Interview zur Omikron-Variante

Kasseler Virologe vor Weihnachten: Sicherheit für Geimpfte nur mit PCR

Ein Labor-Mitarbeiter verarbeitet Corona-Proben in einem Labor am Flughafen Zürich.
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Ein Labor-Mitarbeiter verarbeitet Corona-Proben in einem Labor am Flughafen Zürich.

Die neue Omikron-Variante des Coronavirus bestimmt wenige Tage vor Weihnachten Gesellschaft und Politik. Wir sprachen mit einem Kasseler Virologen zur aktuellen Situation.

Am Dienstag einigten sich Bund und Länder wegen des neuen Virustyps auf schärfere Einschränkungen kurz nach Weihnachten. Wir sprachen mit Dr. Marcus Thomé, Chefarzt für Infektionsdiagnostik und Klinische Mikrobiologie des Instituts für Labormedizin im Klinikum Kassel, über die Omikron-Variante.

Herr Thomé, gab es überhaupt eine Chance, die Ausbreitung der neuen Variante nach ihrer Entdeckung zu verhindern?
Nein. Im Grunde ist es so: Wenn eine Variante erstmal entdeckt ist, lassen sich auch weitere Fälle finden. Die Detektion kommt dem Moment gleich, an dem es verpasst wurde, effektiv in die Verbreitung einzugreifen.
Gab es seitdem trotzdem Dinge, die hätten anders gemacht werden müssen?
Ich persönlich hielt die Maßnahmen wie die Einreisebeschränkungen aus dem südlichen Afrika in diesem Moment für vollkommen überzogen. Das war blinder Aktionismus, diese Art von Reaktion ist nicht zielführend.
Südafrika wurde abgeriegelt, weil dort die Variante zuerst sequenziert, also im Labor nachgewiesen wurde. Wird in Deutschland ausreichend sequenziert?
Andere Länder haben andere Gesundheitssysteme. Die angelsächsischen Systeme, also das Vereinigte Königreich, aber auch Südafrika, sehen die Aufgabe des staatlichen Gesundheitssystems deutlich mehr in der Prävention, als wir es in Deutschland tun. Dort werden solche Situationen tatsächlich in Echtzeit überwacht, die Sequenzierung von Krankheitserregern wurde dort auch vor Corona schon in viel größerem Maße betrieben. Ja, man kann dem deutschen System vorwerfen, dass wir, was die Sequenzierung angeht, nicht denselben Eifer haben wie andere.
Sequenzieren Sie in Ihrem Labor auch?
Nein, wir bedienen uns einer einfacheren Methode. Bei der Sequenzierung wird das komplette Erbgut analysiert, was Aufschluss über Mutationen gibt. Wir suchen jedoch nur an relevanten Stellen nach Mutationen, die spezifisch für eine Variante sind. Das ist sehr genau. Für wissenschaftliche Fragen ist das nicht zu nutzen, hilft der Infektionsepidemiologie aber sehr. Wir erkennen Omikron genau, erforschen es aber in dem Sinne nicht weiter.
Wenn die Sequenzierung so viel länger dauert, müssen dann nicht viel härtere Quarantäneregeln auch für Geimpfte folgen?
Es ist ja bereits so, dass auch Geimpfte mit Kontakt zu einem Omikronfall für 14 Tage in Quarantäne müssen. Die reine Detektion von Omikron ist für Labore wie unserem innerhalb kürzester Zeit möglich. Eine vollständige Sequenzierung ist zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht mehr notwendig. Jeder Coronafall muss auf Omikron geprüft werden. Aktuell werden wir bei etwa zwei bis vier Prozent der positiven Proben fündig.

Sicherheit und ein ruhiges Gewissen für ein sehr kurzes Zeitfenster, insbesondere bei Omikron, gibt nur die PCR-Untersuchung.

Dr. Marcus Thomé
Bieten Antigen-Tests Geimpften genug Sicherheit vor Weihnachten?
Wir sehen seit einiger Zeit, dass diese Tests bei Geimpften verzögert positiv sind – wenn überhaupt. Auch bei relevanter Viruslast gibt es negative Ergebnisse. Das macht es uns auch hier im Krankenhaus schwer. Wir sind selbst bei symptomatischen Patienten mit negativem Antigen-Test vorsichtig, solange keine PCR vorliegt. Die Sensitivität der Tests scheint bei Geimpften in der Frühphase deutlich schlechter zu sein. Sicherheit und ein ruhiges Gewissen für ein sehr kurzes Zeitfenster, insbesondere bei Omikron, gibt nur die PCR-Untersuchung. Der Booster schützt vor schwerer Krankheit, verhindert aber nicht die Verbreitung des Erregers, was derzeit das Ziel sein muss.
Mit Omikron rückt der R-Wert wieder in den Fokus. Von welchem Wert gehen Sie derzeit aus?
Wir müssen davon ausgehen, dass er signifikant höher ist – ich denke, er liegt bei zwei bis drei. Ein R-Wert von zwei sagt, dass ein Infizierter zwei andere Menschen ansteckt.
Modelle sagen, dass wir mit einem R-Wert von 2,5 noch vor Silvester bei mehr als 100 000 Fällen pro Tag ankommen.
Davon gehe ich aus, wenn wir dabei bleiben, wo wir heute sind. Das zeigen uns die bisherigen Daten aus dem Vereinigten Königreich.
Reichen die beschlossenen Kontaktbeschränkungen und Einschränkungen des öffentlichen Lebens aus?
Nein, mir reicht das nicht aus. Ich erkenne aber auch die politischen Zwänge an. Ich verantworte nicht das Wohl eines Staates, sondern argumentiere aus meiner fachlichen, subjektiven Sicht. Die Omikron-Verbreitung muss entschleunigt werden, um Zeit zu gewinnen, sensible Bereiche zu boostern und Hospitalisierungen weitestgehend zu vermeiden.
Was können wir sonst tun? Massentests?
Dafür haben wir gar nicht die Strukturen in Deutschland. Es wurde verschlafen, in entsprechende Techniken, die Pool-Testungen ermöglichen, zu investieren. Andere Länder, etwa das Vereinigte Königreich und auch Österreich, sind da besser aufgestellt. Das ist nicht mal teurer als unsere alten Strukturen. Deshalb bleiben uns nur viel härtere Kontaktbeschränkungen, wie etwa in Spanien oder Frankreich, und das so schnell wie möglich.
Omikron soll zu weniger schweren Verläufen führen. Stimmt das?
Die bislang bekannten Daten deuten das an. Der Blick auf die Krankenhäuser im Vereinigten Königreich wird in den nächsten Tagen viel Aufschluss darüber geben können. Mit etwas Glück kann Omikron zu einer starken Durchseuchung mit milderen Verläufen führen und der effektivste Impfstamm werden. Allerdings droht dennoch ein Kollaps des gesellschaftlichen Lebens, weil systemkritische Bereiche wegen Krankheit oder Quarantäne nicht mehr aufrecht gehalten werden können.

(Von Gregory Dauber)

Zur Person: Dr. Marcus Thomé

Dr. Marcus Thomé (52) ist Chefarzt für Infektionsdiagnostik und Klinische Mikrobiologie am Klinikum Kassel. Er ist einer von drei akademischen Leitern des Instituts für Labormedizin. Im Labor arbeiten derzeit 45 Personen, darunter die beiden Chefärzte Marcus Thomé und Hans-Ullrich Barthelmes. Unser Interviewpartner Thomé stammt aus Saarburg in Rheinland-Pfalz. Thomé hat in Mainz und Bern studiert. Er arbeitet seit dem Jahr 2011 am Klinikum Kassel. 

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