Handball-Nationalmannschaft

WM-Einzelkritik: Weber, Golla und MT-Duo als Gewinner

Handball, WM in Ägypten, Deutscland - Brasilien 31:24 .  Johannes Golla (rechts), der im Innenblock und am Kreis überzeugte. Beide hier im Spiel gegen Brasilien.
+
Ein deutscher Trumpf: Der einstige Melsunger Johannes Golla (rechts), der im Innenblock und am Kreis überzeugte. Hier im Spiel gegen Brasilien.

Nur zwei Siege in fünf Spielen, Rang zwölf, das schlechteste Abschneiden deutscher Handballer bei Weltmeisterschaften: Die DHB-Auswahl hat Ägypten noch vor dem Viertelfinale verlassen – mit Philipp Weber, Johannes Golla und dem Melsunger Duo Kai Häfner/Timo Kastening als Gewinnern, aber insgesamt mit mehr Schatten als Licht. Eine Einzelkritik:

Der Trainer

Auch Alfred Gislason kann nicht zaubern, das Fehlen von sieben Stammspielern war gerade in der Großbaustelle Abwehr nicht zu kompensieren. Aber der neue Trainer hat dem Team schon seinen Stempel aufgedrückt, tritt weitaus energischer und planvoller auf als sein bisweilen zu sehr moderierender, „leiser“ Vorgänger Christian Prokop. Obwohl dem Isländer bei einigen Auszeiten offenbar die rechten deutschen Worte fehlten, redete Gislason stets Klartext. Auch daraus resultiert die klare Steigerung im Angriff.

Die Torhüter

Die Nummer 1a hat schon mal ’ne große Klappe. Doch Andreas Wolff ließ der Kritik an den WM-Abstinenzlern erneut keine überragenden Leistungen folgen wie noch beim EM-Triumph 2016. Immerhin gegen Polen war er stark und rettete das Unentschieden. Zurecht bekam der als Torwart und Typ überzeugendere Johannes Bitter als 1b rasch den Vorzug. Er wehrte 36 Prozent aller Bälle ab – Rang sechs der WM-Rangliste, weit vor Wolff (31./28%). Der Melsunger Silvio Heinevetter präsentierte sich einmal mehr als starker Teamplayer und war mit guten Leistungen da, wenn er eingewechselt wurde.

Kreis und Innenblock

Chance bekommen, Chance genutzt: Johannes Golla ist der größte Gewinner im DHB-Team. Robust, clever und abgezockt trumpfte der 23-Jährige im Debütanten-Innenblock deutlich mehr auf als der erfahrenere Sebastian Firnhaber (26), der bisweilen überfordert schien. Auch im Angriff überraschte der trotz seiner Masse geschmeidige Golla mit vielen guten Aktionen. Der Lohn: Sehr viel Einsatzzeit. Sein Problem: In der nationalen Rangliste stehen Patrick Wiencek (31), Hendrik Pekeler (29) und Jannik Kohlbacher (25) wohl noch vor ihm.

Die rechte Seite

Das eingespielte Melsunger Duo mit dem erfahrenen Kai Häfner – überragend als bester Zuspieler im Team – und dem überzeugenden WM-Neuling Timo Kastening – trotz einiger Fahrkarten mit 20 Feldtoren bester Deutscher – war ein großer Trumpf dieser Mannschaft. Schade, dass Tobias Reichmann schon nach dem ersten Spiel verletzt ausschied. Sein Ersatz Patrick Groetzki fiel nicht zuletzt in der Abwehr deutlich ab. Auf der Halbposition hat es David Schmidt ganz gut gemacht, aber wie der hypernervöse Debütant Antonio Metzner war er nur eine Notlösung; Steffen Weinhold und Franz Semper wurden schmerzlich vermisst.

Warf die meisten Feldtore: Timo Kastening

Die Spielmacher

Auch die „Zentrale“ bleibt eine Baustelle. Obwohl sich Philipp Weber zur guten Nummer eins entwickelt hat. Bei der EM 2018 noch überfordert, war der 28-Jährige nun mit viel Spielverständnis und stark im Eins-gegen-eins ein Garant für die deutliche Steigerung der Offensive – abgesehen vom schwachen Polen-Spiel. Aber: Hinter dem Leipziger fehlen (noch) Alternativen. Juri Knorr, 20 Jahre jung, bestätigte sein großes Potenzial, zahlte aber gegen Spanien mit riskanten und verpatzten Aktionen Lehrgeld. Und Marian Michalczik bekam überraschend wenig Spielanteile.

Die linke Seite

Je variabler und laufstärker ein Gegner agiert, desto weniger kann „Dampfhammer“ Julius Kühn von der MT seine große Stärke einbringen. Paul Drux ist im modernen Handball hier der Punktsieger auch vor dem abwehrstarken Fabian Böhm und bekam prompt mehr Spielanteile. Aber: Alle Halben versuchen und schaffen es zu selten, die Kreisläufer und die Linksaußen anzuspielen. Das reklamiert Uwe Gensheimer zurecht. Allerdings zeigte der 34-Jährige erneut kein überzeugendes Turnier und agierte nicht nur vom Strich schwächer als der überzeugende Marcel Schiller (29). Doch: Alternativen sind rar. Vielleicht kann der Melsunger Yves Kunkel (26) hier wieder mehr in den Fokus rücken. Foto: Andreas Fischer/nh (Gerald Schaumburg)

KOMMENTAR: DHB-Team hat Vakuum nicht gefüllt

Von Gerald Schaumburg Immerhin ein Ziel haben die deutschen Handballer wohl erreicht: Sie kehrten leidlich gesund von der Hochrisiko-WM zurück. Aber schon der Gedanke, ob die früher als gedachte Heimreise mehr ein Fluch ist für das Ansehen dieses Sports im Land denn ein Segen für die Bundesligisten, er offenbart: Das Nationalteam hat in Ägypten auch in dieser Besetzung mit zehn Neuen enttäuscht.

Die Debütanten haben die Gunst der Stunde kaum genutzt, das Team hat es nicht verstanden, die Fans daheim für sich und seinen Sport zu begeistern, das coronabedingte emotionale Vakuum in allen Hallen zu füllen.

Gewiss, gegen Ungarn fehlte nur ein einziges Tor, selbst gegen Spanien war nach der (leider einzigen) mitreißenden Viertelstunde der Turniers ein Sieg drin. Die Vorgabe der DHB-Oberen, daraus im Hoffen auf die Rückkehr der WM-Abstinenzler nun eine Olympiamedaille, sogar Gold als Ziel anzupeilen, ist aber ebenso weit von der sportlichen Realität entfernt wie bei Andreas Wolff und Uwe Gensheimer das Tun vom Reden. Nach diesem Auftritt darf, muss bezweifelt werden, dass es im März mit mehr Druck statt Zuversicht überhaupt reicht für die Fahrkarte nach Tokio. ger@hna.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.