"Das bekannteste unbekannte Kunstwerk Deutschlands"

Aldi: Diese Kult-Tasche kommt uns nicht mehr in die Tüte

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Moderne Kunst, die jeder tragen konnte: Die Plastiktüten von Aldi Nord (links) und Aldi Süd.

Der Discounter Aldi lässt seine klassische Plastiktüte verschwinden. Damit endet eine Ära, die ein Kasseler documenta-Künstler begründete und in der die Tasche für einen Rassismus-Skandal sorgte.

Anfang der 80er-Jahre war man mit einer Aldi-Tüte der Außenseiter. Es gab damals Kinder, die weder einen Schlitten noch einen Bob hatten und darum im Winter auf der Plastiktasche des Discounters den Berg hinunterrutschten. Diese Mädchen und Jungen taten einem doppelt leid. Sie waren viel zu langsam, und dann wusste nun auch noch jeder, dass ihre Eltern bei Aldi einkauften, was damals nur die taten, die sich Edeka und Co. nicht leisten konnten.

Heute ist alles anders: Selbst Rechtsanwälte und Chefärzte fahren mit ihren SUVs auf den Aldi-Parkplatz, im Winter schneit es nicht mehr, und die klassische Aldi-Tüte muss bald einpacken.

So stand es in der Pressemitteilung, mit der der Konzern bereits vorigen Sommer ankündigte, zukünftig auf Einwegtüten zu verzichten. Bald ist es so weit: Bis Ende des Jahres wollen Aldi Nord und Süd komplett auf Mehrwegtaschen umgestellt haben. Damit endet eine Ära, was Kulturkritiker nun betrauern. Autor Uwe Vorkötter schrieb einen "Nachruf auf den Plastikbeutel, den einfach jeder braucht(e)" und fragte: "Gab es je ein Produkt, das unserer demokratischen Gesellschaft mehr entspricht als dieses?" Und die "Süddeutsche Zeitung" adelte die einst verpönte Tasche zum "bekanntesten unbekannten Kunstwerk Deutschlands", das nun verschwinde.

Dieses Video stammt nicht von hna.de, sondern von Pro Sieben und Glomex.

Aldi-Tasche eine Ikone wie die von Ikea

In der Tat ist die Aldi-Tüte eine Marke unter den Tragebeuteln wie sonst vielleicht nur die Ikea-Tasche Frakta. Entworfen wurde sie 1970 vom Münchner Maler und Grafiker Günter Fruhtrunk. Zwei Jahre zuvor war er Teilnehmer der documenta 4 in Kassel und der Biennale in Venedig. Trotzdem ist sein Name anders als sein berühmtestes Werk nur Kunstkennern ein Begriff.

Glücklich wurde er durch seine Auftragsarbeit für Aldi jedoch nicht. Seinen Studenten an der Münchner Kunstakademie gestand er wenig später: "Ich habe gesündigt." Zudem zahlte er 400 D-Mark in die Kaffeekasse - als symbolisches Bußgeld für seinen Verkauf an den Kapitalismus. 1982 nahm sich Fruhtrunk in seinem Atelier das Leben. Wegen einer schweren Kopfverletzung aus dem Zweiten Weltkrieg hatte er sein Leben lang unter starken Schmerzen gelitten.

Seine schnörkellosen Werke, die durch breit aufgetragene Farbflächen und Diagonalen gekennzeichnet waren, sind heute unter anderem in der Neuen Galerie in Kassel zu sehen. 2011 gab es in Ludwigshafen sogar eine ganze Ausstellung mit Discounter-Kunst, die bekannte: "I Love Aldi." Auch andere Marken wie Lidl oder Ikea setzten auf eine ähnliche Bildsprache.

Insofern endet mit dem Verschwinden der klassischen Aldi-Tüte tatsächlich eine Ära. Aber ist das wirklich ein Verlust? Ökologisch betrachtet sind Einwegtaschen aus rohem Erdöl eine Katastrophe. Dass Aldi nun nur noch Mehrwegtragetaschen anbietet, ist längst überfällig und nur ein erster kleiner Schritt in Richtung Nachhaltigkeit. Die Geiz-ist-geil-Mentalität, die die Tüte ebenso wie die gleichnamige Media-Markt-Kampagne symbolisierte, ist noch lange nicht überwunden.

Bayern-Fans sorgten für Rassismus-Skandal

Insofern hat der HipHopper Sido der Tasche ein fragwürdiges Denkmal gesetzt. In seinem Song "Aldi Tüte" rappte er 2011: "Das hängt mir alles zum Hals raus hier / Das kotzt mich an, ich bin voll frustriert / Ich fahr' in Urlaub mit 'ner Aldi Tüte / Nur 'nen Schlüpper und ne Zahnbürste / Ich hau jetzt einfach ab, denn ich kann / Den Scheiß hier nicht mehr sehen." Vielleicht dachte er damals auch an den Skandal, für den die Fans des FC Bayern München 1997 sorgten. 

Während des Champions-League-Spiels gegen Besiktas Istanbul begrüßten die Fußball-Fans die Türken mit hochgehaltenen Aldi-Tüten. Dazu skandierten sie: "Ihr könnt zum Aldi fahren". Weil damals angeblich besonders Migranten beim Billigheimer einkauften, erkannte die türkische "Hürriyet" "Rassismus auf der Tribüne." Fast wurde eine Staatsaffäre daraus wie später bei Jan Böhmermanns Erdogan-Gedicht. Die Fans hielten damals allerdings nicht Fruhtrunks blau-weiße Tüte hoch, sondern die bunte von Aldi Süd.

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