SPD-Bezirksvorsitzender Gremmels im Interview

SPD-Kandidat wird neuer Landrat im Kreis Kassel - Partei muss dennoch Verluste hinnehmen

Ein Lichtblick für die SPD: Andreas Siebert wird neuer Landrat.
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Ein Lichtblick für die SPD: Andreas Siebert wird neuer Landrat.

Zur Kommunalwahl im Kreis Kassel wurde am Sonntag gewählt. SPD-Kandidat Siebert wird Landrat. Doch die Partei muss Verluste einstecken.

Kreis Kassel - Die SPD stellt zwar weiterhin den Landrat im Kreis Kassel, gehört aber sonst zu den Verlierern der Kommunalwahl in Stadt und Kreis Kassel. Im Interview äußert sich der SPD-Bezirksvorsitzende.

Herr Gremmels, was überwiegt nach Sonntag: Die Freude darüber, dass Ihre SPD mit Andreas Siebert wieder den Landrat im Kreis Kassel stellt, oder die Ernüchterung, dass Ihre SPD in fast allen Stadt- und Gemeindeparlamenten wohl zum Teil herbe Verluste hinnehmen muss?
Sonntag war ein sehr emotionaler Tag für mich. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass die SPD-Kandidaten bei allen drei Landratswahlen gewonnen haben. Im Kreis Hersfeld-Rotenburg hat Torsten Warnecke sogar den CDU-Amtsinhaber bezwungen. Das bedeutet, dass es im Norden Hessens ausschließlich sozialdemokratische Landräte gibt – und zudem die Großstadt Kassel auch von einem sozialdemokratischen Oberbürgermeister regiert wird. Das gab es seit Mitte der 90er-Jahre nicht mehr und zeigt, dass man mit dem richtigen Personal und den richtigen Themen auch als SPD Wahlen gewinnen kann. Das gibt mir Hoffnung.
Das ist das eine, aber das andere ist der Blick auf die Trendergebnisse für die Stadt- und Gemeindeparlamente und für den Kreistag. Da sieht es alles andere als rosig aus für die einst so mächtige SPD in Nordhessen.
Da kann ich nur allen raten, mal abzuwarten, was das Kumulieren und Panaschieren ausmacht. Trotzdem kann ich jetzt schon sagen, dass ich mir gewünscht habe, die Sozialdemokratie würde besser abschneiden – auch in der Stadt Kassel. Aber wenn ich die Trendergebnisse aus den hessischen Großstädten vergleiche, dann scheinen wir in Kassel noch vergleichsweise gut wegzukommen.
Aber kann es der Anspruch der nordhessischen SPD sein, im Vergleich noch ganz gut dazustehen?
Ich glaube, dass man solche Ergebnisse nicht isoliert betrachten kann, sondern einordnen muss in den allgemeinen Trend. Aber zufrieden kann ein Sozialdemokrat in Nordhessen nicht sein, da haben wir einen anderen Anspruch an uns selbst. Ich habe in einer Zeit angefangen, Politik zu machen, da hatte die SPD bei Kreistagswahlen mehr als 50 Prozent. Jetzt kommen wir noch auf rund 40 Prozent. Das ist hessenweit spitze. Wir sind damit auf kommunaler Ebene Volkspartei, aber das Ergebnis ist ausbaufähig – gerade in der Stadt, in der die Herausforderungen noch einmal andere sind.
Aber wie wollen Sie diesen Abwärtstrend aufhalten, damit die SPD zum Beispiel im Kreis in zehn Jahren nicht nur noch die 2 vorn stehen hat?
Es gibt keinen Automatismus, dass es weiter abwärts geht. Wir müssen die Themen, die den Menschen unter den Nägeln brennen, aufgreifen und dann sozialdemokratische Antworten finden – wie zum Beispiel bei den Themen Klimaschutz und Energiewende. Das geht, indem wir den Wandel unserer Industriegesellschaft so abfedern, dass die Energiewende auch für Menschen mit geringerem Einkommen bezahlbar bleibt.
Aber ist das nicht auch das Problem der SPD: dass die Menschen diese Themen zuerst mit den Grünen in Verbindung bringen und gerade nicht mit der SPD?
Umso mehr müssen wir in diesen Punkten auf uns aufmerksam machen: indem wir deutlich machen, welche Chancen in der Veränderung liegen – zum Beispiel, dass mit der Energiewende gute Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien entstehen. So müssen wir etwa aufzeigen, dass der Jobmotor VW in Baunatal langfristig nur mit E-Mobilität eine Zukunft hat.
Aber wird die Vermittlung dieser Themen nicht umso problematischer, sollten Sie in Kassel auf einmal nur noch als Juniorpartner in einer Koalition mit den Grünen fungieren?
In meinen Themenbereichen der Energie- und Klimapolitik gibt es einige Schnittmengen mit den Grünen. Was mit diesem Ergebnis konkret möglich ist, wird die Kasseler SPD entscheiden.
Sie haben jetzt vornehmlich bundespolitische Themen genannt, mit denen Sie auch auf kommunaler Ebene punkten wollen. Das heißt gleichzeitig, dass die SPD auch bundespolitisch das Ruder herumreißen muss.
Es ist immer besser, wenn man aus Berlin Rückenwind bekommt, klar. Aber ich glaube, dass wir diesmal zumindest keinen Gegenwind bekommen haben und die Menschen sehr wohl auch berücksichtigen, was vor Ort passiert und sie Themen und Ebenen unterscheiden.
Hat dann etwa die Steueraffäre um den Niester Bürgermeister Edgar Paul der gesamten SPD bei dieser Wahl geschadet?
Naja, für solch einen Fall gibt es ja Kumulieren und Panaschieren. Und viele werden bei der Kreistagswahl ihre Kreuzchen bei der SPD gemacht, aber Edgar Paul gestrichen haben. Außerdem leben wir in einem Rechtsstaat. Da können wir Edgar Paul zwar zum Rücktritt auffordern. Als Partei können wir ihn nicht zwingen, zurückzutreten. Dringliche Appelle haben wir aber an ihn gerichtet. Jetzt liegt es an den Menschen in Nieste, ihn abzuwählen.
Inwieweit hat der zwischendurch heftig geführte Streit zwischen Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle und Landrat Uwe Schmidt – beides Genossen – das Bild der SPD bei den Wählern geprägt?
Inhaltliche Unterschiede gibt es immer mal wieder – vor allem bei einer unterschiedlichen Interessenlage von Stadt und Kreis. Ich glaube aber nicht, dass der Streit der SPD geschadet hat. Er hat im Wahlkampf keine Rolle gespielt.
Zum Abschluss: Machen die Ergebnisse Ihnen persönlich Mut für Ihre erneute Kandidatur für den Deutschen Bundestag, oder stimmen sie Sie nachdenklich?
Sie spornen mich an. Ich glaube, dass ich als Person und mit meinen Themen in den vergangenen vier Jahren überzeugen konnte. Das Direktmandat ist eine Persönlichkeitswahl. Das macht mir keine schlaflosen Nächte, aber ein Spaziergang wird es nicht. Die Zeiten sind vorbei, in denen die Nordhessen selbst einen roten Besen wählen würden. Und das ist auch gut so. Ich freue mich auf den Wahlkampf. (Alia Shuhaiber und Florian Hagemann)
Timon Gremmels

Zur Person

Timon Gremmels (45) studierte nach dem Abitur an der Herderschule Politik- und Rechtswissenschaften sowie Friedens- und Konfliktforschung in Marburg und trat mit 16 in die SPD ein. Von 2009 bis 2017 war er Landtagsabgeordneter. Seit 2017 sitzt Gremmels für die Sozialdemokraten im Bundestag. Er lebt in Niestetal.

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