Anschlag: Zwei deutsche Soldaten sterben

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Afghanische Sicherheitsleute stehen vor dem Sitz des Gouverneurs, während drinnen Rauchschwaden aufsteigen

Talokan - Schwarzer Tag für die Bundeswehr: Noch nie kam ein deutscher General bei einem Anschlag in Afghanistan zu Schaden - nun wurde Kommandeur Kneip verletzt. Zwei deutsche Soldaten wurden getötet.

Bei einem Selbstmordanschlag der Taliban in Nordafghanistan sind nach Angaben der Bundesregierung zwei deutsche Soldaten getötet worden. Der Kommandeur der Internationalen Schutztruppe Isaf in Nordafghanistan, der deutsche General Markus Kneip, wurde verletzt - ebenso wie fünf weitere deutsche Soldaten. 

Der Anschlag vom Samstag, zu dem sich die Taliban bekannten, richtete sich gegen ein Treffen ranghoher Sicherheitskräfte in der Stadt Talokan. Insgesamt sollen dabei sieben Menschen getötet worden sein. Die afghanischen Behörden sprachen zunächst von drei getöteten Deutschen. Mindestens einer der Attentäter soll sich in Polizeiuniform Zutritt verschafft haben.

Anschlag: Zwei deutsche Soldaten sterben

Afghanische Sicherheitsleute stehen vor der verkohlten Fassade des Gouverneursitzes © dpa/ap
Afghanische Sicherheitsleute stehen vor der verkohlten Fassade des Gouverneursitzes © dpa/ap
Afghanische Sicherheitsleute stehen vor dem Sitz des Gouverneurs, während drinnen Rauchschwaden aufsteigen © dpa/ap
Afghanische Sicherheitsleute stehen vor der verkohlten Fassade des Gouverneursitzes © dpa/ap
Afghanische Sicherheitsleute stehen vor der verkohlten Fassade des Gouverneursitzes © dpa/ap
Verwandte eilen einem Verwundetem im Krankenhaus zur Seite © dpa/ap
General Mohammed Daud Daud (2 v.l.) und der deutsche General Markus Kneip schütteln sich die Hände (Archivbild) © dpa/ap
Verteidigungsminister Thomas de Maiziere (CDU, l.) steht am Samstag (28.05.11) in Berlin bei einem Pressestatement zum Tod von zwei deutschen Soldaten in Afghanistan neben Generalleutnant Rainer Glatz. © dpa/ap

Der Anschlag wurde in der östlich von Kundus gelegenen Provinz Tachar verübt. 

Es ist das erste Mal, dass auch ein deutscher General in Afghanistan zu Schaden kam. De Maizière forderte die Deutschen in der Heimat auf, “gerade jetzt unseren Einsatz in Afghanistan zu unterstützen.“ Zweifel seien erlaubt und sogar angebracht. Doch: “Wir wissen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

Mit dem Anschlag in Talokan stieg die Zahl der insgesamt in Afghanistan ums Leben gekommenen Bundeswehrsoldaten auf 50. 32 von ihnen starben bei Gefechten oder Anschlägen.

Das ist Afghanistan

Seit dem Sturz der Taliban vor acht Jahren sind Milliarden Hilfsgelder nach Afghanistan geflossen. © dpa
In dem Land am Hindukusch sind inzwischen mehr als 100.000 internationale Soldaten stationiert. © dpa
Afghanistan ist jedoch immer noch eines der korruptesten, ärmsten und gefährlichsten Länder der Welt © dpa
In Afghanistan leben auf einer Fläche, die knapp doppelt so groß ist wie Deutschland, rund 33 Millionen Menschen. © dpa
Dem Entwicklungsindex (HDI) der Vereinten Nationen zufolge ist Afghanistan derzeit das zweitärmste Land der Welt. Schlechter ist die Lage nur im Niger. © dpa
Der Index berücksichtigt neben dem Einkommen auch Faktoren wie Kindersterblichkeit, Unterernährung und Bildung. © dpa
Mehr als 50 Prozent der Afghanen leben Schätzungen zufolge unter der Armutsgrenze. © dpa
Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt laut Vereinten Nationen bei 44 Jahren (Deutschland: 80 Jahre). © dpa
Der Durchschnitt der ärmeren Länder liegt laut Weltbank bei 59 Jahren. © dpa
Auf dem Korruptionsindex 2009 von Transparency International ist Afghanistan weiter zurückgefallen und steht auf dem vorletzten Rang. Noch schlechter ist die Lage nur in Somalia. © dpa
Die Wirtschaftsleistung (BIP) lag laut Internationalem Währungsfonds (IWF) unter Einberechnung eines Kaufkraftausgleichs 2008 bei 21,4 Milliarden Dollar oder 760 Dollar pro Kopf. © dpa
Für 2009 rechnet der IWF mit einem BIP von 25,1 Milliarden Dollar. © dpa
Das Volumen des illegalen Opiumhandels wird von der Weltbank auf ein Drittel des regulären BIP geschätzt. © dpa
Afghanistan produziert mehr als 90 Prozent des weltweit gehandelten Opiums, woraus Heroin hergestellt wird. © dpa
Für Projekte der Entwicklungshilfe und des Wiederaufbaus sind von der Bundesregierung von 2002 bis 2010 mehr als 1,2 Milliarden Euro Hilfsgelder zugesagt. © dpa
Bis Mitte August 2009 wurden davon 830 Millionen Euro ausgezahlt. © dpa
Damit ist es das größte Empfängerland deutscher Entwicklungshilfe. © dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nahm die Nachricht vom Tod der deutschen Soldaten “schockiert und traurig“ auf. “Dieser terroristische Anschlag zeigt eine mörderische Menschenverachtung“, sagte sie in der in Berlin verbreiteten Erklärung. Auch Außenminister Guido Westerwelle (FDP) äußerte sich während eines Besuchs im Golfstaat Oman bestürzt über den Terrorakt.

Auf afghanischer Seite starben der Polizeikommandeur für den Norden des Landes, Daud Daud, sowie der Polizeichef der Provinz Tachar, Schah Dschahan Nuri. Unter den Verletzten sei auch Gouverneur Abdul Jabar Taqwa, sagte dessen Sprecher, Fais Mohammad Tawhidi, der dpa.

In Berlin teilte der Befehlshaber des Einsatzführungskommandos, Generalleutnant Rainer Glatz, mit: “Wir müssen davon ausgehen, dass es ein Angriff mehrerer Selbstmordattentäter gewesen ist.“ Die Verwundeten seien mit Hubschraubern nach Kundus ausgeflogen worden. Es sei nicht geplant, Kneip nach Deutschland zu bringen. “Er ist leicht verwundet.“ Zum Zustand der anderen Soldaten könne er noch keine Aussagen machen.

Einer der Attentäter soll nach dpa-Informationen eine Polizeiuniform getragen haben. Der Mann gehörte demnach zu den Sicherheitskräften, die das hochrangige Treffen schützen sollten. Als die Teilnehmer des Treffens den Konferenzraum verlassen hätten, sei der Attentäter auf die Gruppe zugegangen und habe seinen Sprengstoff gezündet. Die Nachrichtenagentur dapd berichtet ähnlich von dem Vorfall: “Was wir wissen, ist, dass der Attentäter eine Polizeiuniform trug“, sagte Fais Mohammad Tauhedi, ein Sprecher des bei dem Anschlag verletzten Gouverneurs Abdul Dschabar Takwa. “Wie er den Konferenzraum betrat und warum er nicht durchsucht wurde, wissen wir nicht“, sagte Tauhedi. Offenbar war es dem Attentäter gelungen, in einen Raum in dem Gebäudekomplex zu gelangen, in dem am Samstag ein Treffen hochrangiger afghanischer Vertreter mit Mitgliedern der NATO-Truppen stattfand.

Was dürfen deutsche Soldaten in Afghanistan?

Die Diskussion um den verheerenden Luftangriff im afghanischen Kundus entzündet sich vor allem an der Frage: Was dürfen deutsche Soldaten in Afghanistan? © dpa
Dazu die wichtigsten Fragen und Antworten. © dpa
Herrscht in Afghanistan Krieg? © dpa
Die große Mehrheit der Experten spricht von einem “nichtinternationalen bewaffneten Konflikt“; landläufig nennt man das Bürgerkrieg. © dpa
Sollte die Bundesanwaltschaft das ebenso sehen, sind Handlungen deutscher Soldaten nach dem Völkerstrafgesetzbuch zu beurteilen - was ihnen einen deutlich größeren Spielraum gibt als das normale Strafrecht. © dpa
Dürfen deutsche Soldaten gezielt Taliban-Kämpfer töten, auch wenn sie nicht aktuell angegriffen werden? © dpa
Nach dem Völkerrecht grundsätzlich ja. © dpa
Die Taliban sind zwar keine “Kombattanten“ wie in einem Krieg zwischen Staaten. Nach Angaben des Völkerrechtlers Michael Bothe werden jedoch Personen “mit ständigem Kampfauftrag“ in dieser Hinsicht genau so behandelt. © dpa
Damit sind sie - im Prinzip - ein zulässiges Ziel militärischer Gewalt, auch außerhalb einer akuten Notwehr- oder Nothilfesituation. © dpa
Laut NATO-Untersuchungsbericht sind infolge des von Kommandeur Georg Klein angeforderten Angriffs bis zu 142 Menschen getötet oder verletzt worden, darunter 30 bis 40 Zivilisten. © dpa
Hat sich der Oberst strafbar gemacht? © dpa
Das hängt davon ab, ob die Schäden in der Zivilbevölkerung noch im Verhältnis zum “unmittelbaren und konkreten militärischen Vorteil“ stehen. © dpa
Dafür spielen neben dem Zahlenverhältnis zwischen getöteten Kämpfern und Zivilisten weitere Faktoren eine Rolle, etwa, ob eine akute Gefahrenquelle ausgeschaltet und ob die Zivilbevölkerung zuvor gewarnt wurde. © dpa
Maßgeblich ist zudem die Sachlage vor dem Angriff, nicht deren nachträgliche Beurteilung. Gerichtlich ist die Verhältnismäßigkeit bisher kaum definiert. © dpa
Könnte Klein (Foto: rechts) das ISAF-Mandat überschritten und sich deshalb strafbar gemacht haben? © dpa
Das ISAF-Mandat spielt für die Strafbarkeit nach dem Völkerstrafgesetzbuch keine Rolle. © dpa
Außerdem muss das anfangs auf eher unterstützende Sicherheitsaufgaben gerichtete Mandat nach Auffassung der Völkerrechtlerin Heike Krieger “dynamisch interpretiert werden“ - womit sich auch die Befugnisse der Soldaten zum Einsatz militärischer Gewalt erweiterten. © dpa

Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid sagte, einer ihrer Selbstmordattentäter habe den Anschlag auf das Treffen in Talokan verübt. Ein dpa-Reporter am Tatort berichtete, die Stadt sei nach dem Anschlag wie ausgestorben. Straßen in die Stadt seien gesperrt worden.

Außenminister Westerwelle (FDP) verurteilte während eines Besuchs in Oman den neuen tödlichen Anschlag auf die Bundeswehr in Afghanistan. “Ich bin bestürzt über diesen barbarischen Terrorakt. Wir trauern um die Toten und bangen mit den Verletzten“, sagte Westerwelle. Verteidigungsminister de Maizière sprach den Angehörigen sein Mitgefühl aus. “Sie verlieren ihre liebsten Menschen, sie können sich nicht einmal von ihnen verabschieden.“

Am Bundeswehrlager in Talokan war es erst Mitte Mai zu schweren Ausschreitungen gekommen. Deutsche Soldaten hatten daraufhin gezielt auf Angreifer geschossen. Dabei waren elf Afghanen getötet worden, nach Angaben der Bundeswehr allerdings nicht von deutschen Soldaten sondern von einheimischen Wachleuten.

dpa/dapd

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