Nach Demo am 20. März

Corona-Protest: Gilt Kassel als Symbol der „Querdenker“? Nächste Groß-Demo bereits geplant

Am 20. März demonstrieren 20.000 „Querdenker“ in Kassel. Die Stadt steht unter Schock – und reagiert. Mittlerweile hat sich der Protest radikalisiert.

Kassel – Am Nachmittag des 20. März steht Superman mit einem Mikro inmitten von tausenden Menschen auf dem Friedrichsplatz in Kassel und sagt: „Ihr seid die Superhelden, die dieses Land hier braucht.“ Der Redner im Superman-Kostüm ist ein von weit angereister „Querdenker“. So wie er fühlen sich an diesem Frühlingstag viele der mindestens 20.000 Menschen, die unter dem Motto „Frühlingserwachen – Die Welt steht auf!“ trotz Verbots durch die Kasseler Straßen ziehen.

Die allermeisten kommen von außerhalb, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Sie rufen „Frieden, Freiheit, Demokratie“ und strömen ohne Maske in Shopping Malls in der Innenstadt von Kassel. Auf dem Friedrichsplatz greifen Demonstranten einen HR-Kameramann an. Eine Passantin aus Kassel wird als „Kinderschänderin“ beschimpft, weil ihre Kinder Masken aufhaben. Viele Kasseler sind nachher traumatisiert.

Szenen eines außergewöhnlichen Tages: Am 20. März strömten „Querdenker“ trotz Verbots nicht nur über den Friedrichsplatz. Bei einer Kundgebung auf der Schwanenwiese demonstrierten sie gegen das Impfen und Masken

Corona-Protest in Kassel: Maßnahmen werden mit „faschistisch-totalitären System“ vergleichen

Mehrere tausend Polizisten stehen dem Treiben bei der Corona-Demonstration machtlos gegenüber. Oberbürgermeister Christian Geselle wird später sagen, dass sich der 20. März nicht wiederholen darf. Da ist Kassel längst zu einem Symbol für die „Querdenker“ geworden. Der Fitnessstudio-Betreiber Jürgen Beute, der demonstrierte, behauptet, der 20. März sei „zu 95 Prozent ein Friedensfest“ gewesen. Von all den unschönen Szenen will er nichts mitbekommen haben.

Szenen eines außergewöhnlichen Tages: Am 20. März strömten „Querdenker“ trotz Verbots nicht nur über den Friedrichsplatz. Bei einer Kundgebung auf der Schwanenwiese demonstrierten sie gegen das Impfen und Masken – ein Mann auch mit dem Slip seiner Frau.

Man kann den Tag tatsächlich so erlebt haben wie Beute. Man muss dazu allerdings reichlich naiv sein. Aufgerufen zu der Corona-Demonstration hatten die „Freien Bürger Kassel“, die bis dato keinerlei Erfahrungen mit Großveranstaltungen hatten. Im Vorfeld des 20. März bekommen sie jedoch von bundesweiten „Querdenkern“ Unterstützung, vor allem aus Baden-Württemberg, wo die Bewegung stark ist.

Wie radikal das „Querdenken“ mitunter ist, erlebt man auf der Schwanenwiese, wo eine Kundgebung mit 6000 Menschen stattfinden darf. Als der Göttinger Anwalt Reiner Fuellmich die Bühne betritt, begrüßt ihn die Menge wie einen Pop-Star. Der Jurist redet von einem „faschistisch-totalitären System“. Eine Rednerin vergleicht die Corona-Maßnahmen mit der „Gesundheitsdiktatur“ der Nazis und deren Euthanasie.

Corona-Protest: Demonstration in Kassel sei laut Expertin Zufall gewesen

Der Rapper „SchwrzVyce“ lässt die Menge die Zeile nachsprechen: „Unser Land wird von Verbrechern regiert.“ Alle machen mit, als sei es ein Glaubensbekenntnis. Christopher Vogel vom Mobilen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus und Rassismus wird später feststellen: „Es ist wie Pegida ohne Rassismus.“

Szenen eines außergewöhnlichen Tages: Am 20. März strömten „Querdenker“ trotz Verbots nicht nur über den Friedrichsplatz. Bei einer Kundgebung auf der Schwanenwiese demonstrierten sie gegen das Impfen und Masken.

Dass all dies ausgerechnet in Nordhessen geschieht, ist für die Expertin Giulia Silberberger Zufall. Die Berlinerin, die den satirischen Negativpreis „goldener Aluhut“ für Verschwörungstheorien vergibt, hat die Demo vom 20. März im Internet-Stream verfolgt und sagt: „Es hat Kassel einfach erwischt.“ Die „Querdenker“ hätten sich genauso gut in Hannover treffen können.

In Kassel will man darauf allein aber nicht hoffen. Als die „Querdenker“ im Juni eine zweite Groß-Demo ankündigen, formiert sich Protest. Das Kunststudio Raamwerk verteilt Plakate in der Stadt, auf denen etwa steht: „Abstand halten gegen Rechts.“ Zahlreiche Geschäftsleute machen mit. Und das Stadtparlament positioniert sich in einer Resolution gegen „eine kleine Minderheit an Menschen, die sich unsolidarisch verhält: Sie sind in unserer Stadt nicht willkommen.“

Corona-Protest: Nächste Groß-Demo soll in Kassel am 19. März 2022 stattfinden

Sowohl im Juni als auch im August werden Groß-Demos mit einem massiven Polizei-Aufgebot verhindert. Der 20. März hat sich bislang nicht wiederholt.

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Dies liegt auch daran, dass die Bewegung im Lauf des Jahres an Zulauf verliert. Das ändert sich im Spätherbst, als eine mögliche Impfpflicht Thema wird. Der hessische Verfassungsschutz stellt fest, dass die „Querdenker“-Programmatik „anschlussfähig für gewaltorientierte Akteure“ ist. Dies gelte auch für Kassel, wo die Experten „eine gefestigte Szene“ mit „regionalen, bundesweiten sowie internationalen Vernetzungsbestrebungen“ ausmachen.

Am Abend des 20. März hatte sich in der Telegram-Gruppe der „Freien Bürger Kassel“ eine Frau namens „Veillchen Kraut“ aus dem westfälischen Waltrop für den Demo-Tag bedankt und geschrieben: „Das war unser diesjähriges Highlight. Wir kommen wieder. Versprochen.“ Mittlerweile soll die nächste Groß-Demo in Kassel am 19. März 2022 stattfinden. (Matthias Lohr)

Rubriklistenbild: © Archivfotos: Florian Hagemann, Matthias Lohr

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