„Schon immer eine wilde Schanze“

INTERVIEW: Simon Ammann über Stürze, Harry Potter und die Fliegerei

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Nach dem Japaner Noriaki Kasai ist er der älteste Skispringer im Weltcup: Simon Ammann

Willingen – Nach dem Japaner Noriaki Kasai ist er der älteste Skispringer im Weltcup: Simon Ammann. Wir haben mit dem Schweizer vor den beiden Einzelspringen am heutigen Samstag (16 Uhr) und morgigen Sonntag (10.15 Uhr/jeweils ARD und Eurosport) gesprochen. Im exklusiven Interview spricht der 38-Jährige nicht nur über seinen heftigen Sturz auf der Mühlenkopfschanze.

25 Jahre Willingen heißt auch fast 25 Jahre Simon Ammann in Willingen. Was ist das Besondere an der Mühlenkopfschanze? 

Sie ist sehr eindrucksvoll, weil sie eben so groß ist. Früher gab es des Öfteren Stürze zu sehen, das ist aber weniger geworden. Das Gekreische der Groupies gibt es nicht mehr so, aber die Stimmung rund um diesen langen Auslauf ist nach wie vor mitreißend. Wenn du unten ankommst, stehst du in einer riesengroßen Manege. 

Apropos Groupies. Gab es denn in Ihrer Anfangszeit ein Vorbild? 

Als junger Springer hatte ich nie ein Vorbild, dem ich nachgeeifert habe. Da ich ohne Fernsehen aufgewachsen bin, hatte ich nicht das eine Bild eines Springers im Kopf. Ich bin übers Skifahren auf die Schanze gekommen. Dort habe ich mir dann einiges abgeschaut, wie zum Beispiel 1998 von Kazuyoshi Funaki. Auch der Schweizer Walter Steiner hat mir imponiert, der wie ein Wilder in Planica gesprungen, gestürzt und wieder aufgestanden ist. 

2002 wurde Ihre Beziehung zur Mühlenkopfschanze auf eine harte Probe gestellt. War es Ihr schwerster Sturz? 

Es gab eigentlich zwei schwere Stürze. 2015 in Bischofshofen und eben hier in Willingen. Ich habe in der Luft die Ski verloren und bin auf den Buckel geknallt. Von der anschließenden Fahrt ins Krankenhaus nach Brilon dachte ich, dass sie fünf Minuten gedauert hätte. Auf der Rückfahrt wusste ich dann, dass meine Aufnahmefähigkeit doch etwas gelitten haben musste. Willingen war schon immer eine wilde Schanze. Die Möglichkeit, wirklich weit zu fliegen, lockt die Springer jedes Mal wieder aus der Reserve. 

Einen Monat später sind Sie Doppel-Olympiasieger in Salt Lake City geworden und wurden mit Harry Potter verglichen. 

Es war einfach der Zeit geschuldet. Ich habe immer betont, dass meine Geschichte keine Fantasie oder ein Traum ist, deshalb hatte ich anfangs ein bisschen damit zu kämpfen. Aber der Überraschungsmoment rund um die Goldmedaillen passte ins Bild der Amerikaner. 

Haben Sie ihren Kindern mal daraus vorgelesen? 

Ich habe es nie gelesen, manchmal schaue ich mal einen Ausschnitt im Fernsehen, die Filme kommen ja ziemlich oft. Das Vorlesen überlasse ich meiner Frau. 

Ihr Sohn steht längst selbst auf Skiern. Würden Sie ihm ein Leben als Skispringer empfehlen? 

Ich würde ihm alles außerhalb des Skispringens empfehlen. Ich finde es nicht gut, wenn Kinder schon früh in die Fußstapfen der Eltern gedrängt und mit großen Erwartungen konfrontiert werden. Wenn sie trotzdem Skispringer werden wollen, werde ich es ihnen natürlich auch nicht verbieten. 

Sicher haben Sie die Frage nach Ihrem Karriereende in letzter Zeit oft zu hören bekommen. Wonach richtet sich die Antwort? 

Ich warte eigentlich immer auf den Punkt, an dem ich sagen kann: Hey, das war’s jetzt. Ich bin sehr ruhig zum Skispringen gekommen, ich brauche keinen großen Abschied. Aber ich bin extrem dankbar für eine Zeit, in der ich viel gefeiert und viel gelitten habe. Zuletzt in Bischofshofen bin ich bei 121 Metern abgestürzt, die Zuschauer haben trotzdem zu mir gesagt: Klasse Leistung Simon. 

Liegt das auch daran, dass Sie einen der letzten verbliebenen großen Namen des Skispringens tragen? 

Es gibt auch heute noch große Namen, aber um die Jahrtausendwende war es legendär. Ich habe mich zu Zeiten von Martin Schmitt und Sven Hannawald immer gefragt, was die Groupies um halb vier Uhr nachts vor dem Hotel der Springer wollten. 

Entwickeln sich Freundschaften zwischen den Springern? 

Es ist schwierig, denn der Wettkampf steht immer zwischen einem. Auch wenn die Fernsehkameras vielleicht den Eindruck vermitteln, dass es sehr locker zugeht. Es ist viel einfacher, mit den zurückgetretenen Kollegen mal etwas trinken zu gehen. 

Mittlerweile hat man das Gefühl, Skispringen ist nur eines von vielen Dingen im Leben von Simon Ammann. Stimmt das? 

Ich habe noch nicht genau herausgefunden, welche Aufgabe ich nach dem Skispringen verfolgen will. Deshalb muss man viele Sachen ausprobieren. Ich bin gerade dabei, ein Hotel zu eröffnen, bin Verwaltungspräsident bei den Bergbahnen und arbeite im Dachdeckergeschäft meines Bruders. Aber das Skispringen hat Priorität, auch wenn die anderen Dinge Zeit in Anspruch nehmen. 

Und einen Pilotenschein haben Sie auch. Kommen Sie noch zum Fliegen? 

Derzeit leider nicht, weil ich die Zeit dann auch lieber mit der Familie verbringe. Zuletzt sagte meine Tochter, dass sie noch nie geflogen sei. Dabei sind wir im Urlaub geflogen. Sie meinte aber, dass sie noch nie mit Papa geflogen sei. 

Fliegen Sie lieber mit dem Ski oder dem Flugzeug? 

Skifliegen ist unglaublich direkt und unerwartet, weil man nicht weiß, was an diesem Tag herauskommt. Es fühlt sich auf jeder Schanze anders an, man kann es vergleichen mit Motorradfahren ohne Helm und Schutzkleidung. Wenn die Ampel dann grün wird, spürst du, wie die Elemente auf dich wirken.

ZUR PERSON:

Simon Ammann (38) wurde in Grabs im Schweizer Kanton St. Gallen geboren. Mit Doppel-Gold 2002 und 2010 ist er der erfolgreichste Skispringer bei olympischen Einzelwettbewerben. Seit 2010 ist Ammann mit seiner langjährigen Freundin Yana Yanovskaya verheiratet, beide haben einen Sohn (5) und eine Tochter (3). Sie wohnen in Schindellegi (Kanton Schwyz).

tor

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