"Je jünger das Publikum bei einem Konzert, desto respektvoller ist es"

Alle schimpfen auf die Jugend, aber sind nicht die Alten das Problem?

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Generationenkonflikt: Die Jungen haben keinen guten Ruf, aber viele Alte grüßen auch nicht, wenn man sie im Wald trifft.

Seit Jahrtausenden wird auf die Jugend geschimpft. Dabei ist die besser als ihr Ruf. Unser Autor fragt sich, ob nicht vielmehr die Alten das Problem sind. Eine Polemik.

Es war ein heißer Samstagmorgen, als ich mir bewusst wurde, dass ich ein alter Spießer geworden bin. Ich lief zwei Stunden durch den einsamen Wald, traf fünf Seniorenpaare, die spazieren gingen, sagte "Hallo" und "Servus", aber niemand erwiderte meinen Gruß. Früher wäre mir das egal gewesen, aber je älter man wird, desto mehr wird einem klar, dass Anstand und Respekt nicht die unwichtigsten Dinge im Leben sind.

Ich hatte noch keinen klaren Kopf, als ich wieder zu Hause war. Darum postete ich bei Facebook: "Seit Jahrhunderten wird auf die Jugend geschimpft. Aber was ist mit den Alten von heute los? Fünf Seniorenpaare morgens im Wald getroffen, niemand hat gegrüßt. Selbst Teenager, die Crystal Meth nehmen, haben mehr Anstand und Respekt." Ein Bekannter warnte mich: Wenn ich über meine Erfahrungen einen Artikel schriebe, würde ich meinen Job oder die Abozahl meines Arbeitgebers gefährden. Oder beides. Ich versuche es trotzdem und beginne mit der Jugend.

Sie hat es seit jeher nicht leicht. Schon Aristoteles zürnte: "Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen." Heute wird jungen Menschen unter anderem vorgeworfen, überbehütet zu sein. Es heißt, sie würden nur an sich denken, ständig Selfies auf Instagram posten und lieber ins Fitnessstudio gehen statt zur Jahreshauptversammlung des Sportvereins. Das mag alles stimmen. Aber wenn ich Teenager und Mittzwanziger im Wald treffe, in dem sonst niemand ist, grüßen sie in aller Regel.

Nun ist der Gruß erst einmal nur ein Gruß, aber eben auch ein Symbol für ein gesellschaftliches Miteinander. Der Veranstalter eines großes Musikfestivals in der Region, der auch nicht mehr der Allerjüngste ist, antwortete auf meinen Facebook-Post, dass er ähnliche Erfahrungen jeden Abend mache: "Je jünger das Publikum, desto respektvoller und netter wird miteinander umgegangen. Je älter das Publikum, desto…" Er ließ das Ende offen, aber es ist offensichtlich, dass er ältere Besucher zu den etwas schwierigeren Menschen zählt.

Der Beitrag stammt nicht von hna.de, sondern von Sat.1 und der Video-Plattform Glomex.

Manchmal rufen uns in der Redaktion Menschen an, die gelinde gesagt auch nicht ganz einfach sind. Zuletzt beschwerte sich eine Leserin, dass der Redakteur, der sich die Überschrift auf der Sportseite ausgedacht habe, komplett bescheuert sei. Es schloss sich eine Tirade an, die mit der These endete, dass alle jüngeren Redakteure doof seien. Die Schlagzeile war übrigens sowohl inhaltlich als auch grammatikalisch korrekt. Und die Leserin, die am Ende einfach auflegte, war 68.

Man sollte niemals von Einzelfällen auf die Allgemeinheit schließen, aber was ist, wenn sich die Einzelfälle häufen? In der Debatte um den Rechtspopulismus ist häufig vom alten weißen Mann die Rede, der Frauen und Homosexuelle verachtet, dem die Umwelt egal ist und für den früher alles besser war, weshalb er bei Pegida-Demos mitgrölt und AfD wählt. Dieses Klischee ist eine schreckliche Verallgemeinerung, denn es gibt sehr viele alte weiße Männer (und Frauen), die so sind, wie man selbst gern wäre.

Vielleicht hat das alles gar nichts mit dem Alter zu tun. Vom Maler Salvador Dalí stammt der Satz: "Das Problem mit der heutigen Jugend ist, dass man selbst nicht mehr dazugehört." Darum schimpfen die Alten auf die Jungen. Und weil die Jungen noch lange nicht zu den Alten gehören wollen, schimpfen sie zurück. Die Berliner Schriftstellerin Ronja von Rönne, die 26 ist und als Stimme ihrer Generation gilt, sagte gerade: "Ich identifiziere mich mit einem 50-jährigen Londoner mehr als mit einem 20-Jährigen aus meinem Heimatdorf in Oberbayern." Ein Bekannter schrieb irgendwann unter meinen Post: "Viele Menschen grüßen zurück, viele grüßen nicht zurück. Hat mit dem Alter nichts zu tun."

Wahrscheinlich hat er recht. Oder doch nicht? Diese Woche machte eine Seniorin am Kasseler Hauptbahnhof Schlagzeilen. Sie fragte eine 16 Jahre alte Schülerin, ob der wartende Zug der richtige für sie sei. Als das Mädchen zur Anzeigetafel ging, um für die Frau nachzuschauen, und ihre Handtasche auf einer Bank liegen ließ, klaute die Seniorin ihr Portemonnaie mit Ausweisen, Zug-Ticket und EC-Karte. Die Täterin mit dem ungewöhnlichen Enkeltrick soll zwischen 60 und 70 Jahren alt sein.

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