Keine Einsamkeit des Langstreckenläufers: 1200 Teilnehmer in der Sahara

Die Wüste lebt beim Marathon des Sables in Marokko

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Lektion in Minimalismus: Beim Marathon des Sables lernen die Läufer, eine Woche lang nur mit dem Nötigsten auszukommen – alles verstaut in einem kleinen Rucksack.

250 Kilometer. In sieben Tagen. Bei Temperaturen bis zu 50 Grad. Der Marathon des Sables durch die Wüste Marokkos gilt als einer der härtesten Etappenläufe der Welt. Diesen Sonntag brechen wieder mehr als 1200 Abenteurer in die Sahara auf.

Sein Ehrgeiz wurde Mauro Prosperi 1994 fast zum Verhängnis. Zehn Tage irrte er durch die Wüste. Beim Marathon des Sables (MdS) war der Italiener in einen Sandsturm geraten und trotz aller Warnungen weitergelaufen. Am dritten Tag schnitt er sich verzweifelt die Pulsadern auf. Er überlebte, weil das Blut durch den drastischen Wassermangel zu zähflüssig geworden war, um aus den Wunden zu pulsieren. Erst am zehnten Tag seines Kampfes stieß Prosperi auf ein Nomadencamp. Der 38-Jährige wurde halbtot gerettet.

Es sind Geschichten wie diese, die dem Wüstenmarathon durch die marokkanische Sahara seinen Ruf als härtester Etappenlauf der Welt eingebracht haben. Tatsächlich gibt es mittlerweile weitaus extremere Veranstaltungen – und beim MdS GPS-Sender, mit denen verloren gegangene Läufer aufgespürt werden können. Das Risiko ist überschaubar. Die Anstrengung planbar. Das Erlebnis? Nicht alltäglich. Und überhaupt: Was ist eigentlich extrem?

Höllisch heißer Start: Jede Etappe werden die Läufer zu den Klängen von AC/DCs „Highway to Hell“ in die Wüste geschickt.

Grenzen überwinden

Eine Auszeit vom Alltag. Es ist wohl genau das, was die meisten Läufer bei der Mutter aller Wüstenläufe suchen. Es werden immer mehr von ihnen: 1200 sind es 2017, 730 waren es noch vor zehn Jahren. Für die wenigsten Teilnehmer ist es ein Rennen um eine Gesamtplatzierung, die besten Läufer schaffen die Strecke in unglaublichen 18 Stunden. Die meisten laufen gegen sich selbst. Oder – was es vielleicht noch besser trifft – für sich selbst.

Warum sonst sollte jemand allein 3100 Euro Startgebühr dafür zahlen, ohne Küche, Bett und Bad eine Woche 250 Kilometer bei bis zu 50 Grad durch die Wüste zu laufen? Und dort in einem offenen Berberzelt mit sieben meist völlig Fremden bei vier Grad zu übernachten? Der MdS ist ein Lauf, der Menschen an ihre Grenzen bringt. Ihnen aber auch zeigt, wozu sie in der Lage sind. Für unsere Laufkolumnistin Anna C. Hughes war die Teilnahme ein Schlüsselerlebnis.

Beim Wüstenlauf wird man gezwungen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Selbstversorgung

Die Läufer versorgen sich komplett selbst. In einem Rucksack transportieren sie Schlafsack und Verpflegung – je mehr sie einpacken, desto schwerer haben sie zu tragen. Einige schneiden sich den Griff ihrer Zahnbürste ab, um wenige Gramm einzusparen – andere nehmen mehr Gewicht in Kauf, um sich zwischendurch ein paar Gummibärchen oder Espresso für die Seele zu gönnen. Nur das Wasser gibt es von den Veranstaltern, neun Liter am Tag, doch selbst die müssen die Läufer selbst schleppen.

Smartphone? Kein Empfang. Fernsehen, Internet, Zeitung? In einer anderen Welt. Termine? Aufstehen, essen, laufen, essen, schlafen. Sieben Tage in Folge, sich mit sich selbst beschäftigen. Da ist sie wieder, die Auszeit vom Alltag.

„Ich habe noch nie so viele Menschen auf einer Stelle vor Glück weinen sehen.“

Rafael Fuchsgruber

Viele Teilnehmer erzählen, als anderer Mensch aus der Wüste zurückgekehrt zu sein – was manch Außenstehenden mit den Augen rollen lässt. Doch wer eine Woche mit sich selbst kämpft, mit Hitze, Kälte, Durst, Blasen, Schmerzen und Einsamkeit, für den bekommen „Aussagen von Kollegen wie ’Wir haben hier ein gravierendes Problem!’ eine andere Bedeutung“ als vorher. So beschreibt der deutsche Wüstenläufer Rafael Fuchsgruber seine Gefühle nach seiner Teilnahme im Jahr 2007. Zum Zieleinlauf sagt er: „Ich habe noch nie so viele Menschen auf einer Stelle vor Glück weinen sehen.“

Jarek Jeschka aus Kassel hat den MdS auch auf seiner Wunschliste. In diesem Jahr aber reist er mit Fuchsgruber erst einmal zum Sahara Race in Namibia. Er sucht „neue Herausforderungen, die Ruhe der Wüste“ und will „neue Grenzen erfahren“. Wie schon Ephraim Kishon sagte: „Der Mensch bringt die Wüste zum Blühen.“

Die Live-Berichterstattung zum MdS 2017 findet vor allem in sozialen Netzwerken statt. Alle Links auf www.marathondessables.com. Ergebnisse auch auf www.ultralaufen.de

Hintergrund:  Die Geschichte des Marathon des Sables

Patrick Bauer

1984 brach der französische Konzertpromoter Patrick Bauer zu einem Gang durch die Wüste auf. Im Alter von 28 Jahren durchquerte er allein 350 Kilometer der Sahara – fern von Dörfern, Oasen und Wasserstellen. Komplett selbstversorgt benötigte er für die Distanz zwölf Tage, sein Rucksack mit Essen und Wasser wog 35 Kilogramm. Darauf basierend wurde zwei Jahre später erstmals der Marathon des Sables veranstaltet – mit 23 Läufern. Noch heute steht Patrick Bauer an der Ziellinie und überreicht jedem Finisher die hart erkämpfte Medaille.

Der Sandmann: Mohammad Ahansal

Seine Spuren im Sand: Fünf Mal gewann Mohammad Ahansal den Marathon des Sables – bei bisher 19 Teilnahmen. Zwischen 1997 und 2013 dominierten er und sein Bruder Lahcen, der zehnmal siegte, das Rennen. Seit 2016 wohnt der Marokkaner in der bayerischen Gemeinde Tiefenbach. In Marokko veranstaltet der gelernte Bergführer den Trans-Atlas-Marathon durch das Atlas-Gebirge, ebenfalls ein mehrtägiger Etappenlauf.

Der Marathon des Sables - ein Lauf in Zahlen

Die Strecke des Marathon des Sables (MdS) in Marokko wird in jedem Jahr neu bestimmt. Was gleich bleibt: Es gibt sechs Etappen in sieben Tagen. Weitere Fakten rund um die Mutter aller Wüstenläufe, die seit 1986 in der marokkanischen Wüste ausgetragen wird:

4 Kamele trotten hinter den Läufern her. Sie fungieren quasi als Besenwagen: Wen die Tiere überholen, der wird aus dem Rennen genommen.

6,5 Kilometer Rollenpflaster werden mitgenommen, um die Wunden der Läufer zu behandeln. Außerdem im Verbandkasten: 2700 Compeed-Pflaster, 19.000 Kompressen, 6000 Schmerztabletten und 150 Liter Desinfektionsmittel.

10 Mal hat der marokkanische Rekordsieger Lahcen Ahansal das Etappenrennen gewonnen. Bei seiner ersten Teilnahme hatte er sich ohne Startnummer unter die Läufer gemischt. Kurz vor dem Ziel der ersten Etappe lief er in der Spitzengruppe, wurde aber entdeckt und aus dem Rennen genommen. Mit Anke Molkenthin ist auch Deutschland einmal in der Siegerliste (1996) vertreten.

52 Länder stellen seit 1986 Teilnehmer beim MdS, von ihnen sind 32 Prozent Briten und 23 Prozent Franzosen. 20 Prozent der Teilnehmer sind weiblich – Tendenz steigend. Der jüngste Starter war 16 Jahre, der älteste 83 Jahre alt.

2000 Kalorien sind das Minimum, das Läufer für jeden der sieben Tage als Nahrung vorweisen müssen – nicht viel angesichts der körperlichen Belastung. Gut trainierte Starter kommen mit dieser Menge durch die Woche.

20.000 Teilnehmer haben sich seit der ersten Auflage des Rennens im Jahr 1986 aufgemacht, die Sahara in sechs Etappen zu durchqueren.

120.000 Liter Mineralwasser werden durch die Wüste transportiert, um die Läufer mit Flüssigkeit zu versorgen. Nach der langen Etappe erhalten die Teilnehmer an Tag 5 als Belohnung eine eisgekühlte Dose Cola.

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