Erinnerung an sein Gastspiel in Kassel

Zwischen Genie und Wahnsinn: Nadal-Bezwinger Brown kennt nur das totale Risiko

Die Haare stören nicht: Dustin Brown hatte beim Sieg über Rafael Nadal stets den Durchblick. Foto: afp

Beim Tennis gewinnt meistens der bessere Spieler. Diese Erkenntnis gilt aber nicht, wenn Dustin Brown auf dem Platz steht, denn Brown ist mit normalen Maßstäben nicht zu messen.

„Ich spiele alles oder nichts“, hatte uns der jetzt 30-Jährige schon vor neun Jahren am Rande des Wilhelmshöher Tennisturniers verraten. Soll heißen: Dustin Brown spielt jeden - wirklich jeden - Ball mit totalem Risiko. An guten Tagen schlägt der Mann aus Winsen/Aller Weltklassespieler, an schlechten Tagen verliert er gegen Kontrahenten aus dem Anfängerkursus.

Vorgestern war für Dustin Brown ein guter Tag, denn er hat in Wimbledon in der zweiten Runde 7:5, 3:6, 6:4, 6:4 gegen Rafael Nadal gewonnen, und der war die Nummer 1 der Tenniswelt, als Brown noch in Kassel-Wilhelmshöhe oder bei ähnlichen Turnieren unterwegs war. Angereist ist er damals in einem Wohnmobil, das den Anschein erweckte, als sei die TÜV-Plakette mehrmals gefälscht worden, aber kaum war der knapp zwei Meter große Tennisspieler dem Gefährt entstiegen, passierte etwas, das Kassel und London gemeinsam haben. Der Publikumsliebling hieß Dustin Brown.

In Wimbledon und Wilhelmshöhe mögen nicht nur die Fans, sondern auch die Journalisten den Mann mit der auffälligen Haarpracht. Ein Kollege der Times schrieb: „In einem der besten Zweitrunden-Matches der Grand-Slam-Geschichte und vor einem Publikum, das sich in einer surrealen Fantasie wähnte, fing Dustin Brown die Strahlen der Sonne ein und wurde ein Gott.“

Wir haben damals – 2006 – ein wenig prosaischer versucht, über Dustin Brown zu schreiben und ihn als unorthodoxen Spieler bezeichnet, den besondes die weiblichen Fans sehr mochten.

Browns Vater kommt aus Jamaika und seine Mutter aus Celle. Dort ist er aufgewachsen, und dort hat er das Spiel mit dem kleinen Filzball gelernt. Als Dustin zwölf war, zog es ihn in die Heimat seines Vaters, wo er mit 18 die Karriere eines Tennis-Profis startete. Die führte ihn in Jamaikas Davis-Cup-Team, aus dem er sich inzwischen aber wieder zurückgezogen hat. Da Dustin Brown beide Staatsbürgerschaften besitzt, könnte er nun auch im deutschen Team eingesetzt werden.

Zurück zum Match gegen Nadal: Ohne Browns grandiose Leistung schmälern zu wollen, muss gesagt werden, dass der Tennisspieler aus Winsen gegen den Spanier nur auf Rasen eine Chance hat. „Serve-And-Volley“ nennt man in Tenniskreisen Browns Taktik. Soll heißen: Er schlägt auf und stürmt dann sofort nach vorn, um den noch fliegenden Ball zu erwischen. Diese Taktik kann auf Rasen funktionieren, ist jedoch auf Sand- oder Hartplätzen zum Scheitern verurteilt.

Umso besser, dass in Wimbledon auf Rasen gespielt wird. Heute geht es um den Einzug in das Achtelfinale, und Browns Gegner ist der Serbe Victor Troicki. Ein guter Rasenspieler, der kürzlich in Stuttgart im Finale stand.

Troickis aktuelle Form spielt jedoch aus Browns Sicht keine Rolle, denn auch heute gilt: An guten Tagen schlägt er Weltklassespieler, an schlechten Tagen hat er gegen Amateure aus der Kreisklasse keine Chance.

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