1. Startseite
  2. Thema
  3. Oberbürgermeisterwahl Kassel

OB-Wahl in Kassel: Hilgen kritisiert Wählerinitiative für Geselle - „sehr problematisch“

Erstellt:

Von: Matthias Lohr

Kommentare

In der Wählerinitiative für den Kasseler Oberbürgermeister Geselle engagieren sich viele SPD-Mitglieder - obwohl die Partei eine eigene Kandidatin hat.

Kassel – Zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate bricht Bertram Hilgen mit seinem Vorsatz, sich nicht in die aktuelle Politik einzumischen. Im Sommer meldete sich der ehemalige Kasseler Oberbürgermeister (2005 bis 2017) zur documenta zu Wort. Nun schaltet sich der Sozialdemokrat in den Wahlkampf für die OB-Wahl in Kassel ein.

Hilgen, der die SPD-Kandidatin Isabel Carqueville unterstützt und sich schon auf der Nominierungskonferenz im Oktober 2022 für sie starkgemacht hatte, kritisiert die Wählerinitiative für Amtsinhaber Christian Geselle, der als unabhängiger Kandidat antritt. Der langjährige Landtagsabgeordnete Uwe Frankenberger, einer von vielen Sozialdemokraten, die für Geselle sind, wehrt sich gegen die Kritik.

Ehemaliger SPD-OB in Kassel: „Andernfalls wird die Partei nicht mehr ernst genommen“

Bertram Hilgen hält es für „sehr problematisch“, dass der Wählerinitiative auch Sozialdemokraten angehören, wie er der HNA sagte. In den 51 Jahren, in denen er in der SPD ist, sei es immer so gewesen: „Wenn die Mehrheit entschieden hat, akzeptieren das auch die, die anderer Meinung waren. Andernfalls wird die Partei nicht mehr ernst genommen und ist auch nicht mehr handlungsfähig. Wer würde denn mit so einer Partei oder Fraktion im Parlament noch zusammenarbeiten?“

Mit anderen Worten: Hilgen wirft Genossen, die für Geselle sind, vor, der Partei nachhaltig zu schaden. Er schließt sogar ein Parteiordnungsverfahren nicht aus. „Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass der Unterbezirksvorstand das kommentarlos hinnimmt“, sagt der 68-Jährige.

2006 feierten sie gemeinsam den Sieg der SPD bei der Kommunalwahl in Kassel: Bertram Hilgen (links, damals Oberbürgermeister) und Uwe Frankenberger (damals Landtagsabgeordneter). Mittlerweile sind sie sich nicht mehr so einig. Hilgen unterstützt im OB-Wahlkampf Isabel Carqueville, Frankenberger Amtsinhaber Christian Geselle. Archi
2006 feierten sie gemeinsam den Sieg der SPD bei der Kommunalwahl in Kassel: Bertram Hilgen (links, damals Oberbürgermeister) und Uwe Frankenberger (damals Landtagsabgeordneter). Mittlerweile sind sie sich nicht mehr so einig. Hilgen unterstützt im OB-Wahlkampf Isabel Carqueville, Frankenberger Amtsinhaber Christian Geselle. Archi © Jochen Herzog

Demnächst will sich Hilgen zusammen mit den beiden anderen ehemaligen SPD-Oberbürgermeistern Hans Eichel und Wolfram Bremeier zu Wort melden. Das Trio wird sich für Carqueville aussprechen. Hilgen hat sich lange mit der Gewerkschafterin unterhalten und sagt: „Sie bringt genau die Kompetenzen mit, die für eine gute Oberbürgermeisterin nötig sind.“

Kassel: Uwe Frankenberger saß 19 Jahre für die SPD im Landtag

Im documenta-Sommer hatte sich das Trio schon einmal öffentlich eingemischt. Damals verteidigten die hochrangigen Sozialdemokraten die Kunstschau gemeinsam mit Geselle gegen Kritik. Nun wenden sie sich mit ihrem Engagement für Carqueville auch gegen den Amtsinhaber. Das Verhältnis von Hilgen zu seinem Nachfolger ist offenkundig nicht das beste: Das letzte Mal, dass beide miteinander sprachen, war am 25. September vor dem Fridericianum, als die documenta endete.

Uwe Frankenberger ist das prominenteste Gesicht der Wählerinitiative für Christian Geselle, die den Wahlkampf des Amtsinhabers organisiert und Spenden einsammelt. 19 Jahre lang saß er für die SPD im Landtag. Nun ist er hinter Rosa-Maria Hamacher zweiter Vorsitzender der Initiative. Bei der Vorstellung des Vereins sagte das Vorstands-Duo, dass man nicht gegen jemanden Wahlkampf führe, sondern für Geselle. Aber natürlich geht es auch darum, eine SPD-Oberbürgermeisterin Isabel Carqueville zu verhindern.

Fragen zur Kritik von Hilgen will der 67-Jährige nur schriftlich beantworten. Frankenberger erklärt, dass es nicht das Ziel der Initiative sei, der Kasseler SPD zu schaden. Auf die Frage, welche Reaktionen er aus der Partei auf sein Engagement für Geselle erhalten habe, schreibt er, dass er nicht im Austausch mit SPD-Mitgliedern stehe, „die die SPD-Kandidatin unterstützen“. Wie sein Verhältnis zu den drei ehemaligen SPD-Oberbürgermeistern ist? „Wenn wir uns begegnen, grüßen wir uns.“

SPD-Ordnungsverfahren gegen Kasseler OB Geselle

Auch die Frage nach einem möglichen Verfahren, das zu einem Parteiausschluss führen könnte, beantwortet Frankenberger ausweichend. Dies liege in der Verantwortung des Vorsitzenden Ron-Hendrik Hechelmann und des Unterbezirks. Er verweist auf eine Interviewaussage der Marburger Politikwissenschaftlerin Ursula Birsl, die angemerkt hatte, dass die Initiative ja keinen Kandidaten einer anderen Partei unterstütze. Mit einem Ordnungsverfahren schwäche sich die Partei nur selbst.

SPD-Chef Hechelmann sagte auf Anfrage, man werde intern beraten, wie man mit SPD-Mitgliedern in der Initiative für Geselle umgehe. Derweil hat der Vorstand des Unterbezirks beschlossen, ein Parteiordnungsverfahren gegen den Oberbürgermeister auf den Weg zu bringen. Hechelmann sagte: „Der Antrag wird der Schiedskommission vorgelegt. Das Verfahren wird sich über Monate hinziehen.“ Geselle tritt bei der OB-Wahl als unabhängiger Bewerber gegen Isabel Carqueville (SPD) an. Er habe von dem Schritt der Partei nichts gewusst, teilte er mit. Ihm liege weder ein Schriftstück vor noch seien Inhalt oder Umfang irgendwelcher Anschuldigungen bekannt. (Matthias Lohr)

Auch interessant

Kommentare