Sturzreiche Roubaix-Etappe, Kittel als Katusha-Sündenbock

Tour de France: Erster deutscher Etappen-Sieg - ausgerechnet beim  Kopfsteinpflaster-Spektakel

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Grenzenloser Jubel bei Etappensieger John Degenkolb, als er die Ziellinie in Roubaix passiert.

John Degenkolb hat die neunte Etappe der 105. Tour de France gewonnen und für den ersten deutschen Tagessieg in diesem Jahr gesorgt.

Roubaix - Im Ziel breitete John Degenkolb mit einem Jubelschrei die Arme aus, dann flossen Freudentränen in das dreckverschmierte Gesicht des Roubaix-Spezialisten. Ausgerechnet am Ort seines größten Karriere-Erfolgs hat Degenkolb die Flaute der deutschen Radprofis bei der 105. Tour de France beendet und den ersehnten ersten Etappensieg bei der Frankreich-Rundfahrt gefeiert.

Degenkolb gewann am Sonntag nach einem famosen Finalsprint die spektakuläre und sturzreiche 9. Etappe über das gefürchtete Kopfsteinpflaster des Klassikers Paris-Roubaix. Diesen hatte der 29-Jährige 2015 gewonnen, nun legte er bei der wichtigsten Rad-Rundfahrt der Welt eindrucksvoll nach. Für Degenkolb endete mit dem ersten Tour-Etappensieg nach bislang sechs zweiten Plätzen auch eine persönliche Durststrecke.

"Ich habe diesen Sieg so lange gejagt. Das ist ein großer Sieg", sagte er völlig überwältigt: "Ich musste in der Vergangenheit so viel durchmachen."

Greg Van Avermaet, 2017 Gewinner von Paris-Roubaix, hatte Degenkolb auf den letzten Metern nicht entgegenzusetzen. Der Belgier wurde Zweiter, trägt aber weiterhin das Gelbe Trikot. Derweil hielt sich Titelverteidiger Chris Froome weitgehend schadlos, zudem schied sein großer Rivale Richie Porte tränenreich aus. Der deutsche Sprintstar Marcel Kittel wurde am Wochenende hingegen öffentlich bloßgestellt.

Gelb-Mitfavoriten Bardet und Dumoulin patzen

Am Sonntag stellten 15 der gefürchteten Pave-Sektoren über 21,7 km Mensch und Material auf dem Weg nach Roubaix vor eine enorme Herausforderung. Fast im Minutentakt stürzten am Sonntag Fahrer. Doch nicht nur das heikle Kopfsteinpflaster, auch die offenbar rutschigen Asphalt-Kurven stellten viele Fahrer vor massive Probleme. Hinzu kamen reihenweise Defekte.

Zu den Opfern von Stürzen und technischen Ausfällen zählten etwa die Gelb-Mitfavoriten Romain Bardet (Frankreich/AG2R) oder Tom Dumoulin (Niederlande/Sunweb). Eine erneute Panne im letzten Pave-Sektor kostete Bardet viel Zeit.

Auch der umstrittene Froome, der seinen fünften Tour-Titel anpeilt, ging zu Boden. Im achten Pave-Sektor landete Froome im Straßengraben, konnte das Rennen aber fortsetzen. Weniger glimpflich kam der Spanier Mikel Landa (Movistar) davon. Der vor Etappenstart Elftplatzierte stürzte ohne Fremdeinwirkung auf glatter Straße schwer.

Im Etappenfinale setzte sich Degenkolb in einer dreiköpfigen Gruppe ab, zu der neben Yves Lampaert (Quick-Step Floors) auch Van Avermaet im Gelben Trikot zählte. Das Trio belauerte sich auf den letzte Metern, dann vollstrecke Degenkolb.

Gar nicht erst bis zur ersten Kopfsteinpflasterpassage schaffte es Richie Porte. Der Australier vom Team BMC Racing musste das Rennen am Sonntag nach einem Sturz in der Anfangsphase unter Tränen verletzungsbedingt aufgeben.

Die beiden Belgier Yves Lampaert (vorne) und Greg Van Avermaet (2.v.v.) und John Degenkolb auf dem Pflasterstein-Abschnitt - am Ende gewann der deutsche die Etappe.

In den Sturz war einen Tag vor seinem 36. Geburtstag unter anderem auch der deutsche Top-Sprinter Andre Greipel verwickelt. Der gebürtige Rostocker vom Team Lotto-Soudal, am Samstag im Massensprint von der Jury zurückversetzt, klagte über Schmerzen und ließ sich von der medizinischen Betreuung der Tour auf dem Rad fahrend behandeln. Er beendete die Roubaix-Etappe aber auf Platz acht.

Noch schlimmer hatte es am Samstag Tony Martin erwischt. Für den ehemaligen Zeitfahr-Weltmeister ist die Frankreich-Rundfahrt vorzeitig beendet. 17 km vor dem Ziel der 8. Etappe stürzte Kittels Teamkollege und erlitt eine Wirbelkörperkompressionsfraktur, die ihn zu einer vierwöchigen Rad-Pause zwingt.

Ganz andere Sorgen hat derzeit Top-Sprinter Kittel, im Vorjahr mit fünf Etappensiegen der dominante Sprinter. Die Krise nach den schlechten Ergebnissen der ersten Woche verschärfte ein brisantes Interview von Katusha-Sportdirektor Dimitri Konyschew, der Kittel am Samstag unter anderem "Egoismus" vorwarf.

Das Vertrauensverhältnis ist stark angekratzt. "Das sitzt schon noch in den Knochen. Wir haben probiert, das aufzulösen, aber es ist schwer zu sagen, es sei alles cool", meinte der 14-malige Tour-Etappensieger Kittel.

Am Montag steht der erste Ruhetag auf dem Plan. Dann können sich die Fahrer von den bisherigen Strapazen erholen.

sid

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