Xavier Thomas: Sie ist ein Stück französische Heimat

Französischer Sportjournalist erklärt die große Bedeutung der Tour de France

ARCHIV - 28.07.2019, Frankreich, Paris: Radsport: UCI WorldTour - Tour de France Rambouillet - Paris (128,00 km), 21. Etappe. Egan Arley Bernal Gomez (2.v.r.) aus Kolumbien von Team Ineos im Gelben Trikot des Gesamtführenden fährt am Arc de Triomphe vorbei. (zu dpa "Tour de France beginnt wegen Coronavirus-Pandemie erst im August" am 15.04.2020)
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Die Tour de France beginnt erst Ende August. 

Die Tour de France zieht Jahr für Jahr die Massen an. Die Große Schleife, wie das traditionsreiche Radrennen bezeichnet wird, besitzt eine Strahlkraft, die ihresgleichen sucht. Wir haben mit dem französischen Sportjournalisten Xavier Thomas von der südfranzösischen Tageszeitung La Depeche du Midi über die Bedeutung der Frankreich-Rundfahrt gesprochen.

Welchen Stellenwert hat die Große Schleife für die Franzosen?

Die Tour de France ist ein Stück französische Heimat, seit jeher ein sehr wichtiger Treffpunkt für die Menschen. Diese Veranstaltung bringt die Leute zusammen, alle Generationen und Gesellschaftsschichten Frankreichs. Die Tour de France ist eine wunderschöne Reise durch unser Land, bei der selbst wir Franzosen immer wieder Regionen und Orte aufs Neue entdecken. Wichtig ist auch der Zeitpunkt: Mit dem Radrennen beginnen immer die großen Ferien, es steht für den Sommer. Es ist viel Nostalgie damit verbunden.

Nun soll die Tour am Ende des Sommers stattfinden. Was denken Sie über die Verschiebung?

Ich denke, dass es eine gute Entscheidung ist, weil wir jetzt noch nicht wissen können, wann die Corona-Krise zu Ende sein wird. Eine Veranstaltung im Juli wäre definitiv zu früh gewesen. Allerdings wird noch spannend zu sehen sein, wie der neue Termin angenommen wird. Im September sind die Ferien vorbei. Werden sich die Franzosen die Tour anschauen, obwohl die Erwachsenen wieder arbeiten und die Kinder wieder in die Schule müssen?

Welche Rolle spielt das Rennen für die Tageszeitungen?

Xavier Thomas, Sportjournalist aus Südfrankrenreich

Die Tour de France ist sowohl für die überregionalen als auch für die regionalen Zeitungen eminent wichtig. Wenn die großen französischen Blätter L’Equipe und Le Parisien, die beide auch zum Tour-Veranstalter ASO gehören, dem Ereignis sehr viel Platz einräumen, dann machen wir es nicht anders. In unserer Zeitung La Dépêche du Midi befassen wir uns täglich auf drei bis sieben Seiten mit dem Rennen. Das nimmt dann noch zu, wenn die Tour in unsere Gegend kommt. Die Veranstaltung ist ein nie versiegender Quell interessanter Themen. Unsere Leser sind dankbar für die unzähligen Texte und Interviews. Während der Tour verkaufen wir mehr Zeitungen als sonst.

Die Tour führt in diesem Jahr auch durch Südfrankreich. Wie sehr freuen sich die Menschen in dieser Region auf die Große Schleife?

Großes Thema: Die Zeitung La depeche du midi widmete sich gestern ausführlich der Tour-Verlegung. 

Natürlich ist die Vorfreude sehr groß. Die Tour ist in Toulouse und Umgebung sehr beliebt, weil es nicht weit zu den Pyrenäen ist. Dort, auf den mystischen Gebirgspässen, wurden legendäre Geschichten geschrieben. Deshalb möchten sich nur wenige Menschen diesen Höhepunkt entgehen lassen. Es ist ein unverzichtbarer Treffpunkt – sehr gut zu vergleichen mit den Stierkämpfen in Sevilla und Madrid. (lacht) Oder mit dem Oktoberfest in München. Allerdings stellt sich die Frage, ob diese Begeisterung auch bei einer Austragung im September zu spüren sein wird.

Welche Bedeutung hat die Tour für lokale Betriebe wie Hotels?

Die Frankreich-Rundfahrt bedeutet für jeden Ort, durch den sie geht, einen großen Werbefaktor. Denn zur Tour-Karawane gehören allein 4500 Personen. Und das Ereignis lockt tausende Menschen an. Davon profitieren natürlich Restaurants und Hotels. Die lokale Wirtschaft zieht also einen großen Nutzen aus der Tour.

Zur Person

Xavier Thomas ist 54 Jahre alt. Er berichtet seit 31 Jahren als Sportjournalist für die südfranzösische Zeitung La Depeche du Midi. Thomas lebt in Toulouse

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