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Arzneimittel-Knappheit: Das Netz lacht über „Flohmarkt für Medikamente“-Vorschlag

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Von: Romina Kunze

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Um den Arzneimittel-Engpässen Herr zu werden, schlägt der Ärzte-Chef einen „Flohmarkt für Medikamente“ vor. Die Reaktionen im Netz reichen von Kritik bis Häme.

Kassel – Wer seine alten Sachen nicht mehr braucht, kann sie weiterverkaufen und noch zu Geld machen. Dass das Modell der Second-Hand-Verwertung zieht und meist für beide Parteien ein Gewinn ist, zeigen Apps wie eBay Kleinanzeigen und Co. oder auch die regelmäßig gut besuchten Flohmärkte von nebenan.

Der eine hat’s, brauch es aber nicht mehr, der andere braucht’s, hat es aber nicht. Das Prinzip kam wohl auch Klaus Reinhardt in den Sinn, als er jüngst mit dem Tagesspiegel sprach. Mit Blick auf den derzeit akuten Mangel an Arznei-Mitteln sprach sich der Bundesärztekammer-Präsident im Interview für einen „Flohmarkt für Medikamente“ aus.

Erkältungswelle sorgt für Arznei-Mittel-Engpässe: „Brauchen Medikamente-Flohmärkte“

Winterzeit ist Erkältungszeit. Das zeigt einmal mehr die Erkältungswelle, die derzeit über Deutschland rollt und für viele Krankmeldungen sorgt. Und das macht sich auch in den Apotheken bemerkbar: etliche Medikamente fehlen. Vor allem Fieber senkende Mittel für Kinder werden derzeit knapp.

Eine Person liegt auf der Couch und nimmt eine Kapsel aus einer Medikamenten-Packung.
Derzeit liegen viele Menschen in Deutschland mit einer Erkältung flach. Die Apotheken haben Mühe und Not, alle mit den benötigten Arznei-Mittel zu versorgen. Von dem Vorschlag eines „Flohmarkts für Medikamente“ halten sie trotz Engpass wenig. © Daniel Ingold/imago

Darauf angesprochen, appellierte Reinhardt gegenüber dem Tagesspiel an der Solidarität der Bürgerinnen und Bürger. Um den Engpass zu überbrücken, bräuchte es ein gewisses Maß an Nachbarschaftshilfe. „Wir brauchen so was wie Flohmärkte für Medikamente in der Nachbarschaft“, so der Bundesärztekammer-Präsident. Und: „Wer gesund ist, muss vorrätige Arznei an Kranke abgeben.“ Das gelte auch bedenkenlos für Medikamente, die bereits „einige Monate abgelaufen“ sind.

Das Netz lacht und spottet über „Medikamenten-Flohmarkt“-Vorschlag

Was bei ausgedienten Fahrrädern, Haushaltsgegenständen oder Spielsachen funktionieren mag, muss nicht zwangsläufig auch für Tabletten, Hustensaft und Co. gelten. Der Vorstoß des Bundesärztekammer-Präsidenten war in Anbetracht der vielen derzeit Erkrankten sicherlich gut gemeint, ist aber – vorsichtig ausgedrückt – nicht ganz unumstritten.

Wie so oft lässt die Reaktion im Netz nicht lange auf sich warten. Auf Twitter hagelt es Kritik, etliche Nutzer quittieren den Vorschlag gar mit Spott und Häme. So schreibt ein User zynisch: „Früher haste Koks oder Gras auf der Straße gedealt. Heute wirste mit Nurofen reich.“

Auch einen Seitenhieb gegen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach konnte sich eine Nutzerin nicht verkneifen. In Anspielung auf die zahlreichen Dosen von ungenutzten und abgelaufenen Impfstoffen gegen das Corona-Virus schreibt sie: „Auf dem #Flohmarkt hat mir ein windiger Typ, mehrere 100 Mio. abgelaufenen #BionTech #Impfstoff angeboten. Soll noch gut sein! Wer Kontaktdaten vom #MedikamentenDealer braucht, melden! #Medikamentenflohmarkt“.

Flohmarkt für Medikamente: Privater Weiterverkauf ist strafbar und kann bis zu zehn Jahre Haft nach sich ziehen

Was bei dem einen oder anderen womöglich für ein leichtes Schmunzeln sorgt, zeigt zwischen den Zeilen aber auch einen weiteren, weitaus weniger witzigen Aspekt auf; und zwar die juristischen Grenzen, zwischen denen sich ein möglicher Medikamenten-Flohmarkt bewegt.

Allein schon die Rechtsgrundlage schiebe dem Vorschlag von Reinhardt einen Riegel vor, wie Fachleute in der Ärzte Zeitung kritisieren. Nach § 95 der Strafvorschriften kann derjenige, der „ein Arzneimittel in den Verkehr bringt oder bei anderen anwendet“ mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren bestraft werden. In besonders schweren Fällen, also wenn Gesundheitsgefahr für andere besteht, drohen sogar zehn Jahre Haft.

Apotheker sind empört: „Arzneimittel gehören in Apotheken, nicht auf den Flohmarkt“

Kritik, gar Empörung, für Reinhardts Vorschlag kommt auch aus den eigenen Reihen. Der Präsident der Bundesapothekerkammer, Thomas Benkert, widersprach eindringlich und warnte in der Ärzte Zeitung vor einem solchen Vorhaben. „Arzneimittel gehören in Apotheken, nicht auf den Flohmarkt – schon gar keine abgelaufenen. Es schockiert mich, dass der Präsident der Bundesärztekammer derartiges öffentlich vorschlägt“, so die Kritik von Benkert.

Die Apotheken stünden laut Benkert derzeit aufgrund der fehlenden und teils lebenswichtigen Arzneimittel unter enormen Druck. Bei hartnäckigen Erkältungen und Grippe-Erkrankungen helfen oft nur Pharmazeutika, die derzeit einfach nicht vorhanden sind. „Es wäre wünschenswert, wenn sich auch Repräsentanten der Ärzteschaft verantwortungsvoll an Lösungsansätzen beteiligen würden.“ (Romina Kunze)

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