„Ausdruck fehlenden Respekts“

Corona: Arzt aus Kreis Kassel ärgert sich über respektlosen Umgang mit Hausärzten

Weißer Bildschirm: Hausarzt Diedrich Rudolff kann den digitalen Impfpass – wie viele seiner Kollegen – wegen technischer Probleme nicht ausstellen.
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Weißer Bildschirm: Hausarzt Diedrich Rudolff kann den digitalen Impfpass – wie viele seiner Kollegen – wegen technischer Probleme nicht ausstellen.

Erst die Corona-Impfungen, dann das Nachtragen im gelben Heft, jetzt das Ausstellen des QR-Codes für den digitalen Impfpass: Den Hausärzten wird in der Pandemie viel Zusatzarbeit zum Tagesgeschäft abverlangt.

Kreis Kassel – „Wir helfen Ihnen gerne“ steht auf einem Schild vor der Hausarztpraxis von Diedrich Rudolff in Fuldabrück-Bergshausen (Kreis Kassel). Doch während der Pandemie werden den Hausärzten zahlreiche Steine in den Weg des Helfens gelegt. „Die Ausstellung des digitalen Impfpasses zusätzlich zum Tagesgeschäft und Corona-Impfungen hat die Situation endgültig auf die Spitze getrieben“, ärgert sich Rudolff.

Denn anders als die Impfzentren und Apotheken, könne sein Team die Online-Formulare für den digitalen Impfpass nicht an den Praxis-Computern ausfüllen. Auch die QR-Codes (ähnlich wie Barcodes zum Einlesen am Smartphone) könne er nicht an die Impflinge aushändigen. „Wie Sie sehen, sehen Sie nichts“, sagt Rudolff und demonstriert am PC, dass sich die Website auf dem „SafeNet Portal“ der KV Hessen nicht öffnet – das Fenster bleibt weiß. Es gibt Probleme mit dem Server – alle ihm bekannten Praxen stünden vor demselben Dilemma. „Aktuell kenne ich niemanden, der in seiner Praxis auf das Formular zugreifen kann.“

Corona: Hausärzte sollen digitalen Impfpass ausstellen

„Die Pharmazeuten sind nicht meine Gegner“, stellt Rudolff klar. Doch sei es unfair, dass die Apotheken mit überhöhten Bezahlungen gelockt wurden, während Hausärzte für den gleichen Arbeitsaufwand mit einer Minimalhonorierung abgespeist werden, nachdem in der Öffentlichkeit die Begehrlichkeit bei den Patienten dafür geweckt worden sei. Zum Vergleich: Apotheken bekamen bislang 18 Euro für die Ausstellung des QR-Codes, Hausärzte 2 Euro.

„Die Gesamtsituation ist für mich Ausdruck fehlenden Respekts gegenüber Hausärzten.

Diedrich Rudolff

Es ginge ihm nicht um den Profit, sondern um Gerechtigkeit für Hausärzte. Mehrfach sei während der Pandemie an einem Freitag über Leistungen entschieden worden, die am Montag bereits angeboten werden mussten: „Erst das Nachtragen der Impfungen, jetzt das Ausstellen der QR-Codes – irgendwann müssen die Patienten auch noch behandelt werden“, sagt der Facharzt für Allgemeinmedizin. „Die Gesamtsituation ist für mich Ausdruck fehlenden Respekts gegenüber Hausärzten“, sagt er. Es sei im Vorfeld nie gefragt worden, ob Ärzte diese Mehrarbeit überhaupt leisten können.

Wo gibt’s den digitalen Impfpass?

Wer seine Corona-Impfung in einem der Impfzentren erhalten hat, bekommt den entsprechenden QR-Code, der mit den Apps CovPass und der Corona-Warn-App eingelesen werden kann, gut zwei Wochen nach der zweiten Impfung ausgedruckt ausgehändigt. Allen anderen wird er per Post geschickt. Doch wer sich beim Hausarzt hat impfen lassen, soll sich diesen Code nun in der Praxis ausstellen lassen. (tli)

Covid: Mehrarbeit für Hausärzte häuft sich

Auch Gunter Lehmann, Hausarzt aus Fuldatal, berichtet vom nicht funktionierenden Server für den digitalen Impfpass: „Auch bei uns bleibt der Bildschirm weiß.“ Lehmann schließt sich seinem Kollegen an. „Wir werden während der Pandemie in allen Belangen benachteiligt. Die vermeintlich dummen Hausärzte machen es ja auch zum preiswerten Tarif“, ärgert er sich. Er bittet die Patienten um Geduld und Ruhe und rät dazu, erst mal das gelbe Impfheft mitzuführen.

Doch damit nicht genug. Als i-Tüpfelchen käme nun auch noch die elektronische Patientenakte. „Da wird erwartet, dass wir mitten in der Pandemie zusätzlich neue Technik beschaffen, Personal schulen und wenn das nicht rechtzeitig klappt, drohen obendrein noch Honorarabzüge von 2,5 Prozent“, ärgert sich Rudolff. Auch hier stünden die Teams der Hausarztpraxen nun wieder vor einem Berg an Mehrarbeit: „Für die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) an den Arbeitgeber beispielsweise muss dieser erst mal abgefragt und ins System eingepflegt werden, bevor mein Team die AU verschicken kann. Es ist nicht mit zwei Klicks getan“, erklärt Rudolff.

Corona: digitaler Impfpass auf dem Smartphone

Er ist von Markus Leyck Diekens Digitalisierungsplänen nicht überzeugt. Dieken ist Geschäftsführer von Gematik und wurde beauftragt, die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen zu koordinieren. „Ärzte müssen mit den ihnen verfügbaren Informationen Diagnose- und Therapieentscheidungen treffen. Dafür können wir haftbar gemacht werden“, sagt Rudolff. Wenn Patienten aber nun selbst selektiv Informationen in ihrer elektronischen Akte freigeben und sperren können, „kann niemand gewährleisten, dass mir als Arzt alle Informationen zur Verfügung stehen, die ich für eine korrekte Diagnose brauche“, sagt Rudolff. Diese Umstellung hätte auch umgesetzt werden können, nachdem die Pandemie besser unter Kontrolle gebracht worden sei. Rudolff rät seinen Patienten vorerst, die wichtigen Unterlagen in Papierform aufzuheben.

Das sagt die Apothekerin

„Wir leisten deutlich mehr, als nur das Erfassen der Daten und das Aushändigen der QR-Codes“, sagt Bettina De Schrijver, Inhaberin der Regenbogen Apotheke in Vellmar. Etwa zwei Drittel der Kunden bräuchten zusätzlich noch Hilfe beim Runterladen der App, sowie beim Einlesen des QR-Codes. Da werde aus den angedachten fünf Minuten Service schnell eine Viertelstunde allumfassende Versorgung, vor allem bei älteren Kunden. Die Apothekerin bestätigt zudem die Probleme mit dem Server. „Das ist schon eine recht aufwendige Geschichte“, sagt De Schrijver.

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