Zweifel am System

Lebenslang für Amokfahrer: Urteil von Graz löst Debatte aus

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Das Urteil zur Amokfahrt von Graz mit drei Toten hat in Österreich eine Debatte über die Kompetenz von Laienrichtern ausgelöst.

Graz - Im Film schaffen sie immer Spannung: Geschworene. Sie entscheiden auch in Österreich über Schuld oder Unschuld. Im Fall der Amokfahrt von Graz kommen Zweifel am System auf.

Das Urteil zur Amokfahrt von Graz mit drei Toten hat in Österreich eine Debatte über die Kompetenz von Laienrichtern ausgelöst. Die acht Geschworenen hatten den Amokfahrer im Gegensatz zu manchen Gutachtern für schuldfähig erklärt. Das Grazer Landgericht hatte den 27-Jährigen daraufhin am Donnerstagabend wegen dreifachen Mordes und 108-fachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft und zur Einweisung in die Psychiatrie verurteilt.

Spätestens jetzt sei zu hinterfragen, ob medizinische und juristische Laien über die Korrektheit der hier widersprüchlichen Gutachten von Psychologen und Psychiatern befinden sollten, sagte die Verteidigerin des Angeklagten. Auch andere Experten erklärten, das Rechtssystem sei an einem kritischen Punkt angelangt. „Die seit Jahrzehnten geplante Reform solcher Urteilsfindung ist überfälliger denn je“, kommentierte die Zeitung „Kurier“. Die Verteidigung kündigte Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung an.

Der Angeklagte war am 20. Juni 2015 mit hohem Tempo durch die Fußgängerzone der Grazer Innenstadt gerast. Unter den Toten war auch ein vierjähriger Junge. Außerdem kamen eine 53-jährige Frau und ein 28-jähriger Mann ums Leben. Mehr als 30 Menschen wurden verletzt, über 100 hatten sich im letzten Moment gerettet.

Der Amokfahrer hatte angegeben, er habe sich verfolgt gefühlt. „Ich habe aus Angst gehandelt“, sagte er mehrfach vor Gericht. Während des Prozesses hatten mehrere Gutachter ihm Schizophrenie attestiert. Zwei von ihnen hielten den 27-jährigen jedoch für schuldfähig. Die Staatsanwaltschaft wollte ihn ohne ausdrückliche Haftstrafe in die Psychiatrie einweisen lassen.

Schock und Trauer nach Amokfahrt in Graz

Tausende folgten nach einer Amokfahrt in Graz dem Facebook-Aufruf eines Bürgers und stellten in der Innenstadt Kerzen ab. Foto: Elmar Gubisch
Tausende folgten nach einer Amokfahrt in Graz dem Facebook-Aufruf eines Bürgers und stellten in der Innenstadt Kerzen ab. Foto: Elmar Gubisch © Elmar Gubisch
Betroffen beten Gottesdienstbesucher in der Stadtpfarrkirche in Graz für die Opfer. Foto: Elmar Gubisch
Betroffen beten Gottesdienstbesucher in der Stadtpfarrkirche in Graz für die Opfer. Foto: Elmar Gubisch © Elmar Gubisch
In Gedenken an die Opfer des Amokfahrers stellen diese jungen Frauen Kerzen auf. Foto: Elmar Gubisch
In Gedenken an die Opfer des Amokfahrers stellen diese jungen Frauen Kerzen auf. Foto: Elmar Gubisch © Elmar Gubisch
Stille Klage: Angehörige zeigen Fotos ihres getöteten Verwandten. Foto: Elmar Gubisch
Stille Klage: Angehörige zeigen Fotos ihres getöteten Verwandten. Foto: Elmar Gubisch © Elmar Gubisch
In Gedenken an die Opfer haben sich diesde jungen Frauen in Graz spontan versammelt. Foto: Elmar Gubisch
In Gedenken an die Opfer haben sich diesde jungen Frauen in Graz spontan versammelt. Foto: Elmar Gubisch © Elmar Gubisch
An diese Stelle starben drei Menschen durch eine Amokfahrt. Foto: Elmar Gubisch
An diese Stelle starben drei Menschen durch eine Amokfahrt. Foto: Elmar Gubisch © Elmar Gubisch

In diesem Fall hätte er - Besserung des Zustands und Ungefährlichkeit vorausgesetzt - schon nach wenigen Jahren wieder auf freien Fuß sein können. Eine Vorstellung, die nach Meinung von Prozessbeobachtern in der von der Amokfahrt nach wie vor schockierten Stadt eher Befremden ausgelöst hat.

Das österreichische Rechtssystem kennt ähnlich wie das in den USA, Kanada und Frankreich in schweren Fällen die für den Schuldspruch entscheidende Rolle von Geschworenen. In Deutschland wurden Geschworene schon in den 1920er Jahren abgeschafft.

dpa

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