Interview: Ex-Skispringer Gerd Siegmund über Weltcup-Premiere, Anreise per Flugzeug und Wünsche

„Waren auch mal im Brauhaus“

Für Eurosport als Experte im Einsatz in Willingen: Gerd Siegmund heute.

Kassel. Der 8. Januar 1995 war für Willingen ein besonderes Datum. An diesem Tag fand der erste Skisprung-Weltcup am Mühlenkopf statt. In diesem Winter feiert die Veranstaltung ihren 20. Geburtstag. Wir blicken mit dem ehemaligen Skispringer und TV-Kommentator Gerd Siegmund zurück auf jenen ersten Wettkampf 1995, bei dem er 18. wurde.

Herr Siegmund, welche Erinnerungen haben Sie an den ersten Weltcup in Willingen?

Gerd Siegmund: Für uns war es nicht das gewohnte Reiseziel, es ging ja doch meist eher in den Norden. Aber wir waren vom Engagement der Leute vor Ort vom ersten Tag an beeindruckt, auch wenn es nicht vergleichbar ist mit dem, was heute geleistet wird. Die ganze Stadt war geschmückt, alle waren unbeschreiblich freundlich. Und haben diesem Weltcup entgegengefiebert. Das haben wir als Athleten gespürt.

Damals wurden ja alle Springer unmittelbar nach der Vierschanzentournee von Salzburg nach Paderborn geflogen.

Siegmund: Für uns war das eine Riesengeschichte, weil es ja von Bischofshofen nach Willingen schon ein ganz schöner Ritt ist. Wir hatten noch ein paar Autos zu überführen, und im Team hatten wir die Absprache, dass der Schlechteste mit dem Auto fahren muss, und die anderen fliegen dürfen. Ich konnte fliegen, fahren musste Ralph Gebstedt.

Wie war es, vor 20 Jahren vom Mühlenkopf zu springen?

Siegmund: Die neue Schanze bin ich leider nicht mehr gesprungen. Aber die alte ging schon sehr hoch. Ich war anfangs beeindruckt von der hohen Flugkurve. Wir hatten damals noch nicht die Bindungen wie heute an den Skiern, bei denen kaum etwas am System verändert wird. Wir hatten hinten ein Band, das wir häufig verstellt haben. In Willingen haben wir den ersten Springern zugeschaut, und danach hat jeder erstmal das Band verkürzt. Das war eine Art Vorsichtsmaßnahme. Denn vom Zuschauen bekam man schon ein Gefühl dafür, welcher Druck auf einen zukommt, und wie hoch die Flugbahn ist.

Wie sind Sie damals hoch auf die Schanze gekommen? Heute gibt’s ja Standseilbahn, Aufzug, Adlerhorst.

Siegmund: Wir sind mit Bussen zur Schanze gebracht worden. Ich kann mich erinnern, dass es VW-Pritschenwagen gab. Wir sind vorn eingestiegen, die Skier wurden hinten draufgeschnallt. Den Anlauf sind wir dann hochgelaufen, das waren wir ja nicht anders gewohnt. Da oben gab’s dann einen kleinen Aufwärmraum, in dem man sich vorbereiten konnte. Aber das war bei weitem natürlich nicht so komfortabel wie der Adlerhorst heute.

Gibt’s denn auch etwas, das seit 1995 Bestand hat?

Siegmund: Was sich nicht verändert hat, ist das Engagement der Hauptamtlichen und vielen Freiwilligen, der „Free Willis“. Der Einsatz von allen, dort das bestmögliche Event zu schaffen, ist in den ganzen Jahren nicht verloren gegangen. Willingen ist mit führend, wenn’s darum geht, Neuerungen durchzusetzen. Da hat man schon Maßstäbe gesetzt. Präsident Jürgen Hensel und das OK-Team haben das Ohr ganz nah an den Athleten und am Weltverband Fis.

Was haben die Skispringer 1995 nach dem Wettbewerb gemacht?

Siegmund: Als Athlet kann man es sich nicht leisten, bis morgens um fünf im Brauhaus zu sein und dann einen Weltcup zu springen. Das funktionierte damals nicht, das funktioniert heute nicht. Aber wir hatten es relativ ruhig im Vergleich zu dem, was heute passiert. Wir waren anfangs schon mal im Brauhaus und haben geschaut, was da passiert, sind durch den Ort gegangen und haben geschaut, was die Fans so treiben. Aber das hat auch abgenommen, weil das Medieninteresse größer und alles professioneller wurde.

Hätten Sie gedacht, dass Willingen fester Teil des Weltcup-Kalenders wird?

Siegmund: Als wir gesehen haben, was an Fanpotenzial und Engagement da ist, war uns schon klar, dass es schwer werden würde, Willingen als Veranstalter zu verdrängen. Und wenn man sehr gute Arbeit macht, gibt’s auch keinen Grund, so einen Veranstalter aus dem Kalender wieder rauszunehmen.

Was wünschen Sie dem Weltcup in Willingen?

Siegmund: Zum 20. Geburtstag wünsche ich Windstille. Sobald wir Windstille oder nur leichten Wind haben, mache ich mir überhaupt keine Gedanken, dass es kein Riesenskisprungfest wird.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.