1. Startseite
  2. Verbraucher

„Sehr peinlich“: Revolutionäre Aldi-Filiale in den Niederlanden floppt

Erstellt:

Von: Christoph Gschoßmann

Kommentare

Die Test-Filiale in Utrecht - es herrscht nicht gerade viel Andrang.
Die Test-Filiale von Aldi in Utrecht, in der es keine Kassen gibt. © Aldi Nord

Discounter Aldi testet in einer niederländischen Filiale den Einkauf ganz ohne Kassen. Doch dabei wurde ein für Kunden wichtiger Aspekt nicht bedacht.

München/Utrecht – Aldi Nord wollte etwas ganz Neues ausprobieren, den Supermarkt der Zukunft testen – doch die Idee entpuppte sich als riesiger Flop. Dabei lag es womöglich nicht an der Art und Weise, wie der neue Markt konzipiert wurde. Sondern eher an den Umständen. Doch der Reihe nach.

Aldi-Filiale ohne Kassen in den Niederlanden sollte die Discounter revolutionieren

Es geht um einen Pilot-Supermarkt im niederländischen Utrecht. Die Idee klingt revolutionär: Es gibt keine Kassen mehr. Auch keine Selbstbedienungskassen, wie sie mittlerweile auch schon in vielen Läden verschiedener Ketten zur Verfügung stehen. Nein - gar keine mehr. Stattdessen gibt es etwas anderes zur Genüge: Kameras. Hunderte Sensoren filmen die Kunden und zeichnen jeden Handgriff auf, den diese machen. Sie filmen, welche Lebensmittel die Kunden mitnehmen und schicken dem Kunden am Ende des Einkaufs eine Rechnung über eine App aufs Handy.

Es klingt simpel und tatsächlich praktisch: Nie mehr an der Kasse stehen, nie mehr die Einkäufe mühsam aus dem Wagen aufs Kassenband hieven und wieder zurück in den Wagen. Auch der physische Bezahlvorgang selbst ist passé, kein Kleingeld oder Kartenleser sind für die Kunden mehr nötig. Die Sensoren und die App machen alles vollautomatisch, berichtet tz.de. Zumindest in der Theorie.

Aldi-Supermarkt der Zukunft: Gähnende Leere aufgrund eines bestimmten Problems

In der Praxis herrschte seit der Eröffnung am 8. Juli 2022 trotz bester Lage in der Shopping-Straße „Lange Viestaat“ gähnende Leere in dem Pilot-Supermarkt. Der Grund dafür war aber wohl nicht die Idee an sich, sondern eine der Voraussetzungen, die man brauchte, um dort einkaufen zu können: Eine Kreditkarte. In den Niederlanden bezahlen so viele Menschen mit dem Bankkarten-System „PIN“, dass sich das „Pinnen“ als Synonym für bargeldloses Zahlen etabliert hat. Wie die Welt berichtet, besitzen nur etwa die Hälfte der Niederländer eine Kreditkarte, zumeist zum Flüge buchen.

Aldi erntet für die Fehleinschätzung Spott. So schreibt eine lokale Google-Maps-Nutzerin: „Ich denke, dass sie alle paar Wochen die komplette Ware in den Müll werfen müssen, denn ich habe buchstäblich noch nie jemanden dort einkaufen sehen.“ Beobachter berichten davon, dass potenzielle Kunden vor der Tür stehen, sich von Mitarbeitern das Konzept erklären lassen - aber dann meist abwinken, wenn eine Kreditkarte im Anmeldungsprozess für die App notwendig wäre.

„Das ist sehr peinlich. Was Aldi hier knallhart lernt, ist, dass ein großer Teil der Leute keine Kreditkarte hat und das alles viel zu kompliziert findet. Oder dem Konzept gar nicht erst vertraut“, sagte der niederländische Marketing-Experte Paul Moers dem Utrechter Fernsehsender RTV. Auch die permanente Überwachung soll ein Grund sein, warum der Laden nicht gut ankommt. Weitere Probleme: Die Rechnung kommt nicht sofort, und der Laden schließt bereits um 18 Uhr, weit vor anderen Märkten.

„Sie schmeißen das gesamte Obst und Gemüse weg – oder verschenken es“

Philip Boontje, Gründer des Utrechter Daten-Start-ups MAXQ Analytics, schimpt in einem Video über das Konzept und führt es als Beispiel für inkompetente und arrogante Konzern-Innovation an. „Es ist absolut niemand in dem ganzen Laden. Niemand kauft irgendwas. Sie schmeißen das gesamte Obst und Gemüse weg – oder verschenken es.“ Und weiter: „Ich habe noch nie so viel Verschwendung von Ressourcen, Gewerbefläche und Arbeitskraft gesehen.“ Die zehnminütige Registrierung sei eine „verrückte Nutzer-Erfahrung“.

Aldi räumt gegenüber Welt ein, dass das Projekt noch nicht marktreif ist: „Wir sehen aber auch, dass sich die Technologie in ihrem derzeitigen Umsetzungsstadium insbesondere an technisch versierte Kundinnen und Kunden richtet.“ Es gebe aber auch zufriedene Kunden: „Besonders gut kommt dabei an, dass sie die Artikel direkt in der eigenen Tasche verstauen und den Markt ohne weiteren Bezahlvorgang verlassen können, während sich die intelligente Technologie um die Abrechnung kümmert.“ Das Konzept soll weiter erforscht werden - Aldi gibt den Markt der Zukunft also noch nicht auf. Übrigens: In München hat die Supermarktkette Rewe eine ganz ähnliche Filiale eröffnet wie die in Utrecht. Wir haben einen Testeinkauf gemacht. (cgsc)

Auch interessant

Kommentare