Energiepreise

Strom und Gas: Warum die Preise aktuell durch die Decke gehen

Derzeit steigen die Preise für Strom und Gas rasant an. Woran das liegt, was Verbraucher erwartet und wie die EU-Staaten einschreiten wollen.

Kassel/Luxemburg – In Europa sind Strom und Gas so teuer wie lange nicht. Seit Anfang des Jahres steigen die Energiepreise rasant an. Nun, vor dem Winter, wird befürchtet, dass viele Haushalte ihre Rechnungen nicht bezahlen können.

Am Montag (04.10.2021) trafen sich die Finanz- und Wirtschaftsminister der Euro-Länder, um sich mit dem Thema zu befassen. Was steckt hinter dem Preisanstieg? Und welche Maßnahmen könnten nun von der EU und den Mitgliedsstaaten kommen?

Strom und Gas: Wie hat sich der Preisanstieg entwickelt?

Simone Tagliapietra von der Denkfabrik Bruegel zufolge liegt die Entwicklung vor allem am Gaspreis. Der Großhandelspreis von Erdgas ist zwischen Januar und Oktober um rund 440 Prozent gestiegen. Gas wird zum Heizen genutzt, aber auch zur Erzeugung von Strom. Der fossile Brennstoff hat also auch Einfluss darauf, wie viel Strom kostet.

An der Börse ist Strom in Deutschland seit Januar rund 140 Prozent teurer geworden, in Italien 340 Prozent und in Spanien sogar 425 Prozent. Etwa drei Viertel des Strompreises werden hierzulande nicht durch die Energiekosten, sondern durch Steuern, Umlagen und Netzentgelte bestimmt.

Wie es zum rasanten Anstieg der Energiepreise kam – und was er für Verbraucher bedeutet

Der Preisanstieg spiegelt sich auch in den Strom- und Heizkostenrechnungen von Haushalten wider, auch wenn noch nicht ganz so dramatisch wie im Großhandel. Laut dem Portal Check24 sind die Heizkosten in Deutschland im September im Vergleich zum Vorjahr um 33 Prozent gestiegen. Für Strom zahlten Verbraucher vier Prozent mehr.

Preise für Strom und Gas steigen: Das macht sich beim Heizen bemerkbar.

Für den rasanten Anstieg der Preise gibt es unterschiedliche Faktoren. Zunächst ist die Nachfrage nach Energie während der Erholung von der Corona-Pandemie weltweit gestiegen, da die Wirtschaft wieder mehr produziert. Gleichzeitig ist das Angebot an Energie gesunken – wie etwa durch Dürren in Brasilien, wo große Mengen Strom aus Wasserkraft produziert werden. Zudem war der Winter vielerorts besonders hart, wodurch Reserven geschmälert wurden. Thilo Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) weist darauf hin, dass im Sommer weniger erneuerbare Energie produziert wurde.

Auch wird vermutet, dass große Firmen die Entwicklungen am Markt ausnutzen. Georg Zachmann von Bruegel sagt, der russische Gasproduzent Gazprom habe zwar seine Lieferverträge mit Europa erfüllt, jedoch die Nachfrage darüber hinaus trotz der attraktiven Preise nicht bedient. Damit könnte Gazprom darauf abzielen, die Preise hochzutreiben – oder aber Druck auszuüben, damit die umstrittene Ostseepipeline Nord Stream 2 schneller in Betrieb genommen werde.

Strom und Gas werden teurer: Hat der Preisanstieg etwas mit der Energiewende zu tun?

Kritiker machen dafür auch Klimaschutzmaßnahmen verantwortlich. Der Preis von Kohlenstoffdioxid (CO2) im Handel mit Emissionsrechten ist gestiegen, was die Energieerzeugung aus Kohle unattraktiver macht, aber auch Strom teurer machen kann, wenn es keine Alternativen gibt.

Im Emissionshandelssystem der EU müssen etwa Stromanbieter für den Ausstoß von Treibhausgasen wie CO2 zahlen. Kritiker fürchten, dass eine Ausweitung des Systems Verbraucher zusätzlich belastet. Der Handel mit Emissionsrechten ist laut Tagliapietra nur für ein Fünftel des Preisanstiegs verantwortlich. Das EU-System habe zudem dafür gesorgt, dass Kohle bei den hohen Gaspreisen keine Alternative wird - und so höhere Emissionen verhindert. Aus Sicht von Zachmann kann die Alternative nur Energieeffizienz und sauberer Strom sein.

Strom und Gas: Ist der Preisanstieg nur vorübergehend?

Experten wie Politiker halten den Preisanstieg für Strom, Gas* und Co. für vorübergehend. Schäfer vom IW schätzt, dass es eine Erholung geben könnte, sobald sich die Reserven wieder füllen oder die Pipeline Nord Stream 2 in Betrieb geht. Laut Tagliapietra könnte sich der Gaspreis bis April schon wieder halbieren.

Einige EU-Länder haben nun Maßnahmen eingeleitet, um Verbraucher zu schützen. Frankreich kündigt eine Tarifbremse für Strom und Gas an. Ärmere Haushalte sollen je 100 Euro erhalten. Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire betonte, dass vor allem einkommensschwache Verbraucher „mit einem unerträglichen Anstieg der Gaspreise konfrontiert“ seien.

Kosten von Strom und Gas: Wie die EU-Staaten auf den Preisanstieg reagieren wollen

Italien will 3 Milliarden Euro ausgeben, um Haushalten einen Teil ihrer Strom- und Gasrechnungen zu erlassen, beispielsweise durch Steuersenkungen. Spanien fordert Maßnahmen auf EU-Ebene, etwa eine gemeinsame „strategische Gasreserve“. Auch Griechenlands Christis Staikouras sprach sich für „eine europäische Antwort“ auf den Preisanstieg aus.

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Luxemburg macht Spekulation am Gasmarkt für den Preisanstieg mitverantwortlich und schlägt eine Überarbeitung der EU-Richtlinie vor. „Wir müssen das extrem spekulative Verhalten einiger Händler unterbinden“, meint Energieminister Claude Turme. Polen fordert derweil ein Umdenken im EU-Emissionshandel.

Kurzfristig kann die EU wenig eingreifen, sagen Experten. Es liege bei den Mitgliedstaaten, die sozialen Konsequenzen abzufedern, so Schäfer vom IW. Die EU-Kommission kann laut Tagliapietra die Staaten beraten und Maßnahmen koordinieren – vor allem, um Marktverzerrung zu verhindern. Die Brüsseler Behörde hat eine „Toolbox“ angekündigt, die einen solchen Leitfaden enthalten könnte.

Langfristig sollte die EU ihr Klimapaket schneller umsetzen, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren, sind sich Fachleute einig. Gas billiger zu machen, könne das Problem langfristig nicht lösen, meint Georg Zachmann. (lrg/dpa/AFP) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Thomas Trutschel/Imago

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