„Je mehr Kontrolle, desto mehr Freiheiten“

Wissenschaftler raten zu drastischen Maßnahmen - „No Covid“-Strategie ist sehr umstritten

Zur Eindämmung der Corona-Pandemie raten Forscher zu radikalen Maßnahmen. Mit der „No Covid“-Strategie soll die Pandemie schnellstmöglich beendet werden.

  • Um die Corona-Pandemie zu besiegen, entwickeln Wissenschaftler einen radikalen Plan.
  • Eine europaweite Strategie soll das Infektionsgeschehen in die Schranken weisen.
  • Auch eine Forscherin aus Göttingen steht hinter „No Covid“.

Kassel - Forscher aus der Medizin und Wirtschaft fordern einen neuen europaweiten Aktionsplan, um das Coronavirus weiter zu bekämpfen. Dabei geht es allerdings um eine genaue und streng koordinierte Überwachung des Infektionsgeschehens - und nicht um weitere Verbote. Damit der Plan namens „No Covid“ aber erst richtig funktionieren kann, müssen die Fallzahlen so schnell wie möglich sinken.

Wie das funktionieren soll? Bislang waren sich die Experten uneinig, doch jetzt wollen Wissenschaftler mit einem konsequenten Aktionsplan die Antwort auf die Corona-Pandemie parat haben. Unter den Forschern befindet sich auch Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen. Veröffentlicht wurde der vorgeschlagene Plan erstmals in der britischen Medizinzeitschrift The Lancet.

Ende der Corona-Pandemie? „No Covid“ soll Inzidenzwerte von nahezu Null ermöglichen

Darin ist von der Initiative „No Covid“ die Rede. Ziel ist es, die 7-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohnern nicht nur auf einen Wert von unter 50 zu drücken, sondern quasi auf null. Gegenüber dem Deutschlandfunk erklärt Mediziner Marc Hanefeld, dass es dabei jedoch weniger darum ging, die Marke Null zu erreichen, als Corona-Fälle möglichst weit nach unten zu drücken. Die Strategie soll ermöglichen, dass es nur noch zu einzelnen Infektionen kommt, sodass die Ansteckungsketten nachvollzogen werden können.

Könnte die „No Covid“-Strategie die Antwort auf die Corona-Pandemie sein? (Symbolfoto)

Um dieses Ziel zu erreichen, sei ein harter Lockdown unabdingbar - und damit ist nicht der Lockdown gemeint, der gerade in Deutschland herrscht. Vielmehr müssten auch Geschäfte vorübergehend geschlossen und Kontaktmöglichkeiten noch viel stärker beschränkt werden. Laut den Forschern sollen die Fallzahlen dafür bereits nach drei bis fünf Wochen so weit sinken, dass Menschen in vielen Gegenden wieder normal leben könnten.

„Mehr Freiheit und mehr Kontakte“ dank „No Covid“ - IFO für knallharten Corona-Lockdown

„Je niedriger die Fallzahlen, desto einfacher ist die Kontrolle, desto mehr Freiheit und mehr Kontakte kann jeder einzelne haben“, so Priesemann vom Max-Planck-Institut in Göttingen. Ein länderübergreifendes Vorgehen sei dafür aber immens wichtig, denn „die Viren machen nicht an der Grenze halt“. Obwohl die Forscher im Rahmen ihrer „No Covid“-Strategie ein Runterfahren der Wirtschaft in Kauf nehmen würden, sei ein allzu langer Lockdown „einfach nicht sinnvoll“, eben wegen der gravierenden wirtschaftlichen Folgen.

BezeichnungCorona-Pandemie
VirusSARS-CoV-2
InfektionskrankheitCOVID-19

In das gleiche Horn stößt auch Clemens Fuest, Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung (IFO) in München. Er betont, dass die Folgen der Corona-Krise ökonomisch wesentlich schädlicher seien als der angedachte Lockdown: „Die Vorstellung, man könne einfach die Wirtschaft öffnen, auch wenn ein gefährliches Virus grassiert, ist eine Illusion“.

Corona in Deutschland: „No Covid“ soll ähnliche Zustände wie im Sommer 2020 ermöglichen

Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig wies indes Forderungen zurück, sich in der Corona-Pandemie auf den Schutz älterer Menschen zu konzentrieren. Laut der Wissenschaftlerin sei der Schutz besonders gefährdeter Gruppen zwar wichtig, doch generell „sehr schwierig, wenn das Infektionsgeschehen insgesamt sehr hoch ist“.

Geht es nach Brinkmann, sollte man sich an einem Inzidenzwert von etwa 10 orientieren. In überschaubarer Zeit sei dies durchaus erreichbar, wie unter anderem der vergangene Sommer in Deutschland zeigte. Zunächst sollen „grüne Zonen“ angestrebt werden, in denen dann auch mehr Freiheiten möglich wären.

„No Covid“: Forderungen nach klügerem und effizienterem Corona-Lockdown

Die Forscher hinter „No Covid“ sehen keine Notwendigkeit für zusätzliche Einschränkungen, sondern für einen klügeren und effizienteren Lockdown, so Viola Priesemann. Beispielsweise seien keine Grenzschließungen erforderlich, sofern Reisende vor und nach dem Grenzübertritt konsequent auf Corona getestet würden. Zudem seien kleine, stabile soziale Blasen weniger problematisch als ständig wechselnde Kontakte.

Auch die Bedingungen für Homeoffice und Online-Unterricht sollten den Wissenschaftlern nach verbessert werden, um Infektionsrisiken künftig zu mindern. Wo dies nicht gehe, sollten mehr kostenlose Tests angeboten werden, um Ausbrüche frühzeitig zu erkennen und schnell reagieren zu können. (Nail Akkoyun)

Rubriklistenbild: © Christoph Soeder/dpa

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