1. Startseite
  2. Sport

Wimbledon-Halbfinalistin im Interview: Tatjana Maria spricht über den Erfolg ihrer Tennis-Familie

Erstellt:

Von: Torsten Kohlhaase

Kommentare

Erfolgreiche Familie: Tatjana Maria mit Ehemann Charles-Edouard und den Töchtern Charlotte (unten) und Cecilia in Bogota.
Erfolgreiche Familie: Tatjana Maria mit Ehemann Charles-Edouard und den Töchtern Charlotte (unten) und Cecilia in Bogota. © imago/zuma wire, imago/hasenkopf

Tennisprofi Tatjana Maria blickt auf ein erfolgreiches Jahr zurück. Ihre Familie war daran nicht ganz unbeteiligt.

Kassel – Bei einem Grand-Slam-Turnier war sie bislang nie über die dritte Runde hinausgekommen. Das sollte sich in diesem Jahr für Tatjana Maria ändern. In Wimbledon gewann die 35-jährige Tennisspielerin nicht nur gegen die wesentlich stärker eingestuften Maria Sakkari und Jelena Ostapenko, sie triumphierte auch im deutschen Viertelfinale gegen Jule Niemeier. Erst im Duell mit Ons Jabeur war dann Endstation. Wir haben mit Maria gesprochen.

Tatjana Maria bei ihrem Siegeszug in Wimbledon.
Tatjana Maria bei ihrem Siegeszug in Wimbledon. © IMAGO/Juergen Hasenkopf

Wie oft mussten Sie eigentlich die Frage beantworten, wie es eine 35-jährige zweifache Mutter ins Halbfinale von Wimbledon geschafft hat?

Einige Male. Aber es ist trotzdem immer wieder schön, darüber zu sprechen.

Wie haben Sie es denn geschafft?

Es war ein Mix aus vielen Sachen. Natürlich steckt da harte Arbeit dahinter. Ich trainiere jeden Tag mit meinem Mann. Umso schöner war es dann natürlich, dass wir diesen Erfolg einzig und allein mit der Familie geschafft haben, denn unsere Kinder Charlotte und Cecilia waren auch mit in Wimbledon.

Kürzlich sind Sie mit dem Titel „WTA-Comeback-Spielerin des Jahres“ ausgezeichnet worden. Was bedeutet er Ihnen?

Der bedeutet mir sehr viel, da es kein einfaches Comeback war. Denn wie auch schon nach meiner ersten Schwangerschaft war es schwer, Wildcards zu bekommen. Da gab es keine Hilfe. Letztlich habe ich es mit meiner Familie allein geschafft, zu den Turnieren zurückzukehren. Das macht mich schon stolz.

Wie sehr denkt man an eine Rückkehr auf den Platz, wenn man zwischen Sommer 2020 und Sommer 2021 kein einziges Match gespielt hat?

Als ich schwanger war, habe ich es wirklich sehr relaxed gesehen und nicht viel an Tennis gedacht. Ich war zwar jeden Tag mit Charlotte auf dem Platz, aber das war nur zum Spaß. Und ich habe es wirklich genossen. Mit dem Start der Vorbereitung lag die ganze Konzentration dann aber wieder auf Tennis. Dadurch, dass wir einen Platz vor der Haustür haben, machte es das gerade in der Stillzeit sehr viel einfacher. Cecilia hat zum Beispiel die ersten zwei Monate gar nicht geweint, das war ein Vorteil.

Kurz nach der Geburt Ihrer zweiten Tochter haben Sie das WTA-Turnier in Bogota gewonnen. Waren Sie überrascht?

Ich hatte das Jahr 2022 allgemein gut angefangen und im Februar meinen ersten Titel beim 60 000-Dollar-Turnier in Rome (USA) gewonnen. Bogota ist etwas ganz Besonderes für mich, denn wir haben einen Großteil unserer Familie in Kolumbien. Ich wusste, dass ich wieder fit bin, um gute Ergebnisse zu erzielen. Dass es natürlich so schnell geht, hat mich sehr gefreut.

Welches Spiel war in Wimbledon emotionaler: Das Duell im Viertelfinale gegen Jule Niemeier oder das gegen Ihre Freundin Ons Jabeur im Halbfinale?

Ich hatte ja sehr viele enge Matches. Bereits in der ersten Runde musste ich gegen Astra Sharma über drei Sätze gehen. In der zweiten Runde war ich gegen Sorana Cirstea eigentlich die ganze Zeit hinten, und es war sehr schwer, zurückzukommen. Überhaupt war ich fast immer im Rückstand, deshalb kann ich kein Spiel herausheben. Das war alles ziemlich emotional.

Haben Sie mitbekommen, wie Sie in Deutschland gefeiert wurden?

Ich bekam zwar unfassbar viele Nachrichten, aber während des Turniers habe ich sonst nicht so viel mitbekommen. Nach jeder Runde, die ich gewonnen habe, wurde es mehr und mehr. Aber ich habe einfach normal weitergemacht. Jeden Morgen waren wir um acht Uhr in der Tennishalle, und Charlotte hat mit ihrer Freundin gespielt. Danach wollte sie dann immer in die Kinderbetreuung, die in Wimbledon überragend gut ist.

Wie enttäuscht waren Sie, dass es nicht fürs Finale gereicht hat?

Klar ist man enttäuscht, weil ich auch im Halbfinale gemerkt habe, dass die Chancen da waren. Nach zwei, drei Tagen realisiert man aber, was man geleistet hat. Jedes Match war unglaublich, weil ich ja in jedem Match fast schon draußen war.

Was hat eigentlich Ihre älteste Tochter zum Halbfinal-Einzug in Wimbledon gesagt?

Sie war erst mal natürlich sehr stolz. Aber sie war auch sehr traurig, weil sie noch zwei weitere Tage in der Kinderbetreuung hätte bleiben wollen. Allgemein hat sich für sie allerdings nichts Gravierendes geändert, ich bin noch immer ihre Mama.

Sie ist auch schon extrem talentiert mit dem Tennisschläger. Wann kommt die Ablösung im Hause Maria?

Charlotte ist gerade neun Jahre alt geworden, und in fünf Jahren könnte sie auf der Tour anfangen. Sie liebt Tennis, soll es genießen und Spaß haben. Wir machen ihr keinen Druck, und sie spielt auch noch keine Turniere.

Wie schwer ist es, Familie und Spitzensport unter einen Hut zu bekommen?

Mein Mann ist eine Riesenhilfe. Dass wir als Familie reisen können und er unser Trainer ist, macht schon vieles leichter. Manchmal ist die Oma dabei, manchmal der Onkel – also wir versuchen da schon Leute mitzunehmen, die uns auch helfen. Aber Charlotte und Cecilia sind in Sachen Jetlag oder Schlafen auch sehr pflegeleicht, sodass wir Familie und Tennis sehr gut kombinieren können.

Kann man sich an das Leben aus dem Koffer überhaupt gewöhnen?

Wir haben während der Corona-Zeit – als wir sehr lange zu Hause waren – gemerkt, dass wir gern unterwegs sind. Weil wir ja immer alle zusammen sind, ist es für uns gar nicht so schwer zu reisen. Als ich mal von einem dritten Kind sprach, fand Charlotte das zum Beispiel gar nicht gut. Sie meinte nämlich, dass wir dann erst mal wieder zu Hause bleiben müssten.

Sie haben gesagt, dass Sie nicht einfach nur Tennis spielen wollen, wenn Sie zurückkommen. Was ist von Tatjana Maria noch zu erwarten?

Das Wichtigste ist, dass mein Körper mitspielt und ich gesund bleibe. Ich fühle mich fit und will mein Spiel immer weiterentwickeln. Dann ist in den nächsten Jahren sicher noch einiges möglich. (Torsten Kohlhaase)

Zur Person

Tatjana Maria (35) wurde am 8. August 1987 als Tatjana Malek im oberschwäbischen Bad Saulgau geboren. Ihr Vater war polnischer Handball-Nationalspieler, ihre Mutter Lehrerin, außerdem hat sie noch zwei jüngere Brüder. Mit vier Jahren begann Maria mit Tennis, spielte aber parallel auch Handball. Es folgten 18 Turniersiege bei den Profis, darunter zwei bei WTA-Turnieren auf Mallorca 2018 und in Bogota 2022. In Wimbledon erreichte sie das Halbfinale. Seit 2013 ist sie mit ihrem französischen Trainer und Manager Charles-Edouard Maria verheiratet, beide haben zwei Töchter (Charlotte, 9, und Cecilia, 1). Die Familie lebt in West Palm Beach (Florida).

Auch interessant

Kommentare