Arbeit an Träumen hilft beim Lösen von Problemen

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Einmal pro Woche erinnern sich die Menschen in Deutschland im Schnitt an einen Traum. Nach Ansicht des Forschers kann man aus den Filmen im Gehirn lernen. Foto: Privat/Schredl

Mannheim/Klingenmünster (dpa) - Viele Menschen leiden unter wiederkehrenden Alpträumen. Dabei lassen sich die nächtlichen Erlebnisse sogar nutzen.

Der Mannheimer Psychologe und Traumforscher Michael Schredl erklärt im Interview der Deutschen Presse-Agentur anlässlich eines Symposiums im Rheinland-Pfälzischen Klingenmünster, wie die Arbeit mit Träumen helfen kann, Probleme zu lösen.

Frage: Ab wann muss man vor seinen Träumen Angst haben, oder: Welche Träume sind als Alarmsignale zu werten?

Schredl: Träumen ist die natürliche Fähigkeit des Gehirns, während des Schlafes so eine Art subjektives Erleben zu erzeugen. Und es gibt Träume, die belastend sind. Aber letztendlich sind Träume keine Alarmsignale, sondern sie spiegeln das wider, was einen beschäftigt - ob das jetzt schöne Dinge sind, Stress, belastende Dinge - alles kommt im Traum vor, und man kann davon Einiges lernen.

Frage: Was genau kann man denn davon lernen?

Schredl: Es gibt mehrere Möglichkeiten. Die eine ist, zu sehen, wie es zu etwas gekommen ist, was das mit den eigenen Stärken und Schwächen zu tun hat. Und die zweite ist - und das setzten wir gerade zur Behandlung von Alpträumen ein - die Idee, sich am Tage anhand der Traumsituation neue Problemlösestrategien vorzustellen, wie man mit der Situation umgehen kann. Und wenn man das trainiert, verändert sich tatsächlich etwas.

Frage: Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Schredl: Ein klassisches Beispiel ist der Verfolgungstraum. Da ist irgendjemand oder irgendetwas hinter einem her, und man läuft möglichst schnell weg. Das nennen die Psychologen Vermeidungsverhalten. Und in der Vorstellung wird dann überlegt: Was könnte man denn noch tun, außer diesem Vermeidungsverhalten. Und gerade bei den Verfolgungsträumen bietet sich dann so etwas an wie Stehenbleiben, Umdrehen, schauen, wer da überhaupt ist - oder sich Hilfe holen, um sich gegen diese vermeintliche Gefahr zu wehren.

Frage: Und das wird dann quasi in der Nachbereitung eingeübt?

Schredl: Genau. Die Grundidee ist, dass der Alptraum ein Vermeidungsverhalten darstellt, das eine übertriebene Form des Verhaltens am Tage ist. Und wenn man in der Vorstellung trainiert, etwas anderes zu machen als zu Vermeiden, dann wirkt sich das positiv auf die Träume aus - und natürlich positiv auf den Alltag.

Frage: Haben Sie da bestimmte Erfolgsquoten?

Schredl: Es gibt weltweit etwa 15 gut kontrollierte Studien, die von Erfolgsquoten von etwa 70 Prozent ausgehen.

Frage: Wie untersucht man überhaupt Träume? Die Menschen erinnern sich ja nur selten dran, und wenn, dann nur an die besonders guten oder schlechten.

Schredl: Die Traumerinnerung ist sehr variabel. Die deutsche Bevölkerung erinnert sich im Schnitt einmal pro Woche an einen Traum. Allerdings ist das von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Es gibt tatsächlich viele Menschen, die sich mehrmals pro Woche oder fast jede Nacht an Träume erinnern. Für ganz intensive Studien wecken wir die Probanden im Schlaflabor. Wenn man junge Testpersonen in bestimmten Schlafstadien weckt, kann man fast 100 Prozent Traumerinnerung bekommen.

Frage: Inwieweit können Träume eigentlich von außen beeinflusst werden?

Schredl: Wir haben selbst einige Studien dazu gemacht. Die meisten Reize, Geräusche oder Gerüche führen nicht dazu, dass man aufwacht, aber das Gehirn beobachtet die Umgebung während des Schlafes, und ein Teil dieser Reize, die da präsentiert werden, wird in den Traum integriert. Wir haben Gerüche verwendet, um Träume zu beeinflussen. Es zeigt sich, dass das Gehirn auch während des Schlafes ziemlich viel Informationsverarbeitung betreibt.

Frage: Ist das auch eine Möglichkeit, positive Träume zu erzeugen?

Schredl: Wir hatten tatsächlich in einer Studie die Möglichkeit, mit einem angenehmen Duft die Traumstimmung auch positiv zu beeinflussen. Das ist technisch relativ schwierig, weil man eine große Apparatur dafür braucht. Eine einfache Duftlampe im Schlafzimmer reicht nicht, weil der Geruchssinn sich nach ein bis zwei Minuten so adaptiert, dass er den ständigen Geruch nicht mehr wahrnimmt.

Frage: Ist es denn empfehlenswert, Träume zu beeinflussen?

Schredl: Die Beeinflussung von Träumen durch externe Reize ist eher interessant für die Laborforschung, weil wir wissen wollen, wie das Gehirn nachts während des Schlafes funktioniert. Für den praktischen Nutzen, für den Hausgebrauch, macht es keinen Sinn.

ZUR PERSON: Prof. Dr. Michael Schredl (52) hat Elektrotechnik und Psychologie studiert und ist seit 2002 wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Er führt seit 30 Jahren ein Traumtagebuch und kann sich nach eigenen Angaben fast jeden Morgen an das Geträumte erinnern.

Zentralinstitut für Seelische Gesundheit

Informationen zur Traumforschung in Deutschland

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