Corona auf Intensivstationen in Deutschland

Gefährliche Behandlung von Covid-19-Erkrankungen - Müssen Patienten unnötig sterben?

Experten gehen von falschen Behandlungsmethoden aus, die sogar Leben kosten können. Werden Corona-Intensivpatienten in Deutschland zu oft beatmet?

Kassel - Über 70.000 Menschen sind in Deutschland bislang in Verbindung mit einer Corona-Erkrankung verstorben. Viele davon einsam und isoliert auf einer Intensivstation. Wie aus einem Bericht des WDR hervorgeht, könnte eine bestimmte Maßnahme auf der Intensivstation sogar zum Tode vieler Menschen geführt haben.

Die Rede ist von der invasiven Beatmung. „Eine nicht unerhebliche Zahl dieser schwer Erkrankten hätte vermutlich gerettet werden können, wenn ihnen genau diese Tortur erspart geblieben wäre“, heißt es in dem Bericht des Fernsehsenders.

Intensivstationen in Deutschland: Corona-Patienten werden häufig intubiert

„Sobald die Patienten Luftnot verspüren, würden wir anfangen, sie mit einer nichtinvasiven Beatmung zu versorgen. Die Patienten haben dann Zeit, das zu erlernen und das Ziel wäre, dass sie während der Beatmung nicht selbst atmen müssen, sodass ihre Atemmuskeln sich entlasten können“, so Professor Gerhard Laier-Groeneveld von der Lungenklinik Neustadt.

Auf vielen Intensivstationen in Deutschland werden Corona-Patienten intubiert. Riskiert diese Maßnahme unnötigerweise Menschenleben? (Symbolfoto)

Der Spezialist behandelte unter anderem eine ältere Frau, deren Leben aufgrund einer Covid-19-Infektion am seidenen Faden hing. Durch eine Maske wurde sie anfangs komplett, anschließend immer etwas weniger beatmet. Ihre Lunge hatte so gelernt, wieder eigenständig zu atmen. In den meisten Kliniken hätte die Behandlung jedoch anders ausgesehen: Die sogenannte „Intubation“ gelte im Gegensatz zur Maskenbeatmung seit Beginn der Corona-Pandemie als etablierte Methode auf Intensivstationen in Deutschland, heißt es im Bericht.

Studie zur Beatmungssterblichkeit: Daten stammen von erster Corona-Welle in Deutschland

Nach Informationen des WDR werden in Deutschland derzeit 57 Prozent aller Covid-19-Intensivpatienten intubiert. Konkret heißt das, dass ein Schlauch tief in den Rachen eingeführt wird, sodass die Erkrankten im künstlichen Koma beatmetet werden können - und das meist über mehrere Wochen. Bei schwersten Erkrankungen kann eine solche Maßnahme Leben retten, doch „dann muss man aber auch zum richtigen Zeitpunkt die Intubation durchführen“, sagt Professor Rolf Rossaint von der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin.

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Dr. Thomas Voshaar hat gemeinsam mit Kollegen der Fachklinik Kloster Grafschaft in Nordrhein-Westfalen die Sterblichkeit bei Maskenbeatmung untersucht. Eine entsprechende Studie entstand aus Erkenntnissen der ersten Corona-Welle und wurde nun in einem renommierten Fachmagazin veröffentlicht. Ausgewählt wurden dafür 78 schwer erkrankte Patienten, die üblicherweise alle intubiert worden wären. Von ihnen wurden allerdings nur acht intubiert, die restlichen 70 wurden anders beatmet. Das Ergebnis: nur sechs Menschen starben.

Experte: In Deutschland werden Corona-Intensivpatienten zu häufig intubiert

Im Bericht des WDR wird betont, dass in Deutschland über die Hälfte der intubierten Corona-Patienten sterben. Weniger Intubierte, weniger Tote? Dr. Voshaar will die Intubation jedenfalls möglichst vermeiden: „Wenn ich jemanden intubiere – auch jetzt noch – der auch ohne Intubation hätte gut weiterleben können und ich intubiere ihn sozusagen unnötig, dann setze ich ihn auch einer unnötigen Gefahr aus und das bedeutet auch, dass wir wahrscheinlich unnötig Leben damit riskieren.“

Für Voshaar steht fest, dass man die Zahl der Intubationen „deutlich reduzieren“ könne und „dass es immer noch zu viele Patienten sind, die intubiert werden“. Derselben Meinung ist auch Professor Martin Tobin, der in Chicago lehrt und laut dem WDR weltweit als Koryphäe in Sachen Lungenerkrankungen gilt. Laut ihm werde in Deutschland, ebenso wie in den meisten Ländern der Welt, „viel zu viel“ intubiert.

Deutschland: Intubationen bergen neben Corona weitere Gefahren

„Sobald man einen Schlauch eingeführt hat, ermöglicht man den Eintritt aller möglichen Erreger, neben Covid. Und das setzt den Patienten einer Menge an Super-Infektionen aus. Wir wissen aus 40 Jahren Erfahrung, wenn Sie jemanden haben, der krank ist und man ihn ohne Intubation behandeln kann, wird es ihm deutlich besser gehen, als wenn Sie intubieren, denn das erhöht die Sterblichkeit“, so Tobin gegenüber dem WDR.

Laut Dr. Voshaar bräuchte man für Corona-Patienten eine genaue Faktenlage, anhand welcher man erkennen könnte, ob und wann genau eine Intubation nötig sei. Solange diese in Deutschland fehlt oder nicht berücksichtigt wird, wird man aber nicht wissen, wie viele Menschen wirklich intubiert werden müssten oder nicht. Und vor allem wie viele von ihnen, auch wegen der Behandlung, ihr Leben lassen würden. (Nail Akkoyun)

Rubriklistenbild: © Robert Michael/dpa

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