Bekenntnis eines lügenden Vaters

Alles nur für strahlende Kinderaugen: Die Lüge zu Weihnachten

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Komisch: Unser Autor wunderte sich bei der Bescherung Ende der 70er-Jahre, dass der Weihnachtsmann einen Schrubber aus dem Keller sowie die Tasche der Tante in der Hand hielt.

Weihnachten ist für HNA-Redakteur Matthias Lohr ein Dilemma: Seine achtjährige Tochter glaubt noch an den Weihnachtsmann. Soll er ihr die Wahrheit sagen? Bekenntnis eines lügenden Vaters:

Manchmal bekomme ich einen Schrecken, wie groß unsere Tochter mit acht Jahren schon ist. Sie schaut zum Beispiel jeden Abend „logo“-Nachrichten im Kinderkanal und weiß sehr genau, dass die Klamotten, die es in der Stadt gibt, deshalb so billig sind, weil sie irgendwo in Fernost von Mädchen in ihrem Alter für einen Hungerlohn zusammengenäht werden. Und trotzdem glaubt sie auch in der dritten Klasse noch fest an den Weihnachtsmann und das ganze Adventspipapo.

Sie hat wie jedes Jahr einen Wunschzettel geschrieben und sich über den Nikolaus gefreut, der ihren Stiefel nachts mit Süßigkeiten gefüllt hat. Außerdem ist sie fest davon überzeugt, dass die Kiste mit Weihnachtsbüchern, die meine Frau Anfang Dezember heimlich vor die Haustür gestellt hat, tatsächlich von den Wichteln dort deponiert wurde. Sie hält es auch für selbstverständlich, dass die Wichtel die Lektüre Anfang Januar wieder abholen.

Ihre kindliche Naivität ist süß, aber manchmal erschreckt sie mich auch. Ihr Glaube an den Weihnachtsmann lässt sich durch nichts erschüttern. Weder durch ihre Klassenkameraden, die längst durchschaut haben, dass das alles nur eine große Lüge ist, noch durch unser Lieblingsbuch „Weihnachtspost für Ayshe“.

Darin wünscht sich ein türkisches Mädchen, dass der Weihnachtsmann ihr auch ein Geschenk bringen möge – wie ihren deutschen Nachbarskindern. Ihr älterer Bruder lacht sie aus und erklärt ihr, dass das mit dem Weihnachtsmann nur ein Trick sei: „Man kriegt nichts geschenkt. Man muss sich alles kaufen.“

Der Briefträger, dem Ayshe ihren Wunsch erzählt, bringt ihr am Ende einen Schlitten. Es ist so offensichtlich, dass das Geschenk vom Postmann statt vom Weihnachtsmann ist. Nur nicht für unsere Tochter. Manchmal fürchte ich, dass sie das alles gegen uns verwenden wird, wenn ihr drei Jahre jüngerer Bruder sie später einmal aufgeklärt haben wird. Ist es nicht gemein, sein Kind anzulügen, nur weil das Strahlen in seinen Augen Weihnachten noch zauberhafter macht?

Ich habe überlegt, wie ich als Kind vor mehr als 30 Jahren hinter die Sache gekommen bin. Ich weiß noch, dass der Weihnachtsmann einmal einen Schrubber aus unserem Keller und eine Tasche meiner Tante statt eines Sacks in der Hand hielt. Es war auch völlig klar, dass während der Bescherung immer ein Erwachsener gerade nicht im Raum war und erst wiederkam, nachdem der Weihnachtsmann sich verabschiedet hatte.

Damals habe ich nicht weiter darüber nachgedacht. Und später, als ich etwas größer war, habe ich gelacht – über mich und die Tricks der Erwachsenen. Heute kenne ich niemanden, der sich wegen der Geschichte als Kind betrogen fühlte. Vielleicht ist der Weihnachtsmann die einzige Lüge, die das Leben für alle schöner macht. Darum werde ich unserer Tochter erst dann die Wahrheit sagen, wenn sie von selbst beginnt, den Weihnachtsmann infragezustellen.

Das größte Problem, das ich nun habe, ist dieser Text. Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Tochter ihn liest, ist jedoch gering, weil sie bislang nur Fußballberichte studiert. Mehr als an den Weihnachtsmann glaubt sie seit dem WM-Finale nämlich an Mario Götze.

Von Matthias Lohr

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