Der letzte Gang wird schmaler

Im Blickpunkt: Pfarrer und Bestatter über Trauern in Coronazeit

Eine Frau steht hinter einem Rednerpult. Davor sitzen zwei Männer in dunklen Anzügen und hören ihr zu.
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Abschiednehmen im kleinen Kreis: Dazu verpflichten sich viele Angehörige in der Pandemiezeit freiwillig. Doch vor den Spätfolgen beschränkter Trauerbewältigung warnen Bestatter und Geistliche.

Beim letzten Abschied wird Nähe noch einmal wichtig, doch die Coronakrise sorgt auch hier für Abstand. Das bereitet Pfarrern und Bestattern aus dem Kreis Sorge.

Werra-Meißner – Abstand halten in der Coronakrise fällt besonders dann schwer, wenn es die letzten Schritte im Leben eines Menschen sind, die er nicht zusammen mit seinen Angehörigen gehen darf.

Die Verarbeitung der Trauer unter Pandemiebedingungen sehen Kirchenvertreter und Bestatter deshalb kritisch. „Es ist eine Situation, die Nähe hervorruft“, gibt Lars-Henning Bartels, Bestatter aus Eschwege, zu bedenken. Dass diese Nähe gerade Angehörigen Coronavirus -Infizierter verwehrt bleibt, mache es umso wichtiger, nach dem Tod eines geliebten Menschen einen Abschied ganz nach den Herzenswünschen der Angehörigen, trotz Pandemie, zu gestalten, mahnt Pfarrer Sebastian Werner, von der Stadtkirchengemeinde in Eschwege, an.

Abschied in kleinem Kreis

Zu einem solchen Abschied gehöre es, nicht nur in kleinem Kreis mit der engsten Familie und ohne geistlichen Beistand zu gedenken – nur um sich den Umständen der Coronakrise zu beugen, warnt der Pfarrer. Denn gerade dabei sieht Werner Grund zur Sorge. „Wenn Bestattungen ins Private rutschen, ist das bedenkenswert, denn ein Grab ist ein Ort, um zu trauern“, sagt Werner. Wenn aber die Zeremonien auf dem Friedhof aufgrund der Pandemie verkleinert würden und Nachbarn und Bekannte am Grab nicht die Möglichkeit zum Kondolieren ausdrücken könnten, verschiebe sich die Trauerbewältigung in den Alltag. „Dann muss man sich überlegen, ob man das möchte, denn die Menschen werden dann zum Beispiel im Supermarkt ihr Beileid ausdrücken.“ Dabei sei gerade auch der Abschluss für Hinterbliebene wichtig und dazu gehöre ein fester Ort der Trauer.

„Und gerade wenn sich ein Mensch nicht vor dem Tod verabschieden konnte, ist ein gutes Wort zum Abschied ganz wichtig“, fügt Werner hinzu. Damit weist der Pfarrer auf die Folgen einer Beisetzung ohne geistlichen Beistand hin.

Dass sich immer mehr Menschen für eine Beisetzung ohne die Begleitung durch einen Pfarrer entscheiden, zeichne sich zwar schon seit einigen Jahren ab, trotzdem wurde Werner im vergangenen Jahr bei der Aufstellung der Liste Verstorbener, derer am Ewigkeitssonntag gedacht werden sollte, stutzig. Er und weitere Berufskollegen wurden so auf Verstorbene aufmerksam, die jedoch ohne kirchlichen Beistand beerdigt worden waren.

Die Hinterbliebenen Corona-Infizierter haben oft, weder vor noch nach dem Tod eines geliebten Menschen, die Möglichkeit angemessen Abschied zu nehmen.

Um herauszufinden, ob sich die Bestattungskultur der Menschen durch die Coronakrise verändert hat und seitdem seltener Pfarrer hinzugezogen werden, spricht Sebastian Werner mit Bestattern aus dem Kreis.

Pfarrer weiter häufig angefragt

„Die Mehrzahl der Gläubigen greift weiterhin auf Pfarrer zurück“, kann Matthias Uthe vom Bestattungsinstitut in Niederhone die Sorgen der Geistlichen zerstreuen. Eine Trendwende aufgrund der Coronakrise sieht der Bestatter nicht. „Gerade im Moment sehnen sich die Menschen nach Normalität, und dazu gehört es auch, eine Trauerfeier mit einem Pfarrer auszurichten“, bestätigt auch Lars-Henning Bartels die Einschätzung seines Berufskollegen.

Wenn Bestattungen ins Private rutschen, ist das bedenkenswert, denn ein Grab ist ein Ort, um zu trauern.

Silke Völksch vom Bestattungsinstitut Pietät Köther gibt jedoch zu bedenken, dass die coronabedingte Distanz zwischen Pfarrer und Trauernden den Menschen zusetze. „Wenn dann ein Vorgespräch für eine Bestattung nur am Telefon statt persönlich stattfinden kann, ist das für die Hinterbliebenen natürlich nicht dasselbe“, merkt Völksch an.

Pandemie auch bei letztem Abschied

Die Auswirkungen der Pandemie seien in allen Bereichen der Bestattungskultur tiefgreifend, berichten die Experten einstimmig. Besonders schmerzlich sei es für Angehörige, dass sie ihre Verstorbenen nicht mehr am offenen Sarg ein letztes Mal verabschieden können, berichtet Matthias Uthe.

Wegen der Hygienebestimmungen finden Trauerfeiern außerdem immer seltener in Kapellen und Abschiedsräumen und stattdessen unter freiem Himmel statt, um mehr Menschen an der Beisetzung teilhaben zu lassen, berichtet Pfarrer Werner. Wenn Familienangehörige doch eine Trauerfeier unter Dach wünschen, schlägt Pfarrer Werner nicht selten eine Aufbahrung des Sarges am Grab vor. So ist es in einer Kapelle mit begrenzter Personenanzahl möglich, dass statt Sargträgern zusätzliche Angehörige anwesend sein können. „Anschließend gehen wir zu dem Sarg am Grab“, erklärt der Pfarrer die neuen Konzepte von Trauerfeiern in der Coronazeit.

Offene Türen für alternative Ideen

„Dass wir Zeremonien so umsetzen können und jeder, der möchte, daran teilnehmen kann, soweit das gewünscht wird, ist uns Pfarrern wichtig und mit kreativen Wünschen wie diesen rennen die Menschen bei uns definitiv offene Türen ein“, plädiert Pfarrer Werner noch einmal für den Mut, in der Coronakrise nicht auf einen würdigen Abschied verzichten zu müssen.

Für Trauerfeiern in einem Umfang wie vor der Krise sind auch die meisten Bestatter gerüstet. „Video-Übertragungen sind zwar eher eine Seltenheit, aber werden auch angefragt“, sagt Bestatter Lars-Henning Bartels. Und er fügt hinzu: „Ob die Menschen nach der Pandemie weiterhin Bestattungen im kleinen Kreis beibehalten werden, kann man jetzt zwar noch nicht sagen, aber es wird entscheidend sein, ob wir uns daran gewöhnt haben oder eher das Gefühl hatten, es engt uns ein.“

Sorge bereiten sowohl den Geistlichen als auch den Bestattern allerdings die seelischen Narben, die blieben, wenn jedem Einzelnen nicht der für ihn individuell nötige Raum zum Trauern gegeben werde. „Denn eine Beerdigung nach der Pandemie nachholen, das geht nicht so einfach“, sagt Eschweges Pfarrer Sebastian Werner abschließend.

Von Kim Hornickel

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