Auseinandersetzung war vorausgegangen

Nach Corona-Ausbruch: 86 Bewohner der Erstaufnahme in Kassel verlegt

Die Erstaufnahmeeinrichtung an der Frankfurter Straße 365a in Kassel-Niederzwehren
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Evakuierung: Nach dem Corona-Ausbruch in der Erstaufnahmeeinrichtung an der Frankfurter Straße wird ein Teil der negativ getesteten Bewohner verlegt.

86 Bewohner der Landes-Erstaufnahme für Flüchtlinge in Niederzwehren, in der sich 109 der 301 dort lebenden Flüchtlinge mit dem Coronavirus infiziert haben, sind vorübergehend verlegt worden.

Update vom 18. Oktober, 19.10 Uhr: Ein Teil der 301 Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung in Niederzwehren, in der sich 109 Flüchtlinge mit dem Coronavirus infiziert haben, ist am Samstag verlegt worden. Wie das zuständige Regierungspräsidium (RP) Gießen mitteilte, handelt es sich dabei um 86 auf das Virus negativ getestete Personen. Sie seien vorübergehend in zwei andere Gebäude auf dem Stadtgebiet und im Landkreis Kassel evakuiert worden.

Zuvor habe das RP am Donnerstag nochmals interne Verlegungen vorgenommen. Ziel sei es gewesen, die 480 Betten fassende Einrichtung für die Bewohner räumlich so weit wie irgend möglich nach positiv und negativ Getesteten zu trennen. „Wir mussten leider am Freitag feststellen, dass zahlreiche der auch positiv getesteten Bewohner kein Verständnis für die Quarantäne-Maßnahmen zum Schutz aller haben“, sagt Manfred Becker, Abteilungsleiter im RP und für die Erstaufnahmeeinrichtung zuständig. Im Laufe des späten Vormittags hatte es demnach eine Auseinandersetzung in der Einrichtung gegeben, die von der Polizei geschlichtet werden musste.

Das Hauptproblem sei, dass viele der Betroffenen den Sinn der Quarantäneverfügung nicht verstehen und akzeptieren würden, da sie sich völlig gesund fühlten und auch symptomfrei seien, sagt Becker. Dadurch hätten die „realistischen und mit der Stadt Kassel abgestimmten Quarantänepläne“ innerhalb der Einrichtung nicht umgesetzt werden können. Übereinstimmend hätten Oberbürgermeister Christian Geselle, die Leitung des Gesundheitsamtes, die Polizei und Becker beschlossen, besser einige Bewohner zu verlegen, um wieder mehr Ruhe in die Einrichtung zu bringen.

Alle verlegten Personen, 68 Männer und 18 Personen im Familienverbund, seien vor ihrer Evakuierung negativ getestet worden und würden am Dienstag erneut getestet, betont Becker. In ihren neuen Unterkünften seien die entsprechenden Maßnahmen getroffen worden, um die Quarantänevoraussetzungen sicherzustellen, von einer Einzäunung bis zu Sicherheitsmitarbeitern, die rund um die Uhr im Einsatz seien. Die Ausstattung der Gebäude erfolgte laut RP in der Nacht auf Samstag durch Feuerwehrkräfte und Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe. Auch das Deutsche Rote Kreuz war im Einsatz.

Die positiv getesteten Bewohner zeigen laut RP bislang keine oder nur milde Symptome. In einem Fall sei jedoch die Einweisung eines jungen Mannes in ein Krankenhaus erforderlich gewesen. Die Behörde kündigte weitere Tests für diese Woche an.

Update vom 17. Oktober, 18.40 Uhr: Wie das Regierungspräsidium Gießen soeben mitgeteilt hat, dauert die Verlegung eines Teils der negativ getesteten Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung in Kassel-Niederzwehren weiter an. Weitere Informationen folgen am morgigen Sonntag.

Erstmeldung vom 17. Oktober, 14.30 Uhr: Kassel - Der Behörde zufolge handelt es sich dabei um einen Teil der auf das Coronavirus negativ getesteten Bewohner, der „zur Beruhigung der Gesamtsituation“ verlegt werde. Wie viele der Flüchtlinge evakuiert werden, kann das RP aktuell noch nicht sagen. Die genaue Zahl werde erst feststehen, wenn die Verlegung abgeschlossen ist. Die Behörde kündigte weitere Informationen für den Nachmittag an.

Am vergangenen Samstag hatte das RP über die Infektionen in der Einrichtung informiert. Zunächst ging die Behörde von drei Corona-Fällen aus. Die Zahl ist inzwischen auf 112 angestiegen. Das trieb die Sieben-Tage-Inzidenz – also die Anzahl von Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen – in Kassel stark in die Höhe und hatte Anteil daran, dass die Stadt am Donnerstag als Risikogebiet eingestuft wurde. Seit Bekanntwerden der Infektionen in der Flüchtlingsunterkunft an der Frankfurter Straße befanden sich die Bewohner in Quarantäne. Jetzt wird ein Teil von ihnen an einen anderen Ort verlegt.

Das hatten für die Infizierten nach eigenen Angaben der Allgemeinmediziner Dr. Helmuth Greger sowie Ursula Maaßen und Ernst Georg Eberhardt vom Psychosozialen Zentrum für Geflüchtete bereits vorgeschlagen, als Anfang Oktober der erste Covid-Fall bei einer freiwilligen Helferin aufgetreten war.

Die Mediziner, die sich um die Gesundheit der Flüchtlinge gekümmert haben, bezeichneten die Zustände in der Einrichtung in Coronazeiten im Gespräch mit unserer Zeitung als suboptimal. Auf entsprechende Bedenken sei das RP nicht eingegangen. Es habe keinen Krisenplan gegeben. Die Drei warfen dem RP mangelnde Kommunikation vor.

Die Behörde wies die Kritik zurück. Es könne eine adäquate Unterbringung der 301 Menschen gewährleistet werden. Eine Verlegung der infizierten Personen sei deshalb nicht infrage gekommen, weil so eine neue Infektionskette hätte ausgelöst werden können.

Wir berichten weiter.

Von Nicole Schippers

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