Über Ängste sprechen

In der Pandemie ist die Seelsorge eine wichtige Aufgabe

Ein Pfarrer in schwarzen Gewändern hebt die Arme.
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Wenn man jemand aus der Familie mit dem Coronavirus angesteckt wurde, stellten sich Angehörige derzeit häufig Schuldfragen. „Damit müssen sie irgendwie umgehen. Sie brauchen Vergebung“, sagt Axel Aschenbrenner.

In der Coronapandemie werden alltägliche Begegnungen seltener und die Arbeit der Seelsorger im Kreis deshalb umso wichtiger.

Werra-Meißner – Als Krankenhauspfarrerin im Klinikum Werra-Meißner erlebt Gudrun Kühnemuth derzeit, wie wichtig das persönliche Gespräch für die Patienten ist. Viele, die etwa an Covid-19 erkrankt sind, haben keine direkten persönlichen Kontakte außer mit den Ärzten, den Therapeuten und dem Pflegepersonal, oder mit den Pfarrern, wie Gudrun Kühnemuth.

Wenn die Patienten ihre Angehörigen kontaktieren wollen, geht das oft nur über Telefon oder Video. „Neben Covid-19 werden im Klinikum ja auch viele Menschen mit anderen Erkrankungen behandelt“, sagt Gudrun Kühnemuth. „Viele von ihnen haben Angst, brauchen Kraft und Perspektiven. Ich versuche deshalb, mit Empathie für sie da zu sein, und frage mich bei jedem Einzelnen, wie ich ihn unterstützen kann“, sagt sie. Als Seelsorgerin möchte sie den Patienten zur Seite stehen, Ängste lindern und ihnen Mut machen. Die Pfarrerin nimmt sich Zeit und hört zu.

Gudrun Kühnemuth Klinik-Pfarrerin

Manche Patienten stünden, nachdem sie mit einer einschneiden Krankheit konfrontiert seien, am Ende ihres Lebens und wollten Bilanz ziehen. Andere, die etwa Covid-19 überstanden hätten, seien nun plötzlich mit den Langzeitfolgen der Krankheit konfrontiert. „Sie kennen sich selbst nur im Zustand vor der Krankheit und müssen nun mit neuen Lebensrealitäten umgehen“, sagt die Pfarrerin. „Alle, die im Krankenhaus professionell tätig sind, helfen den Patienten in dieser Ausnahmesituation und tun alles, um diese bestmöglich zu versorgen und für sie da zu sein.“

Arbeit geht in den Gemeinden weiter

Auch in den Gemeinden geht die seelsorgerische Arbeit der Pfarrer weiter, auch wenn in manchen Gemeinden die Gottesdienste gerade nicht wie gewohnt stattfinden. In Sontra hilft Pfarrer Axel Aschenbrenner den Menschen in emotional belastenden Situationen, etwa in der Trauerbegleitung. Der Prozess des Abschiednehmens sei durch die Pandemie schwieriger geworden, wenn Beerdigungen verschoben werden müssten und weniger Gäste teilnehmen. Ein Gespräch am Telefon reiche dann nicht aus. Sehr schwierige Fragen ergäben sich in der Pandemie auch, etwa wenn jemand das Virus mit nach Hause gebracht habe und ein anderes Familienmitglied an der Krankheit gestorben sei. „Familien stellen sich dann häufig Schuldfragen. Damit müssen sie irgendwie umgehen. Sie brauchen Vergebung“, sagt Axel Aschenbrenner. Auch Kinder und Jugendliche litten in der Pandemie – vor allem unter den Kontaktbeschränkungen. Plötzlich müssten sie unter ihren Freunden auswählen. „Kinder, die Sozialkontakte dringend benötigen, sind jetzt natürlich am stärksten betroffen. Ihre seelischen Schäden werden sich erst noch langfristig zeigen“, ist Axel Aschenbrenner überzeugt.

In Kontakt bleiben

Ebenso litten ältere Menschen an Einsamkeit. Die Pfarrer raten deshalb dazu, in der Nachbarschaft aufmerksam zu sein. „Man kann anrufen, den Nachbarn etwas hinstellen oder auf andere Weise in Kontakt bleiben“, sagt Gudrun Kühnemuth. Mit zunehmender Dauer der Pandemie wachse allerdings auch die Ungeduld. „Zugegeben, es wird schwieriger, wenn manche Menschen keine Lust mehr auf die Einschränkungen haben“, sagt Axel Aschenbrenner. „Andererseits macht es die Angehörigen von Menschen, die an Covid-19 gestorben sind, wütend, wenn das Virus verharmlost wird. So entsteht eine Kluft. Auch das müssen wir thematisieren.“

Für Gudrun Kühnemuth hat die Pandemie zwei Dinge deutlich gemacht: „Dass wir uns der Endlichkeit des Lebens bewusst sein müssen, damit man an jedem Tag etwas finden kann, über das man sich freuen kann. Und zweitens, dass es die Begegnung miteinander ist, die uns als Menschen ausmacht.“ Kristin Weber

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