Auf dem Weg zum Willinger Weltcup: So geht es im Partyzug ab

Korbach/Willingen. 22 Minuten dauert die Fahrt von Korbach nach Willingen - mit dem Zug. Diese Zugfahrt am Samstagnachmittag bedeutet 22 Minuten Party. Wir sind mitgefahren.

Womöglich hat sich die Anzeige an Bahnsteig eins in Korbach an diesem Samstagmittag einfach den Menschen hier angepasst und auch schon das eine oder andere Schlückchen Alkohol zu sich genommen. Um fünf vor zwölf zeigt die Tafel ein paar Buchstaben und Zahlen an, aber einen Sinn ergibt das alles nicht wirklich. Aber wer kommt an einem solchen Tag schon mit Sinnfragen daher? Das gegrölte Motto lautet: „Scheiß drauf, Willingen ist nur einmal im Jahr.“ Prost. Und hoch die Tassen.

Gleich also geht der Zug von Korbach nach Willingen zum Skispringen. 22 Minuten Fahrt. 22 Minuten Party. Die meisten Menschen, die hier mitfahren, haben sich die Farben der Deutschlandflagge auf die Backen geschminkt, sie haben ein Dosenbier in der Hand – und noch irgendwo ein Schnäpschen in der Hinterhand. Oder auch zwei. Oder auch drei.

Junggesellenabschied im Partyzug: Mit dabei sind Daniel Alheid aus Wolfhagen, Tobias Tietze aus Lohfelden, Pascal Döring und Michael Grajossek aus Baunatal.

Viele stehen in diesem Zug, weil die Sitzplätze belegt sind. So viel Andrang haben die Wagen wohl selten erlebt in ihrem Leben als Zugteil. Es riecht nach Alkohol und Wurstbrötchen. Mittendrin statt nur dabei: Daniel Alheid aus Wolfhagen, Tobias Tietze aus Lohfelden, Pascal Döring und Michael Grajossek aus Baunatal. Sie gehören einer zehnköpfigen Gruppe an; die anderen sind ihnen eben abhanden gekommen und weiter vorn oder weiter hinten im Zug. Wer weiß das schon? Die Jungs freuen sich aufs Festzelt in Willingen und natürlich auch irgendwie auf das Springen. Einer von ihnen sagt, ihr Ausflug sei ein Junggesellenabschied. Er dementiert das aber gleich wieder. Aber es hätte ihm jeder geglaubt. Der ganze Zug ist nämlich ein einziger Junggesellenabschied.

Ein Mann verteilt jetzt diese kleinen Fläschchen Schnaps, die manche nur anzuschauen brauchen, dann sind sie plötzlich leer. Sein Gegenüber lehnt ab, er sagt: „Ein Pils wäre mir lieber.“ An Vorräten mangelt es nicht. Der Mann mit den kleinen Fläschen hat auch noch einen gut gefüllten Rucksack voller Dosenbier.

Der Spielverderber

In Usseln steigt nur ein Fahrgast aus, seine Langlaufskier trägt er in der Hand. Er war der Fremdkörper im Partyzug, der Spielverderber beim Junggesellenabschied. Ohne ihn geht es weiter nach Willingen, Ortsteil Stryck. Von dort ist die Schanze ganz nah, fast alle wollen hier aussteigen, als der Schaffner kommt. Einer aus der Menge sagt: „Wofür hab ich denn ein Ticket gekauft, wenn du jetzt erst kommst?“ Der Schaffner antwortet: „Ich lass euch doch alle in Frieden heute.“

Auf dem Weg nach Willingen: Bruno Müller.

Dann marschiert die Junggesellengesellschaft ab, Bruno Müller bleibt. Der 80-Jährige hat sich mit seinem Rollator von Fürstenwald bei Kassel aufgemacht nach Willingen – und den Zug unterhalten. Jedes Jahr fährt er nach Willingen, wenn dort Weltcup ist. Er trifft sich mit Kumpels und schaut dann in einer Kneipe. Er zeigt Fotos von früher, auf denen fröhliche Menschen zu sehen sind und Bruno Müller noch jünger ist. Im Netz an seinem Rollator stecken Bierdosen. Müller sagt: „Die haben sie mir da reingesteckt. Ich trinke gar kein Bier.“ Und dann fährt er fort: „Aber ein Schnäpschen habe ich schon dabei.“ Neben der Ahlen Wurscht, versteht sich.

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