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„Querdenker“ wieder in Kassel: Angekündigte Großdemo wird zum Flop

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Von: Matthias Lohr, Bastian Ludwig

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Proteste gegen Corona-Maßnahmen
Nur rund 330 „Querdenker“ kommen zur Corona-Demo in Kassel. (Symbolbild) © Daniel Reinhardt/dpa

Vor einem Jahr demonstrierten 20.000 „Querdenker“ in Kassel. An diesem Samstag protestierten indes nur 300 Menschen gegen die Corona-Maßnahmen.

+++ 17.00 Uhr: Mittlerweile haben die „Querdenker“ ihre Abschlusskundgebung auf der Schwanenwiese beendet. In der Spitze zogen laut Polizei 300 Demonstranten durch die Stadt. Auch die wenigen Gegenversammlungen verliefen ruhig und ohne Störungen, lautet das Fazit der Beamten, die in massiver Präsenz in der Stadt vertreten waren. Die Polizei, heißt es gerade in einer Mitteilung, „musste vorwiegend zur Regelung des Verkehrs tätig werden“. Ein Teilnehmer der von den „Freien Bürgern Kassel“ organisierten Veranstaltung war trotz der geringen Teilnehmerzahl nicht unzufrieden: „Die Bewegung hat nun mal ihren Höhepunkt hinter sich.“

+++ 16.45 Uhr: Eigentlich wollten die „Querdenker“ eine Groß-Demo mit Tausenden Teilnehmern in Kassel abhalten – doch aus diesem Vorhaben wird allem Anschein nach nichts. Am Nachmittag ziehen rund 330 Gegner der Corona-Maßnahmen durch die Stadt. Größere Störungen oder Auseinandersetzungen gibt es nicht. Nach Angaben der Polizei verläuft bisher alles friedlich.

„Querdenker“ wieder in Kassel: Demo deutlich kleiner als erwartet

Update vom Samstag, 19.03.2022, 14.10 Uhr: Die für den heutigen Samstag (19.03.2022) angekündigte Groß-Demo der „Querdenker“ in Kassel ist deutlich kleiner ausgefallen als erwartet. Lediglich 200 Teilnehmer versammelten sich auf der Schwanenwiese, um ab 14 Uhr und bis zum Nachmittag rund um die Innenstadt zu ziehen. Es kommt deshalb zu Beeinträchtigungen.

Gleichzeitig irren seit heute Mittag wenige Dutzend Gegendemonstranten auf der Suche nach dem Protest durch die Innenstadt. Zwei Versammlungen wurden sogar gleich abgesagt. Dennoch befinden sich Hunderte von Polizisten aus dem Bundesgebiet in der Stadt, um für Sicherheit zu sorgen. Die meisten Menschen in der Kasseler Innenstadt sind ohnehin nur zum Einkaufsbummel vor Ort und wundern sich über das massive Polizeiaufgebot.

„Querdenker“ treffen sich auf der Schwanenwiese in Kassel.
„Querdenker“ treffen sich auf der Schwanenwiese in Kassel. © Matthias Lohr

Bei der Kundgebung auf der Schwanenwiese redete unter anderem Artur Helios, Politiker der Partei Die Basis aus Unna. Er forderte unter anderem ein Ende aller Corona-Maßnahmen. Ein anderer Redner kritisierte indes die Nato wegen des Kriegs in der Ukraine und lobte Russlands Präsident Putin. Auch dafür gab es Applaus.

„Querdenker“ wieder in Kassel: Ein Jahr nach Groß-Demo erneut Protest

Erstmeldung vom Freitag, 18.03.2022, 19.19 Uhr: Kassel – Ein Jahr nach dem 20. März 2021, als in Kassel 20.000 Menschen gegen die Corona-Maßnahmen protestierten, gibt es an diesem Samstag (19.03.2022) erneut eine größere Veranstaltung der „Querdenker“. Unter dem Motto „Frühlingserwachen – wir werden alle da sein“ findet ab 12 Uhr eine Kundgebung auf der Schwanenwiese statt. Ab 13.30 Uhr soll es einen Aufzug geben, der auch in die Nordstadt führt.

So groß wie vor einem Jahr wird es diesmal aber wohl bei Weitem nicht. Philipp Kolodziej von den „Freien Bürgern Kassel“, die die Demo organisieren, rechnet nur noch „mit einer niedrigen vierstelligen Teilnehmerzahl, wenn überhaupt“.

Zudem sind ebenfalls ab Mittag vier Gegendemonstrationen auf dem Friedrichs- und Opernplatz sowie in der Treppenstraße angemeldet. Die Polizei bereitet sich auf einen „umfangreichen personalintensiven Einsatz“ vor, wie ein Sprecher sagt.

Corona-Demonstration in Kassel: Polizei rechnet mit mindestens 1000 Teilnehmern

Laut dem Linken-Landtagsabgeordneten Torsten Felstehausen, der bei der Gegendemo seiner Partei auf dem Opernplatz sein wird, stellt sich die Polizei ebenfalls „auf eine gerade mal vierstellige Zahl“ der „Querdenker“ ein: „Man wäre aber auch auf deutlich mehr Teilnehmer vorbereitet. Nach dem 20. März 2021 hat die Polizei gelernt, es nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.“

Auch durch Verbote ließen sie sich nicht aufhalten: Am 20. März 2021 zogen 20 000 „Querdenker“ stundenlang durch die Kasseler Innenstadt.
Auch durch Verbote ließen sie sich nicht aufhalten: Am 20. März 2021 zogen 20 000 „Querdenker“ stundenlang durch die Kasseler Innenstadt. © Daniel Seeger/Privat/nh

Die Stadt erwartet Verkehrsbehinderungen vor allem in der Innenstadt, am Platz der Deutschen Einheit sowie in der Nordstadt, insbesondere rund um den Holländischen Platz und am Philipp-Scheidemann-Haus – und zwar ab dem Mittag bis in den frühen Abend. Auch im ÖPNV muss man sich auf Beeinträchtigungen einstellen.

Erinnern an den 20. März: Gegendemonstranten wollen in Kassel ein Zeichen setzen

Eine Gegendemo wird am Obelisken in der Treppenstraße vom Haus der Sozialwirtschaft „Treppe 4“ und der Initiative „Offen für Vielfalt“ mit dem Spielmobil „Rote Rübe“ veranstaltet. Hier sollen vor allem Familien angesprochen werden. Mitorganisatorin Rosa-Maria Hamacher vom Wohlfahrtsverband „Der Paritätische“ sagt über den 20. März 2021: „Das waren Bilder, die man nicht vergisst. Selbst wenn sich keine Querdenker angemeldet hätten, hätten wir heute etwas gemacht. Der Tag darf nicht von ihnen besetzt sein.“

Am 20. März 2021 fühlten sich manche „Querdenker“ wie kurz vor der Machtübernahme. Bei der Groß-Demo auf der Kasseler Schwanenwiese prophezeite der Berliner Journalist Anselm Lenz damals einen „demokratischen Frühling: An uns vorbei wird keine Politik mehr gemacht werden können“. Es kam dann anders. Aber der Tag, an dem 20 000 Menschen trotz Verbots durch die Stadt zogen, hat Spuren hinterlassen. Wir haben mit Menschen über den 20. März 2021 gesprochen.

Gegendemonstranten verdrängt: Am 20. März protestierten viele in Kassel

Für Silke Kaminski endete der Tag mit mehreren blauen Flecken und einer Acht in ihrem Fahrrad. Die 36-Jährige, die eigentlich anders heißt, hatte sich mit anderen Gegendemonstranten am Lutherplatz den Tausenden „Querdenkern“ spontan mit ihren Fahrrädern in den Weg gestellt. Doch dann wurde sie von Polizisten sehr rüde weggeräumt, ohne Vorwarnung, wie Kaminski sagt. Das Video vom Einsatz gegen sie ging viral. Sie erhielt nicht nur positive Nachrichten. Darum haben wir ihren Namen geändert.

Heute bezeichnet die Kasselerin den 20. März 2021 als „sehr schlimmen Tag. Es war, als sei Kassel besetzt. Man konnte nicht mehr in der Stadt unterwegs sein, ohne belästigt zu werden.“ Sie hat die „Querdenker“-Szene danach immer wieder beobachtet – in deren Telegram-Gruppen und bei anderen Demos.

Kaminski weiß, wie heterogen die Bewegung ist: „Der überwiegende Teil ist friedlich, aber ein kleiner Teil sehr aggressiv und auch gewaltbereit.“ Sie befürchtet, dass die Radikalisierung der „Querdenker“ dazu führen könnte, dass es auch hier zu Exzessen kommt wie in den USA, als Anhänger von Donald Trump das Kapitol stürmten. Die Demo heute wird sie nicht verfolgen: „Ich werde in Kassel sein, aber schön weit weg von den ,Querdenkern’.“

Corona-Demo: Viele Querdenker reisen am 20. März nach Kassel

Es war nicht so, dass am 20. März 2021 Kassel demonstriert hätte. Vielmehr war halb „Querdenker“-Deutschland zu Besuch in Nordhessen. Auch Oberbürgermeister Christian Geselle schätzt, dass die allermeisten Teilnehmer nicht aus der Region kamen. Einer von ihnen war Marvin Störzle aus Bad Nauheim.

Der 19-Jährige ist in der CDU in der Wetterau aktiv und leitete mittlerweile fast 50 Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen in Frankfurt. Über die Kasseler Groß-Demo sagt er: „Der 20. März 2021 ist für mich ein Tag der Freiheit. Tausende Menschen kamen aus der ganzen Welt zusammen, um in Kassel für ihre Freiheit und Grundrechte zu kämpfen. Das war der Wahnsinn. Kassel hat damit die Türen des Widerstands in Deutschland weiter geöffnet.“

„Querdenker“ in Kassel: „Bei Veranstaltungen in Hessen nie einen Rechtsextremen gesehen“

Seine Ausbildung als Justizfachangestellter brach Störzle ab, weil er sich nicht boostern lassen wollte. Mittlerweile hat er sich als Vertriebspartner selbstständig gemacht. So hat er mehr Zeit für seinen Protest.

Die sogenannten Spaziergänge finden in Frankfurt jeden Abend statt. Laut dem Verfassungsschutz nehmen an „Querdenker“-Demos in der Bankenmetropole auch Mitglieder der rechtsextremen Partei „Der III. Weg“ teil. Spricht man Störzle darauf an, versichert er, dass er bei Veranstaltungen in ganz Hessen noch nie einen Rechtsextremen gesehen habe: „Und auch wenn bei uns sogenannte Nazis mitlaufen würden, dann haben wir es geschafft, dass ein Nazi für Frieden, Freiheit und Selbstbestimmung auf die Straße geht.“

Heute wird er wieder in Kassel auf die Straße gehen. Und am Montag (21.03.2022) wird er mit anderen „Querdenkern“ durch die Straßen der Fulda-Stadt spazieren und dann eine Rede halten. Uns sagte er: „Menschen werden systematisch ausgegrenzt und diffamiert. Wann kommen die KZs?“

Wiederstand in den eigenen Reihen: Querdenkerin distanziert sich von Gewaltbereiten

Eine Frau, die am Anfang „Querdenker“-Veranstaltungen mitorganisiert hat, schrieb uns gerade eine Mail. Darin bedankt sie sich für unsere Arbeit und sorgt sich, dass Journalisten immer wieder beschimpft und bedroht werden. Sie ist immer noch nicht geimpft, aber ihre ehemaligen Mitstreiter sieht sie mittlerweile kritisch. Menschen, die zunächst „im wahrsten Sinn des Wortes quer gedacht haben“, hätten sich zu „sturen Querköpfen“ entwickelt.

In Telegram-Gruppen liest sie, wie sich heimische „Querdenker“ mit Macheten, Pfeil und Bogen sowie Baseballschlägern für den Kampf gegen „Missgeburten“ bewaffnen. Damit sind Politiker wie Karl Lauterbach gemeint. Manche sehen den Diktator Putin als Verbündeten. Mit all dem will die Frau nichts mehr zu tun haben. Auch heute wird sie nicht demonstrieren. (Matthias Lohr)

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