zuschauern in der ausverkauften Arena in Willingen für den ersten Triumph eines Athleten des Deutschen Skiverbands (DSV).

Deustche Stars: Martin Schmitt (links) und Sven Hannawald 2002.

Die DSV-Adler

Die Mühlenkopfschanze war nicht mehr nur eine Sportstätte, sondern Austragungsort einer "Love-Parade im Schnee", wie die Presse jubelte. An den Bildschirmen fieberten mehr als acht Millionen Zuschauer mit. Der Privatsender RTL, der sich wegen des Höhenflugs der DSV-Adler die Übertragungsrechte gesichert hatte, erreichte einen Marktanteil von 40 Prozent. Skispringen war so populär wie Fußball, und Willingen war für manche Wimbledon, mindestens aber das Westfalenstadion.

Bereits im Jahr 2000 war Hannawalds Teamkollege Martin Schmitt auf einem Transparent begrüßt worden, auf dem stand: "Martin, die zarteste Versuchung, seit es Skispringer gibt." Nicht nur für Schmitts Sponsor Milka waren es rosarote Zeiten.

Die sind längst vorbei. Damals reisten an einem Weltcup-Wochenende 100.000 Zuschauer ins Upland. Als die DSV-Adler nur noch hinterher flogen, nahm das Interesse ab. RTL verabschiedete sich 2006 wegen sinkender Quoten wieder vom Skispringen. 2010, als der Gastgeber SC Willingen sein 100-jähriges Bestehen feierte, kamen an einem Tag gerade mal 7000 Fans.

Dank neuer Helden wie Richard Freitag nimmt das Interesse wieder zu. Und einer aus der goldenen Ära springt immer noch: der 45 Jahre alte Japaner Noriaki Kasai.

Die Mühlenkopfschanze

  • 1925 wurde auf dem Mühlenkopf, eine 815 Meter hohe Erhebung im nordhessischen Rothaargebirge, die erste Schanze errichtet. Eingeweiht wurde sie ein Jahr später. Wer hier absprang, konnte bis zu 35 Meter weit durch die Luft fliegen.
  • 1931 fand das erste Springen statt, nachdem der deutsche Skisprung-Pionier Erich Recknagel Nachbesserungen an der Schanze vorgenommen hatte. Der Thüringer gewann auch den Wettkampf.
  • 1950 wurde die Schanze umgebaut: Sie erhielt einen Anlaufturm und wurde zur Großschanze.
  • 1956 fanden auf dem Mühlenkopf Deutsche Meisterschaften statt.
  • 1960 brach der Turm zusammen. Er war morsch geworden und musste abgerissen werden. 170.000 Mark kostete der Neubau in Leimbauweise.
  • 1978 fanden zum zweiten Mal Deutsche Meisterschaften auf dem Mühlenkopf statt.
  • 1982 wurde das erste Springen im Europa-Cup in Willingen veranstaltet.
  • Von 1983 bis 1985 wurde die Schanze erneut umgebaut, 1984 wurden auf der Normalschanze Deutsche Meisterschaften ausgetragen.
  • 1994 und 1996 fand jeweils ein Intercontinental-Springen statt, der erste Weltcup wurde 1995 ausgetragen, seit 1999 kommen die besten Springer der Welt jedes Jahr nach Willingen.
  • Nach einem erneuten Umbau fasste die Tribüne 38.000 Plätze, Skispringer erreichen die Schanze mit neuem Auslauf seit 2001 mit einer Gondelbahn sowie mit einem Aufzug. Sie gilt als größte Großschanze der Welt.
  • 2013 wurde eine fest installierte Flutlichtanlage und ein neuer Kampfrichterturm gebaut, finanziert unter anderem durch die Aktion "Bausteine für Mühlenkopfschanze". Dafür konnten Fans Bausteine im Wert von 20 bis 1000 Euro kaufen. 
  • 860 Bausteine wurden verkauft, 151.982,48 Euro kamen dabei zusammen.
  • 2016 wurde neben dem Weltcup außerdem der Continentalcup veranstaltet.

Die Webcam in Willingen

Im Fünfzehnminutentakt werden hier aktuelle Fotos von der Schanze in Willingen veröffentlicht. So können Interessierte jederzeit überprüfen, wie die Schneesituation am Adlerhorst, dem Kampfrichterturm und am Loipenstieg aussieht.

Party zum Skispringen in Willingen

Willingen ist mehr als nur Sport. Das war schon um die Jahrtausendwende so, als Mädchen und junge Frauen zu Tausenden an die Schanze pilgerten. Viele zogen sich Windeln an, damit sie schon früh in die erste Reihe konnten und diese nicht mehr verlassen mussten. Die Pampers-Teeanager, wie die jungen Hardcore-Fans genannt wurden, ließen es im Notfall einfach laufen.

Auch sonst lief damals sehr viel. Als im Jahr 2001 sage und schreibe 100.000 Zuschauer nach Willingen kamen, wurde aus der Sportstätte die "Ballermann-Schanze", wie der Boulevard titelte. Leere Schnapsflaschen füllten gleich zwei Container, im Festzelt kam es zu Schlägereien.

Der ganz große Trubel ist mittlerweile Geschichte, aber Feiern lässt sich in Willingen immer noch sehr gut - nicht nur an der Mühlenkopfschanze. Der 6000-Einwohner-Ort gilt ganzjährig als Party-Hochburg. Längst Kult ist "Siggi's Hütte" auf dem 838 Meter hohen Ettelsberg, die 2017 ihren 40. Geburtstag feierte. Das Hotel Sauerland-Stern ist ebenso berühmt. Und in der Dorf-Alm kann man mit Alpenflair feiern. Deren Chefin Gerlinde Scriba verspricht: "In Willingen kann man alles machen." Was will man mehr?

Das Wetter in Willingen

Ohne die "Free Willis" ging früher beim Weltcup gar nichts. Die freiwilligen Helfer sind dafür verantwortlich, die Zuschauertribünen vom Schnee zu befreien. 2002 mussten sie so sehr schippen, dass der Wettbewerb auf der Kippe stand. Ausgefallen ist der Einzel-Weltcup jedoch nur 2013. Weil es stürmte, konnte nur der Team-Wettbewerb ausgetragen werden. Als Ersatz gab es in dem Jahr nur einen Gaudi-Wettkampf von der Minischanze, den Altmeister Martin Schmitt mit 34 Metern gewann.

Wind gibt es in Willingen bisweilen immer noch reichlich, Schnee dagegen immer seltener. Schon 2004 mussten 600 Kubikmeter Schnee aus der Bottroper Skihalle herangekarrt werden. Mittlerweile ist der Klimawandel so weit vorangeschritten, dass Container zur Schneeerzeugung nötig sind, die auch bei Plusgraden arbeiten. Willingen ist immer noch etwas ganz Besonderes, aber in dieser Hinsicht hat es die gleichen Probleme wie andere Wintersportorte in den Mittelgebirgen.

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