Teil 2 der Themenwoche

Verein Fußballfans gegen Homophobie: Ein Banner wandert durch Europa

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Bild aus dem Stadion von Tennis Borussia Berlin: Das Banner des Vereins Fußballfans gegen Homophobie hängt rechts.

Fußballfans gegen Homophobie – so lautet der Name eines Vereins in Deutschland, der sich die Bekämpfung von Diskriminierung im Sport und insbesondere im Fußball auf die Fahne geschrieben hat.

Besser gesagt: auf ein Banner. Denn ein solches, vom Verein erstellt, wandert mittlerweile durch Stadien in ganz Europa und der Welt. Es zeigt zwei sich küssende Fußballer vor einem Regenbogen. 

Wir haben mit Christian Rudolph, einem der Initiatoren der Kampagne, gesprochen.

Die Gründung

Die Geschichte des Vereins hat ihren Ursprung beim ehemaligen Bundesligisten Tennis Borussia Berlin. In Kooperation mit dem Projekt Soccer Sound des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg wurde 2011 zunächst eine Fan-Initiative ins Leben gerufen. „TB ist ohnehin ein sehr politischer Verein. Wir wollten ein Zeichen gegen Homophobie setzen“, sagt Rudolph. „Wir wurden oft als lila-weiße Schwule bezeichnet. Die Idee war: Wie machen wir das öffentlich sichtbar, wie schaffen wir eine Diskussionsplattform?“

Christian Rudolph, Fußballfan gegen Homophobie

Das Banner wurde gemalt. Es wanderte durch die Stadien und über Sportplätze. „Es war schnell in Luxemburg, der Schweiz und beim HSV. Es landete bei Fangruppen, mit denen wir bis dahin nichts zu tun hatten“, sagt Rudolph. 2013 wurde der Verein gegründet, der heute rund 100 Mitglieder hat.

Die Ziele

„Wir sind selbst nach wie vor überrascht, wie gut die Initiative funktioniert“, sagt der Berliner. Das Banner wurde sogar in den USA bei einem Spiel in Portland gezeigt. Heute kümmere sich der Klub vor allem um Netzwerkarbeit mit Verbänden. „Wichtig ist, dass wir uns alle täglich dafür einsetzen, damit sich etwas ändert. Ich hoffe, dass wir in fünf Jahren weiter sind, alles selbstverständlicher ist. Wir wollen Menschen Mut machen“, so der 36-Jährige. Ein Traum von ihm sei, dass jeder irgendwann die Partnerin, den Partner seiner Wahl zur Weihnachtsfeier mitbringt.

Fankurven

„Weil sich Fans heute auch zu gesellschaftlichen Themen äußern, haben sie vermehrte Sichtbarkeit“, sagt Rudolph. „Rivalität muss aber Grenzen haben.“ Es werde problematisch, wenn Fans handgreiflich würden, das Recht des Stärkeren durchsetzen wollen. „Oft wird weggeschaut und erst dann eingegriffen, wenn ein Thema medial groß ist“, sagt er. Wenn aus Fankurven homophobe Äußerungen zu hören seien, sollte sich der Verein positionieren. Der könne ganz anders reagieren, als eine Einzelperson. „Klar ist: Wir brauchen Vorbilder“, sagt Rudolph.

Mögliche Reaktionen

Sollte es in Zukunft mehr Outings von Profisportlern geben, werde es sämtliche Reaktionen darauf geben, ist sich der Berliner sicher. „Jeder hat seine Meinung, das ist okay. Wir sind eine Mehrheitsgesellschaft. Wir müssen zeigen, dass es geht“, sagt der 36-Jährige. „Ich sehe mich selbst als Litfaßsäule. Wir sollten alle zeigen, was wir denken.“

Negative Erlebnisse

„Wir waren mal mit Tennis Borussia in Cottbus, da haben wir zu hören bekommen: ‘Nieder mit euch Schwulen.’ Seitdem machen wir einmal in der Saison eine ‘Schwulenfahrt’ und verkleiden uns. Nach dem Motto: So stellt ihr euch Schwule vor“, erzählt Rudolph. „Man muss aber sehen: Wenn ich ein T-Shirt trage mit einer Botschaft, dann kann ich das jederzeit ausziehen. Menschen können ihre Homosexualität aber nicht ausziehen.“

Veränderungen

„Ich sehe auf jeden Fall eine Entwicklung. Ich wünsche mir aber, dass es schneller geht. Wir haben die Diskussion seit Jahrzehnten“, sagt Rudolph. Es sei immer noch ein Tabu, über Sex zu sprechen. Es gebe immer noch diese Strukturen in der Gesellschaft, die Homosexualität verurteilen. Und der Fußball sei noch hinten dran. „Die Verbände beschäftigen sich mit dem Thema. Das ist grundsätzlich gut. Aber wir brauchen auch den Mut der Verbände. Und wir brauchen positive Beispiele.“ Dafür setzt er sich ein.

Tennis Borussia: Traditionell gegen Diskriminierung

Der Verein Tennis Borussia Berlin wurde 1902 gegründet – zunächst als Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft. Die Fußball-Abteilung entstand 1903. Gründungsmitglied Alfred Lesser erwarb für 50 Pfennig Fußballstangen und Lizenz von der Spielvereinigung Neu-Seeland. Lesser war wie weitere Gründer Jude. Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen, mussten die jüdischen Mitglieder den Klub verlassen.

Aus dieser Tradition stammt das Selbstverständnis der Fanszene, sich gegen jede Art von Diskriminierung zu stellen. 2001 wurde in die Vereinssatzung ein Antidiskriminierungs-Paragraf aufgenommen.

Heute steht der Klub durch seine Geschichte und sein Selbstverständnis für Toleranz und Weltoffenheit – vor allem im Fußball. Die Abteilung „Aktive Fans“ gründete die Initiative „Fußballfans gegen Homophobie“, die für mehr Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben wirbt. 

Teil 1 der Serie: Homosexualität und Homophobie im Sport: Noch immer ein Tabu - ein Überblick im internationalen Sport

Teil 3 der Serie: Sexuelle Orientierung im Fußball: „Homosexualität wird unterdrückt“

Teil 4 der Serie: Homosexualität im Fußball: „Die Kurven sind weitgehend bereit“

Teil 5 der Serie: Homophobie ist auf heimischen Plätzen verbreitet – zwei Spieler berichten

Letzter Teil der Serie: Ex-Handballer und Trainer Harald Meißner erzählt von seinem Outing

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